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Ein Jahr und kein bisschen weise

Ein Jahr ist vergangen seit dem Start dieses Blogs. Ein guter Zeitpunkt die letzten zwölf Monate Revue passieren zu lassen. Da ich zu faul bin, alles selbst zu machen, hat mir LeChat von Mistral in dem Punkt unter die Arme gegriffen. Vielleicht sollte ich besser sagen, dass mir Mistral eher in den Arm gefallen ist. Besondere Schläue beim Zählen kann ich dem LLM jedenfalls nicht unterstellen. Wozu nochmal werden die derzeit so gepusht?! - Anyway!

Es ist mir tatsächlich gelungen 52 Beiträge rauszuhauen - also durchschnittlich 4,3 im Monat. Dabei schaut die Themenverteilung folgendermaßen aus:

  • Filme - 31 Beiträge
  • Serien - 8 Beiträge
  • Sonstiges (Realtalk, Sachbuch etc) - 7 Beiträge
  • Videospiele - 6 Beiträge 

Horror, Trash, Sci-Fi und ältere Filme standen dabei im Fokus. Das kürzeste Review war das zum Filmunfall Fight or Flight mit knapp 700 Worten, das längste mit etwa 5.100 die erste der drei spöttischen Herr der Ringe Retrospektiven. Mit etwas Abstand hierzu stehen die Soldatenpopaganda Project Hail Mary (4.000), Fight Club (3.600) und das politische Hufeisen One Battle After Another (3.000). 

Bei den Serien war der Rückblick auf Babylon 5 der ausführlichste Beitrag (6.000),  den Tritt in New Treks Hintern (4.100) kann man hier streng genommen nicht zählen. Bei Person of Interest (2.400) und Severance (2.000) hingegen blieben schreiberische Eskalationen aus.

Zu den drei Spielen, über die es am meisten zu sagen gab, gehören Death Stranding (3.500), Indiana Jones und der Große Kreis (2.200) und Hell is Us (2.100). 

Ich muss gestehen, dass ich beim Wiedereinstieg ins Bloggen nicht sicher war, ob der Plan eines wöchentlichen Rhythmus clever war. Neben diesem Hobby finden parallel noch weitere statt - vom privaten Leben in der echten Welt mal ganz abgesehen. Jahr Eins war gelegentlich etwas anstrengend, zugleich aber ebenso unterhaltsam als auch lehrreich für mich. Es tut gut, sich durch diesen Blog wieder intensiver mit Inhalten auseinandersetzen "zu müssen". Oft ist man nur mit halber Hirnhälfte bei der Sache und snackt Inhalte nebenher weg. Dabei kann sich ein intensiverer Blick durchaus lohnen.

Manchmal merkt man dadurch erst, dass ein zunächst eher unscheinbarer Film deutlich cleverer in der Aufarbeitung seiner Thematik ist, als man angenommen hatte. Manchmal wird ein Werk über den Klee gelobt und man stellt beim Anschauen fest, dass man als Filmforensiker in den Überresten eines cineastischen Totalschadens steht, der mit einem Tuch überdeckt und hübsch angemalt wurde, damit nicht auffällt, dass drei Viertel des Korpus fehlen. Wenn man solch einen Kandidaten auf dem Obduktionstisch liegen hat, eskalieren die Beiträge gerne mal. Manchmal erkennt man erst bei intensiverer Betrachtung interessante Erzählstrukturen abseits der Dialoge, manchmal ergibt der Plot immer weniger Sinn je länger man über ihn nachdenkt. 

Kunstschaffende - von Zeichnern, über Musiker, Regisseure und Drehbuchautoren bis Schauspieler - haben in aller Regel ein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein. Sie versuchen uns mit ihrer Kunst etwas mitzuteilen. Im besten Fall geschieht das auf unterhaltsame, vielleicht sogar lehrreiche Art und Weise. Ob uns die Themen, Blickwinkel oder Botschaften zusagen, obliegt unseren persönlichen Präferenzen. Ich mag es auch mal von einem Werk herausgefordert zu werden. Subversive Filme wie Fight Club beispielsweise, die mich dazu anregen nachzudenken oder anzuerkennen, dass es ein Problem in der Gesellschaft geben könnte, das mir bislang nicht aufgefallen ist. 

Manche Kunstschaffenden versuchen sogar uns zu indoktrinieren. Das wiederum kann ich nicht leiden, weil diese Methode verlangt, dass ich durch ein lustiges Spektakel abgelenkt werden soll, um mich in die gewollte Richtung zu nudgen. Solch einen Film hatte ich letzte Woche mit Project Hail Mary in meiner Pathologie liegen. Bei diesen Filmen ist meiner Meinung nach Vorsicht angebracht. Natürlich stoßen einem vor allem die Botschaften unangenehm auf, die man nicht mag. Doch zwischen dem Vermitteln von Messages und dem Eintrichtern einer Meinung besteht ein wichtiger Unterschied. Es ist eine Sache etwas laut zu proklamieren oder zu versuchen mich mittels Schwarzer Rethorik zu manipulieren.

Gleichzeitig bin ich kein Freund der Idee, immer durch die gleiche Brille auf Kunst zu blicken. Das kann den Blick ebenfalls auf ungesunde Weise einengen. Darum ist nicht jede Kritik auf diesem Blog automatisch eine Ideologiekritik. Es sollte allerdings klar geworden sein, dass ein wacher Geist allein schon zum Selbstschutz wichtig ist. Aus diesem Grund sollte jeder zum Hinterfragen der Motive und Ideologien in einem Werk befähigt sein.

Diese Ansicht wird oft von der patzigen Replik gekontert, dass man gefälligst das Hirn ausschalten und den Film genießen sollte. Selbstverständlich wird mein gemeines Motiv sofort aufgedeckt: ich will mit aller Gewalt anderen die Unterhaltung madig machen. Klärchen! 

Das ist eine sehr gefährliche Einstellung.

Am besten funktioniert Propaganda, wenn sie nicht als solche wahrgenommen und stattdessen unterschwellig mitverarbeitet wird. Das funktioniert individuell selbstredend unterschiedlich gut. Um die zu überzeugen, die noch nicht auf der eigenen Seite stehen, sind Formate wichtig, die leicht zugänglich und somit gut nebenher konsumierbar sind.

Zum besseren Verständnis ein Beispiel:

Wer sich das rechte politische Vorfeld anschaut, wird immer wieder auf so Figuren wie Ben von ungescriptet treffen. Unkritische Gespräche mit Leuten aus der Rechten bis Rechtsextremen Szene sind dort keine Seltenheit. Ich halte diesen Intelligenzallergiker und seine Bande aus der Gesellschaftzersetzerszene für hochgradig gefährlich. Ben ist ein so netter, ruhiger Dude und unterhält sich so lockerflockig mit den schmuddeligen Typen, dass es mächtig Menschelt. Dadurch wird sogar ein Faschist wie Björn Höcke nahbar. Das Problem dabei: Wenn jemand nahbar ist, dann kann man ihm doch auch bestimmt ein bisschen Vertrauen schenken, oder?

Und schwupps ist man unvorsichtig geworden. Plötzlich rutschen durch die schützenden Filter nach und nach von Fake-News durchsetzte Talkingpoints durch, die man sonst empört von sich gewiesen hätte. So verschiebt sich im schlimmsten Fall nach und nach die eigene Wahrnehmung und menschenfeindliche Ideen nisten sich im eigenen Kopf ein. Spätestens dann ist man reif für die laut keifende Knallchargenriege aus der zweiten Reihe, die die Radikalisierung beschleunigen und das Gedankengut festigen sollen. Ja, man ist hier gut organisiert.

Das politische Vorfeld ist vor allem in den sozialen Medien aktiv, aber auch in Vereinen, Gewerkschaften, News-Outlets und auch in der Kunst, womit der Kreis zum Kino geschlagen ist. Propaganda funktioniert im Blockbusterkino am effektivsten. Große Reichweite, kulturell über die Gesellschaftsschichten hinweg verbindende Ereignisse, serviert mit ganz viel Spektakel und Gelärme - bessere Vorraussetzungen zum Hirnausschalten gibt es nicht. Im besten Fall haben wir ein mündiges Publikum, das sich nicht an der Nase herumführen lässt. Doch wie Wolfgang M. Schmidt weiß, schauen die meisten nur, und sehen nicht. 

Wir leben leider in einem Zeitalter, in dem viele Staaten und deren Gesellschaften einen  starken Rechtsruck durchmachen. Obendrein geraten die Medienkonzerne von Zeitungen bis Filmstudios in die gierigen Griffel von immer weniger Besitzern. Da die vor allem erzkonservativ bis libertär eingestellt sind, haben wir ein sehr großes Problem - vor allem weil dadurch die Diversität der Produktionen eine starke Einschränkung erfährt und erfahren wird. Eventuell könnte eine Art neuer Hays Code die Studios wieder in die Selbstzensur führen. 

Ja, es gibt auch dümmliche Takes von Links und nicht alle Entwicklungen sind durchdacht und ohne negative Auswirkungen, nur weil sie progressiv sind. Unterdes gibt es einen wichtigen Unterschied. In einer Zeit, in der Wissenschaft und Kunst mehrheitlich Links und somit als Böse geframed wird, ist die Rechte Szene nur an einem interessiert: Zerstörung der Realität, dem Verwischen von Fakt und Fiktion. Vor allem will sie eine Diskursverschiebung über den Rahmen der Menschenrechte hinaus. Wenn ich mir anschaue, was für ein menschenverachtender Schrott teilweise aus den Fressluken poltert, muss ich feststellen, dass das Undenkbare wieder Sagbar machen den Rechten gelungen ist.

Die unerschütterlich fortgeführte Flood-the-Zone-With-Shit-Taktik über die Themenbereiche hinweg, ermahnt uns alle einen genaueren Blick auf die Medien zu werfen, die wir konsumieren. Manchmal springen einen die dümmlichen oder gar gefährlichen Botschaften direkt an, manchmal bin ich dankbar, dass ein Freund einen leisen Hinweis auf ein tiefer liegendes Thema gibt. Manchmal reicht das schon, einen Film mit komplett anderen Augen zu sehen. Danke an der Stelle an Esra, dessen Blog Pen & Popcorn ihr unbedingt lesen und unterstützten solltet.

Ich freue mich im kommenden Jahr wieder einen bunten Blumenstrauß an Reviewvarianten aufzufahren. Manchmal wird ein Film nur handwerklich betrachtet werden. Hier und dort sollen Trashperlen ein wenig Spotlight bekommen. Sicherlich werden auch einige Klassiker auftauchen. Andere ältere Filme landen womöglich auf der Deponie für schlecht gealterten Mist. Doch wann immer ich einen interessanten Ansatz sehen sollte, wird auch die Ideologie eines Streifens seziert werden.

Ab der nächsten Woche wirds zunächst mit leichter Kost weitergehen.

Wohl bekomms!

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