Woran merkt man, dass man so langsam aber sicher ein alter Sack wird? Genau, man fängt an die Jubiläen von Filmen mitzuzählen, die man damals bei Release höchstselbst noch im Kino gesehen hat. Bei Fight Club füllte sich bereits 2024 das Vierteljahrhundert im Stundenglas. Damit bin ich wie immer ein bisschen zu spät dran, aber was soll's?! Spoilerallergiker werfen am besten drei Shyamalan-Pillen ein und schieben sich ein Boll-Zäpfchen in den Pöter bevor sie weiterlesen. Oder sie schauen sich einfach zunächst den Film an und kommen dann hierher zurück. Denn David Finchers Meisterwerk lohnt sich auch heute noch. Eventuell sogar mehr als damals.
"Mit einem Pistolenlauf zwischen den Zähnen bringt man nur noch Vokale heraus."
1999 als die Marketingstrategen gerade hübsch an der Jahr 2000 Hysterie schraubten und uns weismachen wollten, dass uns alle Prozessoren an Silvester um die Ohren fliegen würden, hielt ein Film in die Kinosääle Einzug, der mir damals folgendermaßen beschrieben wurde: "Männer prügeln sich zur Selbstfindung". Das klang in meinen Ohren nach einem ARTE Seminar der impaktvollen Art und für meinen Geschmack einen Tick zu esoterisch. Daher ging ich eher widerwillig ins Kino. Die schräge Zusammenfassung trifft zwar irgendwie zu, aber auch wieder nicht. Zu komplex ist der Inhalt als ihn auf ein Sätzchen herunterbrechen zu können. Selten werden in Hollywood Filme gemacht, die derart dicht erzählt und gleichzeitig visuell beeindruckend sind. Das beginnt schon mit dem Vorspann, der die Zuschauenden auf die Reise durch den Körper der Hauptfigur nimmt, durch eine Pore an der Nase nach draussen schlüpft, bis zum Mund herunter wandert, dann rückwarts einen Pistolenlauf herauf klettert und bei der Kimme stehen bleibt. Solche Kamerafahrten begegnen uns immer wieder, wenn David Fincher Räumlichkeiten erkundet. Teilweise hat das etwas voyeuristisches. Begleitet wird die Selbstzerstörung des Erzählers vom Soundtrack der Dust Brothers.
"Eine kleine Benimmfrage: wenn ich an ihnen vorbei gehe strecke ich ihnen dann den Arsch oder den Schritt zu?"
Moment mal... Erzähler? Ja, das ist eine der Besonderheiten von Fight Club. Der von Edward Norton gespielte Neurotiker hat im ganzen Film keinen Namen. Im Abspann wird er lediglich als Narrator bezeichnet. Nun gut, er hat ständig wechselnde Namen, wenn er in den verschiedenen Selbsthilfegruppen in unterschiedliche Identitäten schlüpft. Sogar auf der Visitenkarte, die er Marla gibt, steht kein Name. Dies soll deutlich machen, dass wir alle der Erzähler sein können. Deshalb kriechen wir auch im Vorspann zusammen mit der Kamera aus seinem Körper und beginnen ab dann uns selbst zu beobachten. Der Einfachheit halber werde ich Edwards Figur im folgenden Jack nennen.
"Marla war eine Elendstouristin."
Jack hat ein großes Problem. Er leidet seit einem halben Jahr unter Schlaflosigkeit und fühlt sich immer mehr wie ein Automat. Roboterhaft erledigt er seinen Job als Rückrufkoordinator bei einem großen Automobilhersteller, wo er von seinem spießigen Vorgesetzten angeödet wird. "Es muss Dienstag gewesen sein. Er hatte die kornblumenblaue Krawatte an.", kommt es ihm lakonisch in den Sinn, als el Jefe an seinen Schreibtisch tritt. Jack wirkt wie ein ausgebrannter Geist, dessen Körper mangels Alternativen einfach weiter macht. Er erledigt seinen Job, lebt aber nicht mehr. Fernab von sozialen Kontakten mit Menschen, die er Freunde nennen könnte, zieht sich Jack immer mehr in seine Wohnung zurück, die für ihn eine Art Ersatzidentität wird.
"Wie viele andere war ich zum Sklaven des IKEA Nestbautriebes geworden."
Fincher inszeniert dabei den Streifzug durch Jacks Wohnung als virtuellen Gang durch einen IKEA Katalog. Einzelne Möbelstücke werden mit Namen, Beschreibungen und Preis versehen. Schließlich landet Jack bei einem Arzt, der ihm vorhält, dass es den Männern in der Hodenkrebsgruppe wirklich schlimm ginge und er sich wegen seiner Schlaflosigkeit nicht so anstellen soll. Hodenkrebsgruppe? Neugierig schaut Jack dort bei dem nächsten Treffen vorbei und hört sich die traurigen Geschichten der "Still Men" Mitglieder an. Dort trifft er auf Bob (Meat Loaf), dem wegen einem Hormonungleichgewicht Brüste gewachsen sind. Sie sind "so riesig wie die von Gott sein müssen." Allerspätestens jetzt ist klar: die Themen in Fight Club werden Männlichkeitsbilder und der Kapitalismus bzw die Konsumgesellschaft sein. Das alles einklammernde Oberthema wird peu a peu aufgebaut werden, aber erst im letzten Drittel eindeutige Gestalt annehmen: Faschismus. Doch dazu später mehr.
In Zweiergruppen weint sich der eine Mann beim anderen aus. Man könnte zynisch anmerken, dass ein Kerl erst nach seiner physischen Entmannung Gefühle zeigen darf. Für Bob gilt das dann quasi sogar doppelt, denn er hat bereits die Metamorphose zur Frau begonnen. Zwischen dessen Brüsten heult Jack als gäb's kein Morgen mehr. Zu seiner eigenen Überraschung findet er wieder zurück zu einem heilsamen Schlaf.
"Alle Hoffnung zu verlieren hieß Freiheit."
Jack wird süchtig danach wieder etwas fühlen zu können und tingelt Abend für Abend in eine andere Selbsthilfegruppe, damit er nachts schlafen kann. "Jeden Abend sterbe ich; jeden Abend werde ich wiedergeboren, feiere Wiederauferstehung." Er adelt die selbstauferlegte Therapie wird mit diesem sakralen Glaubensbekenntnis. Das Leben ist endlich wieder wundervoll. Dann taucht Marla Singer (Helena Bonham Carter) auf und frönt dem selben Hobby. Dummerweise kann Jack nicht weinen, wenn ein anderer Simulant anwesend ist. Und so kehrt die Schlaflosigkeit zurück.
"Wir sind Konsumenten. Der Abfall der allgemeinen Lifestyleobsession."
Schließlich begegnet Jack dem charismatischem Tyler Durden (Brad Pitt) auf der Heimreise in einem Flugzeug. Dass etwas kollossal nicht stimmt wird dem aufmerksamen Zuschauer bereits hier klar, denn bevor sich Jack und Durden das erste Mal treffen ist Tyler bereits dreimal kurz zu sehen. Jeweils für einen Sekundenbruchteil wird Pitt in der Kopiererszene, beim Arzt und in der Selbsthilfegruppe eingeblendet. Wenn Jack dann im Flugzeug noch überrascht erwähnt: "Hey, wir haben die gleichen Aktenkoffer!", ist klar, dass etwas faul ist im Staate Dänemark.
Zuhause angekommen muss Jack feststellen, dass seine Wohnung komplett ausgebrannt ist. Damit vollzieht sich der einhergehende Verlust der Identität. Jack braucht Hilfe. Dass er zuerst die verhasste Marla anrufen will, zeigt einmal mehr, dass er keine Freunde oder Verwandte hat. Die bessere Wahl in seinen Augen ist Tyler Durden, mit dem er sich kurz darauf trifft. Tyler übt einen unwiderstehlichen Reiz auf Jack aus, da er all das ist, was Jack sich immer gewünscht hat: ein selbständiges Individuum, das macht worauf es Lust hat, frei von allen Konventionen der Gesellschaft. Jack darf bei Durden wohnen, allerdings unter einer Bedingung: er muss ihn schlagen; so fest er kann.
"Was weißt du schon über dich, wenn du dich nie geprügelt hast? Ich jedenfalls will nicht dumm sterben."
Dieser Schlagabtausch ist die Geburtsstunde des Fight Club. Nachdem sich die beiden die Fresse poliert haben, fühlen sie sich befreit und losgelöst, für Jack wird dies die Ersatzsucht zu den Selbsthilfegruppen werden. Mit einer erstaunlichen Leichtigkeit tauscht er die sanfte, mit weichen Gefühlen behaftete Therapie gegen harte Schläge ein. Sollte uns das nicht stutzig machen? Jack jedenfalls zieht dauerhaft bei Tyler ein.
"Lassen Sie mich einige Worte zu Tyler Durden sagen..."
Wer ist dieser Tyler eigentlich? Er ist Seifenhersteller. Er stiehlt Beutel, prallvoll mit Fett aus Fettabsaugungskliniken und verarbeitet diese zu Seife. Dann verkauft er im Grunde "den fetten, reichen Weibern ihre Ärsche zurück." Doch Tyler ist ein Multitalent. Er jobbt nachts in mehreren Berufen; als Kellner pinkelt er auf Upper-Class-Parties in die Bowle und als Filmvorführer schneidet er Dickpics in Cinderella. Hier bekommen die Zuschauenden nochmals einen entscheidenden Hinweis, dass nichts in Fight Club so ist wie in anderen Filmen. Es wird die Vierte Wand durchbrochen und die Zuschauenden direkt angesprochen: "Das ist das Zeichen (Brandloch in der rechten oberen Ecke) für einen Rollenwechsel - und der Zuschauer merkt nichts" Anschließend wird ein zweites Brandloch eingeblendet, das nichts mit der verhergehenden Demonstration zu tun hat. - Zaunpfahl, anyone?!
Tyler lebt in einem baufälligen Haus. Jack wundert sich über die Bruchbude, in dem dieser Rebell wohnt: "Ich wusste nicht wie Tyler auf dieses Haus gekommen ist. Er sagte er sei schon ein Jahr dort." Moment mal! Hat Jack nicht zu seinem Arzt gesagt, dass er manchmal weggetreten ist und an ganz anderen Orten aufwacht ohne zu wissen wie er da hinkam? An dieser Stelle wird bereits mit dem gesamten Zaun gewunken: "War Tyler Hausbesitzer oder Hausbesetzer? Zugetraut hätte ich ihm beides."
"Wir sind die Generation von Männern, die von Frauen großgezogen wurde - ich bezweifle, dass eine Frau noch die Antwort auf unsere Fragen ist."
Als sich die beiden wieder einmal vor ihrer Lieblingskneipe prügeln werden sie von ein paar Männern beobachtet, die ebenfalls mitmachen wollen. Nach und nach spricht sich herum, dass ein exklusiver Klub für Männer existiert, und immer mehr wollen in den Fight Club. Mittlerweile trifft man sich im Keller der Kneipe wo man ungestört ist. Wie Moses steigt Tyler hinab, dort der Berg, hier der Keller, um seiner Gemeinschaft die Gebote zu bringen.
Regel 1: Ihr verliert kein Wort über den Fight Club!
Regel 2: Ihr verliert kein Wort über den Fight Club!
Regel 3: Wenn jemand STOPP ruft, schlapp macht, abklopft oder ein Zeichen gibt, ist der Kampf vobei.
Regel 4: Es kämpfen jeweils nur zwei!
Regel 5: Nur ein Kampf auf einmal!
Regel 6: Keine Hemden oder Schuhe!
Regel 7: Die Kämpfe dauern nur so lange wie sie müssen!
Regel 8: Wer neu ist im Fight Club MUSS kämpfen!
"Man fühlte sich nirgendwo lebendiger als dort!"
Selbstredend sind die ersten beiden Regeln dazu gedacht gebrochen zu werden. Schließlich hat Tyler noch Großes mit dem Fight Club vor. Über Monate hinweg schließen sich immer mehr Männer dem Fight Club an und es bilden sich nach und nach Ableger. Das wird Jack allerdings erst bemerken als es zu spät ist.
"So bin ich seit der vierten Klasse nicht mehr gefickt worden."
"Das ist kein Liebe machen. Das ist Sportficken."
"Das ist kein Liebe machen. Das ist Sportficken."
Eines Tages tritt Marla wieder in Jacks Leben. Dass sie ausgerechnet mit Tyler was laufen haben muss, nervt ihn ziemlich ab. Dabei stimmt es ihn nicht nachdenklich, dass Marla immer so komisch auf ihn reagiert, wenn er sie nach ihrem Schäferstündchen im Haus sieht. Und nachdenklich sollte er sein. In einer Szene spricht Tyler mit Jack und sie ruft vom Bett aus: "Mit wem sprichst du denn?" Später bemerkt er selber: "Außer bei ihren Bumsarien waren Marla und Tyler nie im selben Raum. Die Nummer haben meine Eltern jahrelang abgezogen. [...] Ich bin wieder sechs Jahre alt und übermittle Botschaften zwischen meinen Eltern."
Auch, dass Tyler ihm verbietet mit ihr über ihn zu reden tut er einfach so ab. Marla bildet die einzige Schnittstelle zwischen diesen beiden Persönlichkeiten. Sie könnte Jacks Augen öffnen und Tyler ist bemüht das zu verhindern. Würde das doch das Ende seiner Existenz bedeuten. Marla gibt Jack immer wieder Hinweise, die er überhört. Einmal sagt sie zu ihm: "Als du bei mir Lebensretter gespielt hast..", obwohl doch Tyler ihr Retter war. An anderer Stelle hört Jack Baulärm im Haus, aber Marla sagt, da sei nichts.
"Du bist der singende, tanzende Abschaum der Welt"
Ob dieses Zitat ein Verweis auf Nietzesch Ausspruch "Man muss Chaos in sich tragen um einen tanzenden Stern gebären zu können." ist, kann abschließend nicht geklärt werden, beschreibt aber den Charakter Tylers sehr gut. Durden ist das personifizierte Chaos, die Disruption auf zwei Beinen. Was er zu gebären gedenkt, wird uns und Jack erst noch klar werden müssen. Nach gut achtzig Minuten wissen wir nämlich immer noch nicht, worum es denn nun eigentlich gehen soll. Dann hält Tyler eine Rede im Fight Club und gibt einen entscheidenden Hinweis:
"Mann, ich sehe im Fight Club die stärksten und härtesten Männer, die es jemals gab. Ich sehe so viel Potential und wie es vergeudet wird. Herrgottnochmal! Eine ganze Generation zapft Benzin, räumt Tische ab, schuftet als Schreibtischsklaven. Durch die Werbung sind wir heiss auf Klamotten und Autos, machen Jobs, die wir hassen und kaufen dann Scheisse, die wir nicht brauchen. Wir sind die zweitgeborenen Manner der Geschichte, Leute. Männer ohne Zweck und ohne Ziel. Wir haben keinen großen Krieg oder eine große Depression. Unser großer Krieg ist ein spiritueller. Unsere große Depression ist unser Leben. Wir werden durch das Fernsehen aufgezogen in dem Glauben, dass wir eines Tages Millonäre, Film- oder Rockstars werden. Werden wir aber nicht. Und das wird uns langsam klar. Und wir sind kurz - ganz kurz vorm Ausrasten."
Tylers klingt wie ein zorniger Priester, der von seiner Kanzel herunter predigt. Der Grund seiner Frustration ist nun klar, aber seine genauen Ziele bleiben bis kurz vor Schluss im Dunkeln. Auch die anderen Männer, die sich bereitwillig Tylers Sache verschreiben, wissen nicht wo sein Weg hinführen wird. Sie alle eint ein diffuses Gefül des Verlorenseins, des Kontrollverlusts, der Fremdbestimmtheit und der Wunsch jemand möge ihnen einen Ausweg aus ihrer Situation zeigen. Der ideale Nährboden für Tylers Verführungen.
"Erst nachdem wir alles verloren haben, haben wir die Freiheit alles zu tun."
Während Tyler seine Radikalisierungsstrategie vorantreibt, wächst die Popularität des Fight Clubs so stark bis auch der Besitzer der Keipe von dem Treiben erfährt. Der Typ erinnert übrigens eher an einen Mafiaboss denn an einen profanen Grundbesitzer. Sodenn taucht er dort auf und will die Männer verjagen. In diesem Moment bekommt die ganze Angelegenheit erneut einen religiösen Anstrich. Tyler opfert sich geradezu messianisch und steckt für seine Novizen Prügel vom Besitzer ein ohne sich zu wehren. Er setzt sich durch und seine Männer dürfen weiterhin in ihrem Fight Club kämpfen. Auf diese Weise bindet er die Anwesenden stärker an sich. Langfristig wird dieser Moment zur Mystifizierung seiner Person beitragen und einen Führerkult nähren.
Im Laufe der Handlung wird die Gestalt des Tyler von den Männern nämlich stark überhöht werden. Zwei Meter soll er groß sein, gar ein brutaler Hühne. Wenn später der Satz "Sein Name war Robert Paulson" von den Männern wie ein Mantra wiederholt wird, wird der religöse Aspekt der Geschichte nochmals unterstrichen.
"Selbstverbesserung ist Masturbation. Selbstzerstörung hingegen..."
Die nächste Phase in Tylers Plan wird eingeleitet, als er Hausaufgaben verteilt. Vandalismus in Kaufhäusern zählt beispielhaft dazu. Das führt dazu, dass die Gemeinschaft aus dem Untergrund in die Öffentlichkeit tritt. Ein Schritt der den Machtzuwachs von Tylers Gruppe dokumentiert.
Die allererste Aufgabe ist sehr interessant: "Ihr fangt eine Prügelei mit einem vollkommen Fremden an - und verliert." Jack ficht sodenn vor den Augen seines Chefs einen Kampf mit sich selber aus, zerlegt die halbe Einrichtung und wundert sich im Nachhinein: "Aus irgendeinem Grund dachte ich an meinen ersten Kampf mit Tyler."
Die vorletzte Phase von Projekt Chaos beginnt mit dem Aufnehmen von Ausbildungsanwärtern im Haus. Die würdigen Novizen steigen zu Aspiranten auf. Ihnen werden die Haare kurz geschnitten, alle tragen die selbe schwarze Kleidung - Uniform halt. Abgesehen von Tyler und dem Erzähler wird jeder seiner Individualität beraubt. Totalitäres Regime, ick hör dir trapsen!
Das Haus mutiert zum Arbeitslager. Auch das kann man auf abgeschottete Sekten übertragen, die auf maximale Selbstversorgung setzen. Gleichzeitig erinnern Tätigkeiten und Zusammenspiel der Bewohner auch an Prepper oder eine Terrorzelle. Zig Männer schuften im Garten oder im Haus, bauen Bomben, rühren Sprengstoff an und mehr. Da keine Frauen im Fight Club zugelassen sind, ist der sexistische, exkludierende Charakter diser Klubs unübersehbar. In der Mansophäre ist kein Platz für Feminismus.
Für die gerade beschriebene Storywendung musste Fight Club damals teils herbe Kritik einstecken. Wie Paul Verhoeven für dem Film Starship Troopers wurde Fincher vorgeworfen faschistische Bilder zu idealisieren. Dabei haben diese Rezensenten damals übersehen, dass die Gleichmachung der Männer und der Verlust des Individuums zu keinem Zeitpunkt positiv oder überhöht dargestellt wird. Dass der Fight Club (also der Klub und nicht der Film) hierbei endgültig seiner scheinbar harmlosen Verkleidung beraubt wird und dessen faschistoiden Aspekte offenkundig werden, sollte eigentlich sogar ein Blinder erkennen können. Vermutlich war die Transferleistung schwierig zu erbringen, weil man alle Geschehnisse durch die Augen des Erzählers erlebt. Man war es gewohnt, dass das ein positiv besetzter Charakter sein müsste, der Held der Geschichte. In dieser Betrachtung wurde außen vor gelassen, dass Edward Nortons Charakter eigentlich WIR sind und ein extrem unzuverlässiger Erzähler ist.
"Ich hatte Lust jedem Panda eine Kugel zwischen die Augen zu drücken, der nicht ficken wollte um seine Art zu erhalten. Ich hatte Lust die Ventile von Tankern zu öffnen um schöne französische Strände zu verschmutzen, die ich nie sehen würde. Ich hatte Lust Rauch zu speien."
Als Jack sieht, dass Tyler einen der Männer den Vorzug gibt, entflammen seine Gefühle der Abneigung und er bringt den Mann im Ring des Fight Club fast um. Hier werden erstmals zwei Dinge zur Disposition gestellt: verliert Jack den Bezug zur Realität oder Tyler? Wer ist der gefährlichere der Beiden? Und zweitens: wie steht es wirklich um das Verhältnis der beiden Hauptcharaktere zueinander? Tyler scheint sich danach nämlich immer mehr von Jack zu distanzieren.
"Ich bin Jacks gebrochenes Herz."
Im Haus liegen eines Tages einige Flugtickets der letzten Wochen herum. Jack beginnt zu ahnen, dass Tyler eine Menge mehr ohne ihn unternommen hat, als er bislang dachte. Nur wann? Um herauszufinden was vorgeht, folgt er Tylers Spur durch die USA. "Jedesmal wenn ich landete hatte ich das Gefühl schon einmal dagewesen zu sein.", stellt er irritiert fest.
Dabei findet Jack heraus, dass in einigen anderen Städten bereits Ableger des Fight Clubs entstanden sind. Tyler baut sich eine Armee auf. Doch wofür? Und warum behaupten einige, er selbst sei Tyler Durden? Ein Anruf bei Marla bestätigt seinen schlimmsten Verdacht: Jack und Tyler sind ein und die selbe Person.
"Wir haben Druckabfall in der Kabine."
Endlich wird klar, was Projekt Chaos bezweckt und was Tyler immer damit meinte, wenn er sagte, man müsse auf den Nullpunkt kommen: die zeitgleiche Sprengung der zentralen Schuldenerfassungsstelle und der Kreditbanken, damit alle wieder bei Null beginnen können - ohne Schulden also. Doch was kommt danach? Das Erste Reich Durden? Jack beschließt Tyler aufzuhalten.
"Du hast mich in einer seltsamen Phase meines Lebens getroffen"
In einem herrlich spaßigen Finale reißt Jack endlich wieder die Kontrolle an sich und bringt Tyler um, als er sich symbolisch in den Kopf schiesst. Die Kugel tritt bei Jack aus der linken Wange wieder aus, weshalb er die Aktion überlebt. Zum Beweis, dass er ohne Tyler existieren kann und trotzdem kein dummes Schlafschaf ist, lautet sein Abschied an ihn, bevor er sich den Lauf in den Mund steckt: "Meine Augen sind offen."
Die Sprengung indes kann er nicht verhindern. Und so fallen alle Prunkbauten der Kreditinstitute zu den Klängen von Out of my mind von den Pixies in sich zusammen. Während so ziemlich alle Hollywoodklischees zerbröckeln lässt uns David Fincher wenigstens eines: der dysfunktionale Gute bekommt am Schluss sein dysfunktionales Mädel. Es besteht also noch Hoffnung für uns.
Fight Club erinnert mich an einen guten Zaubertrick. Alles Relevante geschieht direkt vor unseren Augen, aber man sieht nicht, was wirklich vor sich geht. Im Grunde hauptsächlich deshalb, weil man sich insgeheim verzaubern lassen will. Deswegen sind wir auch enttäuscht, wenn ein Trick allzu offensichtlich ist. Man ist es gewohnt, dass das, was da auf der Leinwand gesagt und gezeigt wird auch der filmischen Wahrheit entspricht. Hier wurde man von Fincher nett darum gebeten sich doch bitte selbst komplett in die Irre zu führen, während der seinen Trick aufführt. Denn ehrlich gesagt spielt er von Anfang an mit offenen Karten. Es gibt keine Roten Heringe, die uns auf eine falsche Fährte ansetzen. Wer sehen will, kann sehen, was wirklich geschieht. Zig Hinweise durchziehen den Film, geben den Zuschauern Denkanstöße, aber so gut wie niemand, der Fight Club zum ersten Mal sieht, wird frühzeitig erkennen, welches Spiel Fincher mit den Zuschauenden treibt. Wir wollen uns halt auch ein kleines bisschen für den Moment der Magie verarschen lassen.
Fight Club zeigt eindrucksvoll, dass wir stets die filmische Realität anzweifeln müssen und damit auch unsere Wahrnehmung. Sehen wir etwas nicht oder wollen wir etwas nicht sehen? Im Grunde geht die Botschaft sogar einen Schritt weiter: wir sollten die Welt um uns herum anzweifeln. Vielleicht ist unsere Realität ja lediglich das Konstrukt eines anderen Geistes.
Viele Filme, deren Handlung um einen Twist herum aufgebaut werden, fühlen sich im nachhinein schal an. Oft wirkt es, als würden sich die Macher für unglaublich clever halten und haben sich lediglich einen Scherz mit den Zuschauenden erlaubt: "Hi, hi! Ihr seid doof, dass ihr das nicht habt kommen sehen!" Blöd nur, wenn der der Film nicht mehr wirklich funktioniert, wenn man die viel zu oft hanebüchene Auflösung kennt. In Fight Club ist das anders. Der Erzähler ist hier kein Gimmick, um einen lustigen Twist aufbauen zu können. Seine Irrungen und Wirrungen sind die Handlung, nicht eine Punchline im Finale. Der Film nimmt uns auf eine Reise mit, die man mit jedem erneuten Anschauen genießen kann. Gerade weil das Ende kein Gag auf unsere Kosten ist, sondern kathartisch wirken soll.
Meiner Meinung nach, handelt es sich um den besten und wohl wichtigsten Film der 90er.
Und heute!?
Rein handwerklich betrachtet ist Fight Club immer noch ein Genuss. Sound, Score, Kamera und Schauspiel sind sehr gut gealtert. Der verbale Schlagabtausch zwischen Norton und Pitt sind weiterhin ungemein unterhaltsam. Aber auch inhaltlich ist der Film noch aktuell. Im Grunde, und das sage ich leider viel zu oft in den letzten Jahren, ist er sogar aktueller denn je.
Ich war erstaunt, wie viel toxische Männlichkeit und Verführungskraft der Manosphere hier bereits thematisiert wurde. Dabei stand das Zeitalter der Hetzer, Incels und Trolle erst noch bevor. Gleichzeitig zeigt der Film wunderbar auf, wie der Faschismus in unser Leben schleicht, an negativen Erfahrungen und Emotionen andockt und anschließend, zunächst langsam, dann immer schneller unser Denken umzukrempeln versucht.
Der Ablauf erinnert ein wenig an eine Krankheit. Nach der Infektion benötigt der Virus eine gewisse Inkubationszeit. Bei Ausbruch der Erkrankung beschleunigt sich dann der Ablauf. Tyler personifiziert die Krankheit und verführt uns mit seiner Coolness, den lockeren Sprüchen und seinem Selbstbewusstsein. Er ist in seiner Ungebundenheit faszinierend. Wie Jack fallen wir zunächst auf ihn herein. Wir sehen nicht, weil er auch nicht sehen will.
Man kann nur hoffen, dass wir wie Jack den Absprung schaffen, sollte es mal ernst werden.

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