Lehrer Ryland Grace befindet sich auf einer Selbstmordmission in den Tiefen des Alls. Eine interstellare Lebensform namens Astrophage hat unsere Sonne befallen. Diese geradezu biblische Plage entzieht dem Himmelskörper langfristig die Energie, wodurch die Erde in eine neue Eiszeit gestürzt werden wird. Da die Phagenplage nicht ein alleiniges Problem der Menschheit darstellt, sondern bereits zig andere Sternensysteme infiziert hat, trifft Grace an seinem Zielort auf ein zweites Raumschiff. Nach dem Erstkontakt mit der steinartigen außerirdischen Lebensform Rocky, müssen die beiden zunächst lernen miteinander zu kommunizieren bevor sie sich gemeinsam an die Entwicklung einer Heilung der Sonnengrippe begeben können.
Zeitgeist
Als Andy Weirs dritter Roman Der Astronaut (Project Hail Mary) im Frühjahr 2021 erschien, hatte ich besonders mit den Hard-Sci-Fi-Parts im All meine Freude. Die Geschichte von einer Sonneninfektion wirkte wie eine Aufarbeitung des Traumas von Jahr Eins der Coronapandemie. Dazu kam noch die Klimawandelthematik, die damals noch hoch im Kurs der öffentlichen Wahrnehmung stand.
Zu meinem Unglück griff Weir jedoch auf einen ausgelutschten Erzählkniff zurück: Der Protagonist leidet zu Beginn an vollständiger Amnesie. Mühsam muss Grace über viele Kapitel hinweg seine Erinnerungsfetzen zusammenklauben, um den Lesern in teils quälend langweilig geschriebenen Flashbacks die Situation auf der Erde zu erläutern. Dabei fügte Weir noch einen Storytwist über Graces Abreise hinzu, der sich bereits lange vorher ankündigte und mich wie die meisten granatenstarken Wendungen in Geschichten so null verzücken konnte. Ryland wurde nämlich Shanghait und sein knochiger Arsch in einer Schlafkapsel geparkt.
Ich hatte damals den Eindruck, dass Weir lediglich wieder zurück zum Held wider Willen wollte. So wie Mark Watney in dessen erfolgreichen Debüt Der Marsianer einer war. Eventuell hatte Weir aber bereits damals das aussagen wollen, was die Regisseure Phil Lord und Christopher Miller schließlich zur zentralen Botschaft ihrer Filmumsetzung machten. Möglicherweise erkannten die beiden in den Zutaten der Vorlage einen Interpretationsansatz, den Weir beim Schreiben vielleicht nicht im Sinn gehabt hatte, und entwickelten sie zum vorliegenden Skript weiter.
Doch dazu später mehr. Zunächst muss ich mich ein wenig zum Autor äußern.
Das sangen Wizo bereits 2014, um sich über die Protagonisten der deutschen Rechtsrockszene und Teile der Neuen Deutschen Härte lustig zu machen. Die tragen nämlich vorgebliche Freiheit von jeglicher politischer Vereinnahmung wie eine Monstranz vor sich her. Diese IQ-Doppelnull-Leuchten aus dem Regal der halbhellen Sparlampen glauben tatsächlich, das wäre der Persilschein für ihre strunzdummen, hasserfüllten Texte gegen Staat, Verfassung und Menschen, die anders sind. Zugegeben: es gibt genug Doofe, die sich vom musikalisch-politischen Vorfeld vereinnehmen lassen und brav deren Platten kaufen. Gemeinsam bierseelig Songs gröhlen hat ja auch was Verbindendes, nicht wahr?!
Jedenfalls kennen wir alle die Sprüche aus der Kategorie:
"Haltet die Politik gefälligst aus der Kunst heraus!"
Zu meiner Verwunderung hat sich Andy Weir ebenfalls in dieser Form geäußert - und zwar in einem Interview mit dem Critical Drinker. Nach dem Interview war mir auch klar, warum er sich zu jemandem begibt, der sehr vokal gegen jede links eingefärbte Kunst agitiert. Dort gab Weir jedenfalls folgende Wortspende ab:
“I dislike social commentary. Like… I really hate it. When I’m reading a book, I just want to be entertained, not preached at by the author. Plus, it ruins the wonder of the story if I know the author has a political or social axe to grind. I no longer speculate about all possible outcomes of the story because I know for a fact that the universe of that book will conspire to ensure that the author’s political agenda is validated. I hate that,” Weir said. “I put no politics or social commentary into my stories at all. Anyone who thinks they see something like that is reading it in on their own. I have no point to make, and I’m not trying to affect the reader’s opinion on anything. My sole job is to entertain, and I stick to that.”
Das Zitat ist vor allem deshalb so interessant, weil es argumentativ Gaga ist. Konzentrieren wir uns an dieser Stelle ausschließlich auf die Aussage: "I put no politics or social commentary into my books at all."
Mister Weir hat in seinem Buch Project Hail Mary nämlich an allen Ecken und Enden politische und gesellschaftliche Aussagen untergebracht. Allein schon die Tatsache, dass in drei Büchern die Protagonisten ausgemachte Einzelgänger sind und am erfolgreichsten agieren, wenn sie frei von staatlicher Kontrolle sind, ist schon in sich ein politischer Kommentar. Neoliberale Ideologie, ick hör dir trapsen.
Allgemein betrachtet wird in Geschichten auch immer beschrieben wie das Zusammenleben miteinander verhandelt wird. Man gibt also schon zwangsläufig soziale und politische Kommentare ab, selbst wenn man nur einen allgemeinen Ist-Zustand beschreibt. Wird das noch mit einer irgendwie gearteten Wertung versehen, kann man sich endgültig nicht mehr rausreden.
Wenn das Werk intelligenter als der Autor ist
Hier einige Beispiele aus dem Buch, die Weirs Aussage widerlegen.
- Ryland Grace entscheidet sich am Hail Mary Projekt mitzuarbeiten als er vor seinen Schülern steht und erkennt welch schreckliche Zukunft sie zu erwarten haben. Es geht um das Übernehmen von Verantwortung, sich für ein Ziel einzusetzen, das größer als man selbst ist.
- Als die Bedrohung durch die Astrophagen offenkundig wird, arbeiten die Nationen weltweit zusammen und geben Projektleiterin Eva Stratt unreglementierten Zugang zu allen benötigten Ressourcen und befreien sie von jeglichen gesetzlichen Fesseln, Hauptsache sie rettet die Erde. Jede Maßnahme ist gerechtfertigt. Weir verknüpft die Themen Klimawandel und Coronapandemie miteinander und schiebt die unverklausulierte Forderung nach, dass gefälligst mal endlich alle zusammenarbeiten sollen, um das Problem zu lösen. - Und zwar so radikal wie nötig.
- Der Klimawandel wird hier zwar extern verursacht, aber Leugnern des menschlichen Einflusses auf das Klima stopft Weir das Maul. Eva Stratt bemüht nämlich radikale Maßnahmen zum Geoengeneering, womit gezeigt wird, dass wir Affen vom Stamme Homo Stultus durchaus das Klima des Planeten beeinflussen können.
- Unter anderem wird ein Teil der Antarktis nuklear gesprengt, um den Planeten zu erwärmen und so Zeit zu erkaufen. Das steht im Kontrast zu dem, was die Wissenschaftler Jahrzehntelang angestrebt haben. Einer von ihnen, der die Sprengung anordnen muss, hat deswegen einen Zusammenbruch und weint. Soweit so gut, aber dass er sich vorher selber noch als Hippieökologe bezeichnet hat, taucht die Szene in ein ganz anderes Licht.
- Stratts Entscheidung Ryland gegen seinen Willen auf Reise zu schicken und auf persönliche Schicksale gelinde gesagt zu scheißen beschreibt grundsätzlich staatliches Handeln - vor allem in Notzeiten. Im Kriegsfall werden junge Menschen zu vielen Tausenden auf die Schlachtfelder getrieben - ob sie wollen oder nicht. Rylands Erfolg auf der Mission legitimiert Stratt sogar noch im Nachhinein. Auch das ist ein politischer Kommentar.
- In der Kommunikation mit dem Außerirdischen Rocky wird Grace bewusst, dass Pronomen ein Thema sind. Was ist Rocky? Der kann die Frage nicht beantworten, weil er ein inkompatibles Vokabular hat, das sich nicht so einfach übertragen lässt. Also verpasst Grace Rocky die Pronomen he/him und das Thema ist gegessen. Sozialer Kommentar, anyone?!
- Als Rocky angibt daheim einen Partner zu haben (mate), nennt Grace der/die/das Partner Adrian. Wer den Film Rocky kennt, weiß dass Adrian eine Frau ist. Wer den Film nicht kennt, wird Adrian vermutlich eher für einen Mann und Rocky somit für schwul halten. In positiv gemeinter Lesart sehe ich in diesem Zug einen gelungenen zweideutigen Gag.
- Letztendlich wird in Project Hail Mary eine Geschichte über Interspezieskollaboration erzählt. Das unterstreicht den Punkt über die Beilegung von Differenzen und dem Üben von Toleranz.
Aus der Tatsache, dass Weir politische und soziale Kommentare in seine Werke einfließen lässt, drehe ich ihm keinen Strick. Es ist in der Kunst, gerade in Büchern und Filmen, unvermeidlich, dass persönliche Ansichten über unsere Welt Einzug finden. Schließlich entsteht Kunst in einem geografischen, gesellschaftlichen und zeitgeschichtlichen Kontext und nicht im luftleeren Raum. Dann kommt noch hinzu, dass die Genres Horror und Science-Fiction traditionell von Autoren als Vehikel genutzt werden, um Kritik an Missständen in der Gesellschaft zu üben.
Day of the Dead (Zombie 2) nimmt sich in einer Einkaufspassage die Konsumgesellschaft vor. Die Serie Expanse bzw. deren Buchvorlage prangert mit dem Schicksal der Belter ausbeuterische, koloniale Strukturen an. In Tenet schickt die letzte Generation der Menschheit aus der Zukunft eine Apparatur in die Gegenwart. Mit ihr soll unsere Zivilisation ausgelöscht werden. Das Motiv: Unser Raubbau am Planeten vernichtet die Existenzgrundlage der kommenden Generationen. Das Leben in der Zukunft ist so elend, dass es unseren Mördern egal ist, dabei selbst aus der Existenz getilgt zu werden. In They Live! werden Neoliberalismus und Klassismus in der Konsumgesellschaft thematisiert, während in den Body-Horror-Filmen The Substance und The Ugly Stepsister der Schönheitswahn unters Messer kommt.
Über die Aussagekraft und Validität der einzelnen Thesen kann man ja trefflich streiten. Jedoch so zu tun als wären sie schlicht nicht da oder bloße Einbildung in den Köpfen der Rezepienten und hätten in einem Werk für die Unterhaltung sowieso nichts zu suchen, verkennt die Realität und ist entweder unehrlich oder dumm. Ich bin geneigt zu glauben, dass Weir wirklich so dämlich ist und den Blödsinnn glaubt, den er da verzapft hat. Es sind schon klügere Leute unsinnigeren Erzählungen auf den Leim gegangen, weil sie irgendwie nett klangen.
Was für den Roman gilt, überträgt sich natürlich auch auf die Filmumsetzung. Hier komme ich, damit der Beitrag nicht noch weiter ausufert auf die Kernbotschaft zurück, die die Regisseure aus dem Roman herausgeschält, gepimpt und prominent in den Vordergrund gestellt haben.
Die Würde des Menschen - wenn Prinzipien lästig werden
Da sich seit 2021 der zeitgeschichtliche Kontext stark verschoben hat, hier zur Erinnerung einige der relevanten Variablen zur State of the World:
Kaum war die Coronapandemie überwunden, nutzte Russland die freiwerdenden Ressourcen und überfiel die Ukraine. Wirtschaftshistoriker Adam Tooze berichtete in Vorträgen darüber, dass sogar in der Biden Administration offen darüber gesprochen würde, ob eine schießende Auseinandersetzung mit China unausweichlich sei. Sei es aus wirtschaftlichen Gründen oder weil man versucht Taiwan heim ins Reich holen. Die Hamas verübte ein Massaker an isrealischen Zivilisten, was deren rechtsnationale Regierung veranlasste umgehend zurückzuschlagen. Die in Gaza begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden heuer noch untersucht.
Zwischenzeitlich kam der orange Affe wieder ins Amt und hat auf so ziemlich alle Regeln der Diplomatie und der Menschenrechte einen großen, dampfenden Haufen gelegt. Venezuelas Diktator Maduro hat er entführen lassen, bei der "Befriedung" Gazas Israel ebenso unterstützt, wie nun bei der Bombardierung im Libanon. In der Straße von Hormuz hat er die Weltwirtschaft versehentlich in eine neue Krise gestürzt und die verbrecherische Regierung in Teheran vermutlich auf lange Sicht gestärkt, statt abgesetzt. Nebenher träumt er noch von der Annektion Kanadas und Grönlands, lässt von ICE-Agenten Migranten jagen und abschieben und schüchtert Andersdenkende jeder Coleur ein. Bei uns überlegt man, ob man nicht aus der Menschenrechtskonvention aussteigen solle, damit man wieder besser abschieben kann und rennt den Talking Points der Faschisten hinterher.
Es ist sicherlich kein Hot-Take, wenn ich behaupte, dass die Bereitschaft zur Gewaltanwendung inzwischen deutlich erhöht ist. Ich schiele bei diesen Zeilen unter anderem auf den Umgang mit der Letzten Generation.
Ab an die Front!
Dieser Mechanismus ist gelinde gesagt hinterfotzig und seine Anwendung lässt sich an der Entwicklung des Protagonisten Ryland Grace (Ryan Gosling) ableiten.
Zunächst ist Grace ein Lehrer, der sich im Gespräch mit seinen Schülern auf Augenhöhe begibt. Mehr noch: In seinem Verhalten wirkt er nicht wie eine Autoritätsperson, sondern wird geradezu infantilisiert. Seine Schüler treibt die Sorge um den Infekt der Sonne mehr um als ihn. Er versucht sogar mehrmals das Thema zu wechseln. Doch die Kinder lassen nicht locker. Es wirkt fast so als habe er Angst. Als wüsste er, dass ihm der Kontakt zu diesem Thema gefährlich werden könnte. Ryland stellt in diesem Moment eine Antithese zu Lehrer Kantorek dar. Dieser Demagoge brachte im Roman Im Westen nichts Neues (Erich Maria Remarque) mehrere Klassen mittels aufgeblasener Reden voller patriotischer Phrasen dazu sich freiwillig an die Fronten des Ersten Weltkriegs zu begeben, um dort jämmerlich zu krepieren.
Es ist ein Song aus der Perspektive einer sterbenden Mutter nach der Entbindung. Sie hat nur noch wenige Minuten zu leben und gibt ihrem Baby einige letzte, motivierende Worte mit auf den Weg. Eva Stratt erinnert die jubelnden Projektmitglieder daran, für wen sie an die Front gehen. Es handelt sich um eine Durchhalteparole des Generals, der der Schlacht selbstredend fernbleiben wird. In der darauffolgenden Szene teilt Ryland dem Alien Rocky mit, dass er seinen Frieden mit dem Opfer gemacht hat, das er draußen im All bringen wird - ein Rückgriff auf den Anfang der vorherigen Szene, in der Scorpions Wind of Change kitschig aus den Boxen schallerte? An dieser Stelle wird klar, dass Ryland seine Transformation zum braven Soldaten zum größten Teil abgeschlossen hat. Aber ich greife voraus. - Dämliche Rückblendentaktik! - Zurück zu dem Moment, als Ryland Grace plötzlich Teil der Weltraummission wird.
Im Gegensatz zu den sich unbesiegbar fühlenden Schülern Kantoreks verfügt Grace über Erfahrung und Überlebenswillen. Er weiß, was ihn wirklich erwartet - und so weigert er sich unter Tränen auf Selbstmordmission zu gehen. Er will nicht sterben. Außerdem hat er niemanden für den er bereit wäre sein Leben zu geben. Sein Versuch sich Herauszuwinden ist an dieser Stelle natürlich zum Scheitern verurteilt. Eva Stratt weiß, dass die Kameraden an Bord diese Funktion erfüllen werden, wenn er erst einmal unterwegs ist. Wie im Krieg der Staat überstimmt Stratt Rylands persönliche Befindlichkeiten und zwingt ihn an die Front. Ihre Handlung ist durch die Kosten-Nutzen-Rechnung, die sie aufstellt, rational begründet, damit wir sie nicht als die Antagonistin wahrnehmen, die sie in diesem Moment darstellt.
Mit keiner Zeile wird Rylands aufgezwungene Reise kritisch betrachtet. Im Gegenteil, glorifiziert der Film den Wandel des Kindskopfs zu einem tapferen Soldaten in spektakulären, unterhaltsamen Bildern. "Habt keine Angst. Am Ende ist noch immer alles jot jejangen!"
Perfide werden die Zuschauenden teils durch den Einsatz von Überblendungen auf bestimmte Bilder zur gewollten Interpretation hingeleitet. An einer Stelle berichtet Rocky, dass Eridianer sich gegenseitig beim Schlafen beobachten, damit die Träumenden geweckt werden können, falls sich Gefahr nähert. "It's a survival norm. Someone has to keep you safe." Dann wird auf einen Flugzeugträger umgeschnitten. Die Regisseure teilen uns mit, dass es der Staat und das Militär sind, die uns sicher schlafen lassen.
Bei dieser Methode spricht man von einer dialektischen Montage. Der Einsatz dieses Stilmittels ist kein Versehen. Dadurch, dass die Regisseure die Phantasie des Lesers durch vorgegebene Bilder ersetzen, kann mann so die Inhalte einer Buchvorlage in einen völlig neuen Kontext rücken oder in ihrer Wirkung verstärken.
Obwohl der Forschungsaspekt im Vordergrund steht und keine schießende Auseinandersetzung mit der Astrophage zu erwarten ist, wird auf der Erde permanent Militär gezeigt. Offiziere an der Seite von Eva Stratt, Statisten als Soldaten auf den Sets. Dazu kommt noch Kriegsgelöt wie Jets und Flugzeugträger, die in schönen Bildern in Szene gesetzt werden. Sie sollen helfen den soldatischen Kern der Message zu festigen. Dies ist keine Forschungsmission, es ist Krieg!
Übrigens hätte man die Erzählstruktur aus Flashbacks nicht übernehmen müssen. Als eigenständiges Medium, das nach anderen Regeln funktioniert, wäre es durchaus möglich gewesen, im Film zu einer lineareren Erzählweise zu greifen und den Part auf der Erde auf ein Minimum herunterzukürzen. Zwar wurde zum Glück ein guter Teil Langeweile aus dem Buch gestrichen, aber da wäre noch mehr gegangen. Das hätte den Film, der mit 157 Minuten deutlich zu lang geworden ist, auf eine erträgliche Laufzeit gebracht.
Dass es auch anders geht, zeigt Sunshine von Danny Boyle. Hier droht die Sonne ebenfalls zu versagen. Man verschwendet aber keine Laufzeit damit das, was vor der Mission spielt, in aller Ausführlichkeit zu zeigen. Das Gegenteil ist im Astronaut der Fall. Man braucht die Rückblendenstruktur, damit man vor dem Finale den weinenden Grace dem tapferen Grace nochmal direkt gegenüberstellen kann. Just stop your crying! - Und sieh was für ein Mann dann aus dir wird!
Man wollte also genau die Botschaft vermitteln, die übrig bleibt, wenn man aus Project Hail Mary die Fun-Parts entfernt und den Plot auf das Wesentliche herunterbricht.
Deshalb sollte Der Astronaut als die hintertriebene Kriegsertüchtigungspropaganda bezeichnet werden, die sie ist.
Command to sleep!
Nur weil Der Astronaut ein US Amerikanischer Film ist, bedeutet das nicht, dass die verfolgte Agenda nicht auch in unserer Gesellschaft in negativer Weise aufgegriffen werden könnte. Wir sollten nicht vergessen, dass wir seit einem Jahr eine ziemlich verschnupfte Debatte über die Reaktivierung der Wehrpflicht führen.
Die Entwicklung kommt nicht von ungefähr. Eingekeilt zwischen den drei um Hegemonialstellung ringenden, aggressiv und teils erratisch agierenden Fraktionen USA, China und Russland erhöhen sich die Risiken für die EU spürbar; in wirtschaftlicher wie sicherheitspolitischer Hinsicht. Mit einem dreistelligen Milliardenbetrag Sondervermögen, der in den Wehretat reingebuttert wird, sollen die Soldaten von Morgen entsprechend ausgerüstet werden.
Skeptiker in der moralinsauren Wehrdebatte müssen sich in alle politischen Richtungen für ihre pazifistische Einstellung rechtfertigen. Insistierend werden Szenarien heraufbeschworen mit der Frage, wann man denn endlich bereit sei ebenfalls zur Waffe zu greifen. Auffälligerweise werden diese Fragen gerne von Leuten gestellt, die sich niemals an der Front wiederfinden würden. Die Beharrlichkeit, mit der in verschiedenen Formaten in dieser Art eingewirkt wurde, hat mich etwas verwundert. Die Pazifisten scheinen nämlich eine Minderheitenposition zu vertreten und das Soldatische hat heuer wieder Aufwind.
Unterdessen verstärkt die Bundeswehr ihre Rekurtierungsbemühungen bei der Jugend. Ihnen fehlten oft die Erfahrung oder die Fähigkeit zu erkennen, wann man sie um den Finger wickeln will. Sie sind also formbar wie der "neugeborene" Ryland Grace. Besuche der Bundeswehr in Schulen sind übrigens keine Seltenheit mehr und auch die Freizeitcamps, die seit Jahren angeboten werden, haben den Status obskure Randnotiz längst hinter sich gelassen.
Wäre die Kernfrage nicht eigentlich: Wie viel Wehrpotential brauchen und wollen wir wirklich?
Wollen wir als Gesellschaft am Ende nur so weit aufgerüstet sein, damit die Arschlöcher da draußen keine Lust haben sich mit uns anzulegen, oder entscheiden wir entlang des Weges, dass wir uns wieder stark genug fühlen, um selbst eins der Premiumarschlöcher werden zu können - also die Sorte, die anderen auf die Pelle rückt. Der Weg dazwischen kann ein schmaler Grad sein. Bei allen Entscheidungen sollten wir die Eskalationsgefahr mit einkalkulieren. Gemeint ist folgende Überlegung: Wie viel Indoktrination und Diskursfensterverschiebung werden wir noch brauchen, um diese lästige Würde des Menschen über Bord zu werfen? Da sich der Deutsche generell für die schönste Blume auf der Wiese hält, warne ich davor leichtfertig anzunehmen, dass es viel sein wird.
Wenn ich schon mit dem infantilen Zitat einer Punkband einleite, ist es nur recht mit den Worten eines gereiften Musikers zu enden. Maynard James Keenan richtet im Song Pet, von A Perfect Circle, in der Rolle des Demagogen folgende Worte an uns:
Wir sollten Maynards Worte als eindringliche Warnung verstehen, uns nicht von heimeligem Geraune um den Finger wickeln zu lassen!

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