Heute muss ich mich mal zum Umfeld eines meiner anderen Hobbies auslassen. Sorry, also kein Review zu Filmen, Serien oder Videospoielen. Mit vergnüglicheren Themen geht es dann kommenden Samstag weiter.
Ich zeichne seit ich den Kindergarten besucht habe. Von kleineren Pausen während stressiger Zeiten, wie der der Ausbildung, abgesehen, bin ich dem Hobby immer treu geblieben. Schon seit beinahe zwei Jahrzehnten bin ich rein digital unterwegs. Zunächst mit einem Grafiktablet, das aber mehr Murks denn Vergnügen war, und seit mehreren Gerätegenerationen mit einem Grafikmonitor. Vor einer guten Dekade entschied ich, dass meine Zeichnungen nicht mehr zu crappy aussehen und auch dem öffentlichen Auge standhalten können. Es hat sich immerhin niemand gemeldet, um den Verlust seiner Sehkraft zu beklagen.
Also meldete ich mich auf der damals relevantesten Plattform an: DeviantArt. Künstler bieten hier ihre Skizzen, Zeichnungen, Gemälde und Fotografien feil. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob der Aspekt damals bereits über das reine Netzwerken, auch um an Aufträge ranzukommen, hinaus ging, aber heute ist es so, dass man dort Abos abschließen oder gezielt Bilder kaufen kann. Ja, ich meide absichtlich den Begriff Kunst. Wenngleich ich das handgeklöppelte Gedöns durch die Bank als Kunsthandwerk bezeichnen würde, fällt es mir oft schwer in den Veröffentlichungen mehr als Fanartworks, Landschaften oder zusammengewürfelte Collagen von Bildelementen zu sehen. Nicht falsch verstehen! All das hat seine Daseinsberechtigung; in der Nische bin ich auch oft unterwegs, nur sieht man viel zu selten genuin Neues oder mit echtem Inhalt. Bilder mit Aussagekraft gibt es sicherlich auch, mir sind diese aber nie untergekommen. Ich kann viele Werke der oft deutlich talentierteren Kreativschaffenden ästhetisch würdigen, aber ist das schon Kunst?
Ich hätte vorhin nicht so explizit darauf hingewiesen, wenn es nicht auch noch den maschinenerstellten Content gäbe. Denn wenn etwas auf diesem Planeten existiert, das nicht mehr weiter von Kunst entfernt sein kann, dann sind es die Produkte, die aufgrund einiger Prompteingaben aus den Ausführungsautomaten poltern. So interessant die Technik dahinter ist, sieht nahezu alles aus wie von drei unterschiedlichen Leuten geklautes und rehashtes Material, um daraus vor allem diverse Pornfetische zu bedienen. Hey, jeder darf seine Kink ausleben. No judgment. Mit dem Zeugs wird Deviantart jedoch seit knapp zwei Jahren überschwemmt, ebenso wie viele andere Portale und Netzwerke. Die echten Kreativschaffenden schauen dabei in die Röhre. Ihnen nimmt man die Sichtbarkeit und die Plattform wird auch für Besucher immer unattraktiver. Nun verkaufe ich dort nichts und war nie auf Follower aus, weshalb mir dieser Aspekt nicht egaler sein könnte.
Der aktuelle Fall von Collien Fernandes führt jedoch vor Augen, wie tiefgehend Verletzungen von Persönlichkeitsrechten gehen können. Den LLMs ist es nämlich egal, ob sie pornographische Inhalte von fiktiven Figuren oder echten Menschen anfertigen, die dafür nicht ihr OK gegeben haben; erst recht nicht für dessen Veröffentlichung. Die betroffenen Promis würden mit dem Löschen inzwischen gar nicht hinterher kommen, sollten sie den Versuch wagen. Es gibt also unterschiedliche Gründe diesen AI-Slop abzulehnen. Ich für meinen Teil will Kunsthandwerk von echten Menschen sehen, keinen randomisierten Pixelmüll, für dessen Erstellung sich der Prompter womöglich noch unglaublich geil fühlt.
Deviantart befindet sich also schon in einem fortgeschrittenen Zustand der Enshittification. Die schlechter gewordene Userexperience, wenn man parallel unterschiedliche Geräte und Browser nutzt, klammere ich mal aus.
Obwohl die Sichtbarkeit inzwischen für alles abseits von AI-Slop gen Null tendiert, gibt es scheinbar eine sichere Möglichkeit doch noch gesehen zu werden: werde politisch und setze die Tags entsprechend! Jedenfalls sind das meine jüngsten Erkenntnisse.
Die letzten sechs Jahre waren für die Meisten kein Zuckerschlecken. Eine Krise nach der anderen, die allgemeine Laune ist im Keller. Gesellschaftliche Gräben wurden eher vertieft als zugeschüttet und weltweit ist wieder die radikale Rechte auf dem Vormarsch. Die USA unter Trump II zeigt inzwischen ungeniert ihr hässlichstes Gesicht und präsentiert die zukünftige Richtung neuer chauvinistischer Außenpolitik. Dass das heute wieder in dieser Form möglich wird ohne auf nennenswerte Gegenwehr zu treffen, hat verschiedene Ursachen.
Von Technologie- und Ressourcenabhängkeiten, aufgeblähter Lobbymacht einzelner Player (Techbros, anyone?!), von Verfassung und Gewaltenteilung untergrabenden Regierungen sturmreif geschossene Zivilgesellschaften, fruchtbare Zusammenarbeit von Libertären (Techbros, anyone?!) mit rechten Parteien, privatisierte Medien, versagender Journalismus, an den Bedürfnissen ihrer Gesellschaften vorbeiregierende Parteien, Auflösung von gesellschaftlichem Konsens, Rückbau von zivilisatorischen Errungenschaften wie den Menschenrechten, bis zum politischen Vorfeld der Mosaik-Rechten haben wir einen vorwiegend blau-braunen Blumenstrauß vor uns. Auf die einzelnen Aspekte werde ich hier nicht weiter eingehen, da es zu sehr vom eigentlichen Thema ablenken würde.
All jenen Faktoren gemein ist jedoch, dass zur Durchsetzung von Zielen fast immer mit Falschinformationen gearbeitet wird. Werden muss, um genau zu sein! Sonst würden die Stuss-Argumente dieser Leute selbst bei Patrick aus Bikini-Bottom durchfallen. Tagaus, tagein wird über alle verfügbaren Kanäle Bullshit über alles Mögliche verbreitet. Sei nur laut und ausdauernd, dann wird sich genug Unkraut in den Köpfen der Leute festsetzen. Dieses ununterbroche Flood-the-Zone-with-Shit führt irgendwann zu einer Verzerrung der Realitätswahrnehmung. Wissenschaftliche Erkenntnisse? Gibt es nicht mehr! Begrifflichkeiten werden willkürlich neu definiert. Historisches Wissen muss in diesem Kontext ebenfalls angepasst - "Die Nazis waren eigentlich Linke!" - und der politische Gegner dämonisiert werden.
Langfristig hat die Aufspaltung in Parallelrealitäten zur Folge, dass man es immer schwerer haben wird in gesellschaftlichen Fragen einen Konsens zu finden, mit dem jeder, wenn auch mit Bauch-Aua, leben kann. Demokratie ist halt, wenn keiner am Ende zufrieden ist. Im schlimmsten Fall wird der Konsens sogar verunmöglicht, was die Fronten nur noch weiter verhärtet und Extrempositionen ausformt. Der Ton wird rauer, soziale Kälte breitet sich aus und wir erleben derzeit auch in Deutschland eine Abwärtsspirale in eine Ellenbogengesellschaft neuer Qualität. Die Schwächsten der Gesellschaft und Minderheiten müssen natürlich für all die Probleme ursächlich sein, von denen die Reichsten profitieren - hüstel! Ich denke der Punkt wurde klar.
Wir beschäftigen uns inzwischen mit so viel Stuss, dass für die realen Lösungen zu realen Problemen keine Zeit bzw. Geld mehr bleibt.
Vor einigen Wochen war ich Testpublikum bei einem Straßentheater in meiner Heimatstadt. Inhalt des Stücks: Juden haben 1941 einen Brief der Verwaltung bekommen. Sie müssen sich zu einem bestimmten Zeitpunkt an einen bestimmten Ort begeben, um von dort abgeholt zu werden. Ziel: unbekannt. Klar ist ihnen nur, dass sie ihre Heimat verlassen müssen. Man begleitet den Schauspieler, der einen dieser Juden darstellt, durch die Stadt. Er lässt durch Geschichten über Personen und Orte die Erinnerung an die damalige Zeit wieder aufleben. Immer wieder trifft man auf andere Schauspieler, die teilweise alles andere als freundlich zur wandernden Gruppe aus Zuschauern und Darstellern sind. Es war ein sehr einprägsamer Abend, der vieles von meinem Wissen über das Dritte Reich ein Stück realer werden ließ. Die Analogien, welche sich zur aktuellen Weltlage auftaten, waren nicht gerade subtil und noch weniger aufmunternd.
Zurück zu DeviantArt! Ich habe bereits seit Anfang des Jahres das Bedürfnis meine negativen Emotionen und Befürchtungen in Bilderzeugnisse zu gießen. Düstere Zeichnungen mit Monstern, die für einen entfesselten Faschismus standen, oder ein ICE-Agent in Terminator-Pose in einem Massengrab und einige weitere entstanden schon vor dem Theaterabend. Die Reaktionen hierauf waren vereinzelt, aber grundsätzlich positiv. Vermutlich waren die Bilder zu verklausuliert, als dass der kleine Springerstiefel ebenfalls den Inhalt verarbeiten konnte. Nach dem Straßentheater entschied ich mich neben den Manifestationen von Ängsten auch proaktive Zeichnungen anzufertigen. Passend zur NS-Zeit fiel meine Wahl auf ein Plakatformat mit... nun ja: plakativen Messages. Und - Uh, boy! - der Begriff Faschismus auf den Plakaten bzw im Titel der Bilder triggerte einige richtig hart.
Das Bild "Shut up, Fascist!" mit dem SS-Offizier veranlasste einen User mir Faschismus vorzuwerfen, weil ich ja eine Meinung unterdrücken wolle, die mir nicht gefällt. Aus Spaß an der Freude gab ich ihm eine Lektion zum Thema Toleranz-Paradoxon. Dann war vorerst Ruhe im Karton. Unter dem Bild steht übrigens auch die Entstehungsgeschichte mit dem Theaterstück zur Einordnung. Hätte man mal lesen können.
Die Veröffentlichung der zwei neuen Plakate, in denen ich die
Sicht der herrschenden Klasse im Faschismus auf den Pöbel polemisch
anprangere, sorgte für deutlich mehr Unruhe, in der Folge auch unter dem
ersten der drei Plakatdesigns. Zunächst wurden dort die Vorwürfe
von User Eins nochmal wiederholt. Unter den anderen wurde dann auch
direkt gemutmaßt, dass ich ja nur ein Kommunist sein muss, weil scheinbar niemand sonst ein Problem mit Faschisten haben kann - oder?
... ODER?!
Abgesehen davon würden die Abbildungen gar nicht zum Faschismus passen, sondern nur zum Kommunismus. Es fügte sich eine Metzgerrechnung an, in der durchkalkuliert wurde wie viel mehr schlimme Dinge die Kommunisten in der Welt angerichtet hätten. Leben diese Spinner einen Wettbewerbstraum aus? So wie in The Frighteners der Serienmörder will, dass der Rekord von einem Amerikaner gehalten wird? Natürlich wurde auch darauf hingewiesen, dass man selber die Faschisten nicht möge. Wie ich mir schon dachte, handelte es sich dabei um vorgeschobene Neutralität, um die eigenen Punkte aufzuwerten.
Da der User aus Bulgarien mir einfach eine Spur zu doof
daher kam, wies ich ihn mehrfach unflätig zur Tür raus. Der dänische
User hingegen versprach mehr Unterhaltungspotential. Wie zu erwarten hat er
prompt geliefert. Wusstet ihr, dass Faschismus nur eine Meinung ist? Ich auch nicht. Dachte immer es handele sich dabei um eine ultranationale, antidemokratische Ideologie, in der sich alle einem Föhrer unterordnen müssen und das Gehirn im Kreißsaal in Verwahrung genommen wird. Lieber würde Dudero Däno unter Franco in Spanien leben, als in der UdSSR.
"Schießen sie sich lieber in die Hand oder in den Fuß?"
Wie wäre es mit: Nix vom Beidem, du Depp?!
Was mir auch nicht bewusst war: ich hab in der letzten Dekade Zeitungsartikel immer auf dem Kopf stehend gelesen. Es gibt nämlich gar keinen Rechtsruck in Europa. NEIN! Es handelt sich um einen radikaler Linksruck! Die Deutschen sollten übrigens stolzer auf ihr Erbe sein. Ein zarter Hinweis auf die bekannten Folgen für Europa, als das letzte Mal eine faschistische, nationalstolze Partei den Kanzler gestellt hatte, tat er ab. Immerhin kam er nicht mit dem Kappes ums Eck, dass die NationalSOZIALISTEN eine linke Bewegung gewesen wären.
Endlich ging es dann ans Eingemachte. Die AfD wäre gut für Euopa, um die Islamisierung zu verhindern. - Aha! Und weiter? - Überhaupt, seien die Muslime ohnehin das Hauptproblem, weil ... Trommelwirbel und Tusch: Es kam wie zu erwarten die Verschwörungstheorie vom Großen Austausch. Der Muselmann vermehrt sich halt zu schnell, ne!? Da kann der Bioeuropäer einfach nicht gegen anficken.
Ich hätte an der Stelle die Stoppuhr einschalten können, um die Zeit bis zur ersten antisemitischen Äußerung zu nehmen, aber mir wurds zu doof. Außerdem ist meine Zeit limitiert.
Ein US-Amerikaner meinte sich ebenfalls noch einmischen zu müssen und mich über mein fehlendes Wissen zu belehren und dass ich hier der autoritäre Unterdrücker sei. Scheint mir ja gut zu gelingen, das Unterdrücken, wenn ich mich trotzdem von Dum-Dum zusülzen lassen muss. Unrecht habe ich mit den Bildern aber offenkundig sowieso, weil ich ja ohne bestraft zu werden meine Scheiße posten kann. Klaro! So funktioniert das auch auf der Welt. US Gesetzgebung ist schließlich auch in Deutschland gültig oder die vom Iran in Spanien usw. usf. Muss man heuer eigentlich erst deportiert oder erschossen werden, damit rückwirkend die Kunst legitimiert wird? So eine hohlschlonzige Blitzbirne. Hier hab ich mir die Interaktion gleich komplett geklemmt. Don't feed the Troll! - Und so.
Ein Blick in dessen Timeline war jedoch ein Fundus von MAGA, ähm... mega Spaßpotential. Das Sahnestück war die Behauptung, dass Faschismus und Nationalsozialismus diametral entgegengesetzte Ziele hätten. Nachdem ich fertig gelacht und die Tränen aus den Augenwinkeln gewischt hatte, unterdrückte ich den Impuls ihm seine Dummheit formal zu attestieren. Es wäre der Aufwand einfach nicht wert gewesen. Manche Interaktionen sind so spaßig wie mit einem Käsehobel zu onanieren. Hier kündigte sich ein solcher Kandidat sogar mit Fanfaren an. Nein, danke!
Also halten wir den Inhalt solcher Interaktionen fest: offiziell finden alle den Faschismus irgendwie doof, fühlen sich aber persönlich angegriffen, wenn man den Faschismus aktiv bekrittelt. "Not all Nazis! - Wollt ich nur mal jesacht haben!" Man definiert sich die Welt so, wie man sie braucht, damit am Ende die ganzen Minderheiten, Weiber und linken Spinner schuld sind, die zu wenig Nationalstolz verbreiten.
Alle interagierenden Delinquenten waren am Ende zu blöd die Plakate zu verstehen. Es existiert selbstredend kein Zwang den Aussagen vollumfänglich zuzustimmen, aber das war schon mutwilliges Missverstehen. Hey! Das ist schon die Version für dreijährige Windelkacker. Noch dümmer und die Plakate werden wieder anspruchsvoll. Ich finde es auch witzig, dass man mir in dem Zusammenhang vorwarf das ganze undifferenziert darzustellen. Gut, den Punkt geb ich Himmler, Göring, Goebbels und Speer. Die Jungs haben durchschaut, dass diese drei Bilder eine ausgearbeitete Dissertation darstellen sollen. Ihr seid so kluk!
Mal so grundsätzlich: wer reflexhaft Faschismus verteidigt, steht der Ideologie vermutlich näher als die Person zuzugeben bereit ist.
Korrekt, das alles ist bloße anekdotische Evidenz und es waren auch nur ein paar einzelne User. Ich hab seit dem letzten Wochenende jedoch ein bisschen auf DeviantArt gesucht und festgestellt, dass etliche andere Accounts schon seit Jahren Belästigung, Beleidigung und teils auch Doxxing erleben. Teilweise reicht da schon offen zur sexuellen Orientierung zu stehen.
Ja, das ist the State of the World. In allen Netzwerken von Facebook, über X, LinkedIn bis Instagram usw. werden wir mit dem widerlichen Abschaum konfrontiert, der wie die Großwesire um die Meinungsfreiheit kämpft, bis er, wenn er an die Macht gekommen ist, sie uns allen wegnehmen will. Dann gilt nämlich nur noch eine Meinung. Deren Meinung!
Ich kam die letzten Jahrzehnte gut durchs Leben die verschiedensten Positionen auszuhalten, also zu tolerieren. Bei Menschenrechten bzw. der Würde des Menschen ist aber eine rote Linie gezeichnet worden, die wir nicht ohne Grund im Grundgesetz verankert haben. Dort endet meine Toleranz und schlägt in demokatisch wehrhafte Intoleranz um. Also kann ich nur jedem mitgeben, dem diese rote Linie ein Dorn im Auge ist: Fick dich!
Ich suche mir unterdessen mal eine Plattform, auf der zumindest keine AI-Scheiße erlaubt ist und man sich nicht direkt Pipi in die Buxe drückt, wenn man mit etwas konfrontiert wird, das einen geistig und emotional ein wenig mehr herausfordert als ein digitales Wichsbildchen aus dem Rachen von StableDiffusion und Konsorten.
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Eine Quelle zum aktuellen Stand der politischen Welt will ich dann doch noch verlinken. Besonders Seite 4, die Zusammenfassung, ist sehr interessant.



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