So etwa ab Mitte der Zwanzigzehner Jahre begann in den USA ein Shift in der Produktion von Fortsetzungen bekannter Franchises, die vor allem eins gemeinsam haben: Dekonstruktion und mutwilliges Herumtrampeln auf dem Originalmaterial. Quasi als verhöhnende Entschuldigung wurden gleichzeitig die Memberberries-Maschinengewehre durchgeladen und abgefeuert.
"Sehet die Dinge, die ihr von früheren Tagen kennt! Jetzt liebet unsere Darreichungen zu euren kulturellen Favoriten!"
Dazu zähle ich unter anderem Star Wars, Star Trek, Doctor Who, Alien, Ghostbusters, The Witcher oder auch Umbrella Academy. Die beiden Letztgenannten gab es zuvor nur in Form von Büchern und Videospielen bzw einer sehr kurzen Comicbuchreihe. Das Prinzip war hier aber das Gleiche.
Zur Beantwortung der Frage nach dem Warum kann ich nur Spekulieren. Obwohl hier und dort immer wieder Ansätze interessanter Ideen hervorlugen, vermute ich eine Mischung aus folgenden Zutaten: Unkenntnis der Vorlage bzw Unverständnis für die Essenz der Vorlage. Fehlendes Talent und/oder unzureichende Erfahrung im jeweiligen Genre. Zwang durch das Studio eine Fortsetzung zu etwas umsetzen zu müssen, obwohl man eigentlich was ganz eigenes auf die Beine stellen will. Offene Ablehnung des Originalmaterials. Zumindest bei The Witcher lassen die Leaks den Schluss zu, dass man hier mutwillig etwas kaputtmachen wollte. Ein zusätzlicher Faktor, der im Verlauf der letzten Dekade sicherlich immer stärker mit reinspielt, ist die Vorgabe der Streamingdienste alle Produktionen Second-Screen-kompatibel zu gestalten. Wer also nur ein Hörspiel während des Daddelns am Smartphone haben will, muss genauso abgeholt werden, wie jemand, der tatsächlich noch auf den Bildschirm glotzt. Das führt unter anderem zu immer schlimmeren Expositionsdialogen und wirklich ganz dummen Plotkonstruktionen.
Eigentlich hab ich mit Star Trek in seiner aktuellen Form bereits vor langer Zeit abgeschlossen. Man könnte mir an der Stelle entgegnen: "Wozu noch ein Wort verlieren?" Da stimme ich grundsätzlich zu. Aktuell schau ich mir mit meiner Frau die letzte Star Trek Serie von vor dem Untergang an: Enterprise. Die Tage wurde mir dann ein Talk über die ersten sechs Folgen der neuen Serie Starfleet Academy in den Feed gespült, was mein Bedürfnis geweckt hat, für diesen Blog wenigstens einmal meine Abscheu für New Trek zum Ausdruck zu bringen.
Bevor es losgeht, ein kurzer Abriss zur bisherigen Trekhistorie. Es gibt TOS, die ursprüngliche Serie aus den 1960ern, dann ab 1987 beginnend eine neue Ära mit The Next Generation. Hier mussten Rick Berman und weitere Jungspunde hinter den Kulissen eine kleine Revolution anzetteln, um Roddenberry das Steuer der Serie mehr oder weniger zu entreißen. Man merkt dann ab Staffel zwei auch den starken Anstieg in der Qualität der Skripte, doch erst mit dem Tod des Franchiseschöpfers konnte die Wandlung vollzogen werden. Später stieß noch Brannon Braga hinzu. Diese Ära endete nach sieben Jahren Deep Space Nine und Voyager 2005 mit der vierten und letzten Staffel Enterprise. Mich hatte nach der teilweise wirklich desaströsen Voyager Serie gewundert, dass man dem Franchise einen weiteren Eintrag spendiert hatte. Im Nachhinein bin ich froh. Es ist neben TNG meine liebste Trek Serie.
Ich erwähne das so ausführlich, um klarzumachen, dass ich das alte Trek nicht vorbehaltlos liebe. Da ist auch eine Menge Blödsinn dabei gewesen.
Es verging im Serienbereich mehr als eine weitere Dekade, bis eine neue Serie erscheinen sollte. Ab 2009 kamen drei neue Kinofilme, die in der alternativen Kelvin-Timeline spielten und durchaus auch zurecht bereits die Gemüter der Trekkies spaltete. Regisseur J.J. Abrahams gab damals selbst zu, mit Star Trek nicht besonders viel anfangen zu können. Im Gepäck hatte er damals bereits einen alten Weggefährten namens Alex Kurtzman, der an den Drehbücher der ersten beiden Filme mitwirkte. Der dritte Film, der meiner Meinung nach das beste Skript aufweisen konnte, kam ohne seine Mithilfe aus. Aus diesem Grund verwundert es nicht, was für ein Clusterfuck New Trek beginnend mit Star Trek: Discovery wurde. Da war besagter Mr. Kurtzman nämlich federführend mit dabei gewesen. Selbstredend kann man ihn nicht alleine verantwortlich machen, keine Frage. Er war aber einer derjenigen, der die Richtung mitbestimmte, in die sich das Franchise entwickelte.
Anstatt New Trek in ein alternatives Universum zu verfrachten, sollte es das bestehende Universum fortführen, was zu einer Menge inhaltlicher und optischer Fehler bzw Dissonanzen führte. Seitdem erschienen noch die Serien Picard, Strange New Worlds, Prodigy, Lower Decks und nun Starfleet Academy. Gesehen habe von diesen Produktionen die ersten drei Staffeln Discovery, Picard komplett und die erste Staffel Strange New Worlds. Die beiden Animationsserien habe ich links liegen lassen. Prodigy ist als Kinderserie gedacht und da bin ich wirklich nicht die Zielgruppe. Lower Decks wurde allgemein wohlwollend aufgenommen vom Fandom, aber mich stößt allein schon die Animationsqualität derart ab, dass ich mir das nicht antun will.
"Was also macht New Trek angeblich so schlecht? Die Produktionsqualität kann es ja nicht sein. Die Effekte und Sets sehen immerhin sehr hochwertig aus."
Danke für den guten Einwand, fiktiver Leser! Tatsächlich war die Produktion der Serien nicht billig. Ich finde viele Designs scheußlich, unpassend und teils absolut unpraktisch bzw sogar unrealistisch für das gewählte Setting, aber hier waren durchaus Menschen mit Talent am Werk. Außerdem lässt sich über Geschmack nicht streiten. Wäre der optische Stil mein einziger Kritikpunkt, ich wäre glücklich. Im Folgenden werde ich exemplarisch an der ersten Staffel Discovery die Problemfelder aufzeigen und soweit ich geschaut habe, belegen, dass die Probleme danach nicht verschwunden sind.
Was Star Trek ausmacht
Gene Roddenberry hatte einst, mitten im Kalten Krieg, von dieser Utopie einer vereinten Menschheit geträumt, die nicht mehr versucht die Schwachen zu unterjochen, in der man unabhängig von Geschlecht und Hautfarbe ein freies, selbstbestimmtes Leben führen kann. Der Kapitalismus ist überwunden, niemand leidet einen Mangel. Selbstverständlich gibt es noch Konflikte. Sonst wäre die Serie wohl auch sehr langweilig geworden. Diese kommen aber vor allem von Außen, in Form der Klingonen beispielsweise. Die Rick Berman Ära ab TNG stellte dann deutlich stärker philosophische und ethische Fragestellungen in den Raum. Darf man sich in die Entwicklung eines Volks einmischen? Wie sollte man mit religiösen Überzeugungen umgehen? Wie definiert man Leben? Ist der Androide Data eine Person oder ein Gegenstand, der jemandem gehört? Bei der Auslootung der Antworten zu Fragen dieser Art machte man es sich in aller Regel nicht einfach. Mehrere Sichtweisen wurden geboten und es wird dann teilweise auch hart in der Sache gestritten. Das Ziel ist aber stets die Findung eines Konsenses oder von Erkenntnis.
Ab TNG kann man sagen, dass auf den Schiffen und Stationen eine professionelle Arbeitsatmosphäre herrschte. Die Sternenflotte ist zwar primär auf Forschung ausgerichtet, hat aber genug Feuerkraft, um sie guten Gewissens auch als Militär zu bezeichnen. Es gibt Hierarchien, die beachtet, Regeln, die befolgt werden müssen. Befehle können nicht einfach ignoriert werden, weil einem gerade danach ist. Zudem wirkt auch das gesamte Design vorwiegend funktionabel, durchdacht und im Rahmen des Settings plausibel. Es unterstützte die Illusion eines Arbeitsplatzes. Man ist auf einem Raumschiff unterwegs und nicht auf einer Yacht. Man muss zusammenarbeiten, um die Reise überleben zu können.
Weder von der Utopie, noch dem authentischen Setting ist in Discovery etwas Nennenswertes übrig geblieben. Das, was die Serie zeigt, ist ,angepasst an die miese Zeitgeiststimmung, bestenfalls deprimierend. Die Menschen scheinen sich kein Stück weiter entwickelt zu haben und sind von Feinden umringt. Neben den Klingonen werden unter anderem noch Teile der Vulkanier als Gegenspieler aufgebaut, welche Teil der Föderation sind und eigentlich Freunde sein sollten. Sich düster und total Deep zu geben ist nach wie vor schwer angesagt, aber mal ernsthaft: wäre es in den aktuellen Zeiten nicht besser einen positiven Ausblick auf eine hoffnungsvolle Entwicklung unserer Gesellschaft zu werfen? Eine Gesellschaft, die nachdenkt, bevor sie handelt; sich der Konsequenzen ihrer Entscheidungen bewusst ist und das Wohl Aller im Blick hat - also das komplette Gegenteil zu dem, was die Figuren in dieser Serie anstellen. Hier steht die Ich-zuerst-Mentalität im Zentrum des Geschehens.
In Picard wird zudem klar, dass sich die Sternenflotte zu einer ziemlich egoistischen Arschlochbrigade zurückentwickelt hat. Mitleid mit den Romulanerflüchtlingen? Nur wenn es sein muss. Seufz! Alles muss am Ende dekonstruiert werden. Auch die Utopie.
Wenn selbst mir als Nicht-Trekkie die Inkonsistenz der gezeigten Technik und Lore zur bisherigen Welt von Star Trek ein (Michael) Dorn (Ha! Ha!) im Auge ist, will ich gar nicht wissen wie schlimm es für die Hardcorefans sein muss. Dass man TOS mit Kirk und Co ausblenden muss, ist nicht weiter schlimm. Diese Serie finde ich höchstens unter historischen Aspekten erwähnenswert. Doch seit den Ende 80ern bis Mitte 2000er hatte CBS es geschafft ein weitgehend in sich schlüssiges Universum aufzubauen. Sogar Enterprise, die Serie über das erste Raumschiff der Erde, hielt sich an die aufgestellten Spielregeln. Dabei wäre zur Produktionszeit, gemessen an der aktuell verfügbaren Technologie, bereits ein Update des fiktiven Universums möglich gewesen. Dass das nicht zwingend nötig ist, zeigt der letzte Blade Runner, der sich an der Optik des ersten Films orientiert und technologisch ein bisschen angestaubt wirkt. Der Look der alten Trek-Filme und Serien, mit ihrer für heutige Verhältnisse klobigen Technik, macht schließlich einen großen Teil des Identität des Franchises aus. Im besten Fall hatte man Angst altbacken zu wirken. Ich fürchte jedoch, dass man mit den Designs nochmal mehr zur Disruption des Ursprungsmaterials beitragen wollte.
Zunächst einige einfache Beispiels zum Einstieg, die man mir als Erbsenzählerei ankreiden kann: Discovery und TOS spielen im 23. Jahrhundert. Die Discovery verfügt über ein Holodeck. Diese wurden laut diverser Wikis aber erst in Föderationsschiffen ab dem 24. Jahrhundert installiert. Die Kommunikation erfolgt nicht über Bildschirme, sondern über Hologramme, die sogar in den Räumen beim Gesprächspartner herumspazieren und sich an Wände lehnen können. Das ist einfach unnötig und dumm. Welcher Wahnsinnige würde für solche Spielereien Energie und Rechenpower vergeuden? Damit die Schiffe möglichst verletzlich sind, baut man noch mehr Fenster ein. Statt eines Spiegels wird ein Hologramm genutzt. Das ist sooo... seufz! In einer feindlichen Umgebung wie der des Weltalls nutzt man immer die Lösungen, die am einfachsten sind und möglichst wenig Energie benötigen und/oder sich nicht schnell abnutzen. Style over Substance - wem das reicht, bitte schön: hier ist Ihre Traumserie!
Protagonistin Michael Burnham wuchs auf Vulkan als Ziehtochter von Sarek auf. Dass bislang nie eine Ziehschwester von Spock erwähnt wurde - geschenkt. An der Stelle kann man immer sagen: "Es wurde ja auch nie was anderes behauptet! Nä!?"
Jedenfalls hat sie eine besondere Verbindung zu Sarek. Als die Klingonen zum Herbeirufen Ihrer Posse einfach die Maglites ihrer Raumschiffchen einschalten, meldet sich der olle Vulkanier über tausende Lichtjahre hinweg per telepathischem Kathra-Telefon bei ihr. Praktisch. Gibt es da ein Minutenlimit oder hat er eine Flat-Rate? Sarek verkündet direkt, dass sie nichts sagen müsse, weil jeder in der Galaxis das Signal der Klingonen sehen könnte. Moment mal… Licht reist mit Lichtgeschwindigkeit…. dürfte er nicht erst in ein paar tausend Jahren das Licht sehen können?! Ach es ist zum Mäuse melken mit der inneren Logik dieser Serie. Star Trek ist durchaus dafür bekannt sich die eine oder andere erzählerische Freiheit herauszunehmen. Es ist kein Hard-SciFi. Doch sobald es um Technik und Physik ging, bemühte man sich zumindest um ein in sich geschlossenes System und ließ echte wissenschaftliche Erkenntnisse mit einfließen. Nicht umsonst hatte man in der Berman-Ära ein eigenes Team, das sich nur um Kontinuität kümmerte und die Lücken in den Skripts mit passendem Technik-Gebabbel füllten.
Die Discovery hat einen superkalifragilistikexpialigetischen Experimentalantrieb. Er wird mit speziellen Pilzsporen gespeist, was das Schiff in Nullzeit von einem Ort zum anderen in der Galaxis zappen lässt. In Discovery ist die Milchstraße nämlich auf Subraumebene mit einem Geflecht aus Pilzen durchzogen. Nachdem ich mit Lachen fertig war, hab ich mich geärgert. Neben dem Beamen haben wir damit die zweite Technologie, die so stark ist, dass man sie ständig kaputtschreiben muss, damit das Skript nicht von vornherein unspannend wird. Man muss sich mal vor Augen führen, dass dieser Antrieb noch derber als der Transwarpantrieb der Borg in Voyager ist. Eine Serie, die deutlich später spielt. Den Pilzsporenantrieb kennt man in den zeitlich danach angesiedelten Serien nicht. Wieso? Dieses Logikloch behebt man Ende Staffel zwei mit dem Verschwinden des Schiffs in die ferne Zukunft mit folgender plumpen Lösung: "Wir löschen einfach alle Beweise der Existenz des Schiffes und tun so als hätten wir keinen an Bord gekannt." - Himmelarschundzwirn!
In Battletech gibt es auch eine Variante der Nullzeitreisen, aber man hat wenigstens daran gedacht, die Sache so zu schreiben, damit sich kein Exploit für die Handlung ergibt. Die maximale Reisedistanz beträgt 30 Lichtjahre und danach muss der Antrieb erstmal mehrere Tage aufladen. Man mag es kaum glauben, aber aus solchen Umständen ergeben sich verdammt spannende Bücher, die strategische Überlegungen notwendig werden lassen.
Die optische Umsetzung des Champignonantriebs sorgt zudem noch für akutes Augenrollen. In der Untertassensektion befindet sich eine Art Schwungrad, nennen wir es das Plotgyroskop. Jedenfalls dreht es sich dann ganz doll schnell. Beim Sprung macht die Discovery dann eine Fassrolle und landet am gewünschten Ort. Dabei fällt sie aber immer erst ein paar hundert Meter im All runter. - Warum?! Was für ein Unfug! Ich wartete vergebens darauf, dass die mal bei so einem Sprung versehentlich in einen Asteroiden oder ein anders Schiff krachen würden.
Technik mutiert in New Trek mehr und mehr zu magischem Krempel, der irgendwie funktioniert. In Picard Staffel eins wird es sogar ausgesprochen. "Ich habe keine Ahnung, wie man das Gerät bedienen muss. - Du musst nur daran glauben, dass es funktioniert." - Was zum Fick war ich hörend?! Diese Einstellung zieht sich durch alle Serien, die ich geschaut habe. Da fliegen Warpgondeln neben dem Schiff her, weil es damit manövrierfähiger sei oder man lässt eine Hologramm-KI abstürzen, indem man ganz schnell mit den Augen klimpert. Weil eine Figur ganz böse FühliFühli hat, zerstört ein Trauerschrei alles Dilithium im bekannten Universum, weshalb Warpreisen nahezu unmöglich werden. Wenn man in einen Turbolift steigt, fährt man quasi eine Achterbahn durch eine Parallelrealität, in der es scheinbar keine Wände gibt. So gesehen in Staffel zwei von Discovery. Wenn man genau hinschaut kann man vielleicht sogar den unsichtbaren Bahnsteig nach Hogwarts entdecken. Uhura muss in Strange New Worlds im Maschinenraum Reparaturen an einem Apparillo durchführen, der aussieht wie eine überkandidelte Schaukel, die lustlos irgendwo im viel zu leeren Raum abgestellt wurde. Wenn Uhura dann röhrenförmige Kanister austauschen muss, wirkt das mehr wie ein American Gladiators Kampf gegen sich selbst oder ganz schlechtes LARP.
Die Entfernungen in den mittlerweile riesenhaften Schiffen haben sich inzwischen zu einer ganz eigenen Gagkategorie entwickelt. In Starfleet Academy ist die Akademie gleichzeitig ein Campus und ein Raumschiff, das sich im Orbit mit dem Warpantrieb vereinigen kann. So zeigen die Bilder eine Brücke mit den Ausmaßen eines Fußballfeldes. In welcher Realität würde man so etwas konstruieren und erwarten, dass das funktioniert? Im Grunde hatten die Kreativen richtig Bock eine SciFi-Fantasy im Stile von LEXX - The Dark Zone zu produzieren. Auch ganz großer Dünnpfiff, aber selbst dafür gibt es eine Zielgruppe.
Charaktere aus der Hölle
Discovery hat auf der inhaltlichen Seite mit unglaublich schwerwiegenden Problemen zu kämpfen. Das offensichtlichste: Michael Burnham. Wer kam auf die Idee eine derart selbstgefällige, unsympathische, arrogante und unprofessionelle Figur zu schreiben und glaubt dann, dass sich die Zuschauenden mit ihr identifizieren können, geschweige denn Sympathie für sie empfinden? Warnungen und Fakten werden beiseite gewischt, gute Ratschläge ignoriert, weil sie ja nicht von ihr selber kommen. Sie geht mit dem Kopf durch die Wand und Kollateralschäden sind ihr egal. Als sie dann einen Ausweg aus dem Schlamassel zu kennen glaubt und niemand ihr zuhören will – warum auch? – meutert sie in ihrer selbstgerechten Art und versucht sich so erneut durchzusetzen. Aber weil andere Figuren ihr ständig sagen wie toll und gut sie doch ist, sollen wir Zuschauenden das auch so sehen.
Leider hat man es vorwiegend mit gefühlskalten, irrational agierenden Figuren zu tun, die keine bis kaum Persönlichkeit besitzen. In Picard schaut es ähnlich aus. Eine der Figuren, Dr. Jurati, bringt im Laufe des Plots mutwillig einen Menschen um. Zwar wurde sie manipuliert, um das zu tun, aber ihr Verhalten endet nicht wie zu erwarten vor einem Gericht. Nein! Alles cool. Der Typ war eh doof. Ich verstehe viele Kritikpunkte an den letzten drei Kinofilmen, aber eine Sache hat mich über die meisten unlogischen Szenen und Plotholes gerne hinwegsehen lassen: die Figuren hatten Herz. Immerhin kann ich Strange New Worlds diesen einen Punkt geben: Die Figuren sind hier deutlich sympatischer. Das bedeutet nicht, dass die Geschichten besser sind, aber hey: ein Pluspünktchen ist besser als gar keins.
Es sagt viel über Discovery aus, dass Schuft Harry Mudd nur in einer Handvoll Szenen mitspielt, aber den positivsten Eindruck hinterlässt. Er ist zwielichtig, hintertrieben, humorvoll und er zeigt nachvollziehbare menschliche Emotionen. Kurz: er ist die beste Figur der Serie. Eine Show mit ihm im Fokus? Solange er weiter von Rainn Wilson gespielt wird, wäre das definitiv etwas, das ich mir ansehen würde.
Dialoge für Kleinkinder und Unaufgepasste
Die Plots sind über weite Strecken derart konstruiert und Balla, dass man versucht den Umstand mit Exposition Dump von Galaktischen Ausmaßen in den Dialogen zu kaschieren. Der Plan: Wenn nur genug Worthülsen abgefeuert werden, sind die Leut so dusselig im Kopf, dass denen gar nicht mehr auffällt, dass man nur Platzhalter in den Skripten stehen hat. Dass es in einer Serie, insbesondere einer SciFi Serie, nicht ohne Exposition geht, ist mir klar, doch selten war es derart plump und uninspiriert geschrieben. All das führt zu gestelzten Unterhaltungen, die normale Menschen so nie miteinander führen würden. Ja, nicht mal im Weltraum! Weil man die meiste Zeit über so stumpfes Geblubber von sich geben muss, sind die Figuren vermutlich auf der anderen Seite so überemotional und ohne Selbstkontrolle geschrieben. Die überwiegend sympatischen Darsteller in Strange New Worlds können hier ein wenig Kompensation leisten, aber ihnen sind Grenzen gesetzt. Gegen die ein schlechtes Drehbuch ist halt kein Kraut gewachsen.
Probleme werden fast ausschließlich mit Gewalt oder ganz großen Gefühlen gelöst, selten mal mit Verstand und Logik.
Dinge passieren, weil die Drehbuchautoren das so wollen
Warum zum Geier muss man mit einem Raumanzug in ein Asteroidenfeld fliegen, wo etwas oder jemand aktiv die Scanner des Schiffs blockiert? Da schickt man eine Sonde rein und gut ist. Aber das wäre ja nicht badass genug. Zumal die Strahlung dort angeblich so heftig ist, dass man nur zwanzig Minuten überleben kann. Zufällig trifft Michael Burnham im Arschteroidenfeld auf einen Klingonen - scheinbar sind die immun gegen die Strahlung - und als sie fliehen will bringt sie ihn versehentlich um. Ja, mit einem Upsi. Das gibt den Klingonen auf dem getarnten Schiff fünf Meter weiter den Grund die 24 Häuser des Imperiums mit einer intergalaktischen Photonenpumpe in Nullkommanix herbeizurufen. In einer typischen „JA! NEIN! OHHHH!“-Nonsense Diskussion beschließt man, sich zusammenzutun und die pöhsen Menschlein umzukilltöten.
Apropos Logik: Dass dann im Finale des Piloten obendrein Captain und erster Offizier aufs feindliche Schiff beamen, zeigt, wie viele andere Szenen, dass die Föderation aus Mitgliedern besteht, die auf Prometheus-Level dumm sind. Ja, so doof waren andere Produktionen auch schon, aber hier ist der Bogen schon derart überspannt, dass ich das nicht durchgehen lassen will. Selbstverständlich stirbt Captain Georgiou mit einem Messer in der Brust, damit Burnham einen Grund hat sie zu rächen. War euer Ziel nicht den Anführer der Klingonen gefangen zu nehmen oder gab es einen sinnigen Grund den Phaser von Lähmen auf Töten zu stellen? Sich stumpf zu rächen, torpediert das gesamte Unterfangen und ist höchst unprofessionell. Burnham landete zu Recht, aber auch viel zu kurz, im Bau. In Folge eins kommt sie mit einer lauen Ausrede wieder in den Dienst.
Eines der Crewmen, Tilly, leidet ziemlich offensichtlich an einer Adipositas per Magna. Den BMI können wir nur erraten, aber er wird sich zwischen 40 und 50 eingependelt haben, bis ich aufgegeben hatte, Discovery zu schauen. Jaja, Bodyshaming - dies, das, Ananas! Wer glaubt denn ernsthaft, dass jemand, der so unfit ist, Dienst auf einem Raumschiff leisten darf? Die Sternenflotte hat da gewisse Standards... zumindest hatte sie die früher. Würde es sich um eine Zivilistenrolle wie Guinan in TNG handeln - dann von mir aus. Wie will Tilly denn auf einer Außenmission mit dem Gewicht auch nur halbwegs zehn Treppenstufen steigen ohne außer Atem zu sein? Schönes Gegenbeispiel aus der Serie The Expanse: Bobbie Draper ist ein Mars-Marine und wird von einer großen Frau mit stämmigem Körperbau gespielt, die aber trainiert ist. So sieht passendes Casting aus.
Der Oberkracher ist allerdings ein Wettlauf in Staffel Zwei durch das Schiff, bei dem sie mit macht und alle trainierten Figuren locker abhängt. Dass die Autoren uns das ernsthaft weismachen wollen, ist eine ziemlich offen ausgesprochene Beleidigung unseres Intellekts. Ich war auch mal richtig fett und weiß wie gut man sich da bewegen kann. So jedenfalls nicht. hand@kopp
In Picard kann Dr. Jurati, deren Geist mit dem der Borg Queen ringt, Autobatterien leersaufen, ohne Schaden davonzutragen, obwohl ihr Körper immer noch menschlich ist. Ich glaube mich entsinnen zu können, dass die Auflösung dieses Plots auch sehr schmerzhaft war, aber mein Gehirn weigert sich zu erinnern... Vielleicht sollte ich an der Stelle einfach dankbar sein.
Message mit dem Holzhammer
Nun gut, Dialoge schlecht, Charaktere überwiegend unbefriedigend geschrieben, Plots, die sich vermutlich nicht nur anfühlen, als habe man sie sich spontan fünf Minuten vor Drehbeginn aus dem Arsch gezogen, und auf Logik geschissen. Gibts noch etwas zu erwähnen?
Ursprünglich handelte es sich bei den Klingonen um ein Volk, das sich raubeiniger gibt, als es ist. Sobald es um nicht um Krieg und Intrigen geht, ist man auf Vergnügen aus und lässt es ordentlich krachen. Some kind of Space Pirates! Jetzt haben wir es mit engstirnigen, fundamental religiösen Rossettenkneifern zu tun, die auf Basis einer schwachsinnigen Unterhaltung in den Krieg ziehen. Ich habe nach dem Pilotfilm von den Showrunnern nicht mal mehr die Meldung lesen müssen, um von selbst auf den Trichter zu kommen, was mit den Klingonen in Discovery gemeint ist: das patriarchalisch, religiös verquastete Amerika Donald Trumps. Politische Untertöne gab es in Star Trek schon immer. Teilweise ging man auch mit wundervollen Tabubrüchen voran, wie dem ersten Kuss zwischen einer Schwarzen und einem Weißen im US Fernsehen. Der Film Das unentdeckte Land träumte von einem Ende des Kalten Krieges. Es mutet wie ein Treppenwitz an, dass die Produktion des Films von den tatsächlichen Ereignissen eingeholt wurde. Im Grunde ist demnach die Thematisierung der aktuellen US Regierung nicht außergewöhnlich. Anti-Trump zu sein war 2017 jedoch weder mutig , noch progressiv - es war Mainstream. Selbst heute ist er der unbeliebteste Präsident. Inzwischen wäre es jedoch deutlich mutiger sich gegen ihn zu stellen. Im Pilotfilm wurde mir diese lahme Ente jedoch zu plump vom Himmel geballert, als dass ich den Move hätte feiern können.
Was ich daher damals ziemlich unverschämt fand, war die Ansage zwischen den Zeilen, man sei endlich (!) progressiv. Ganz so als sei das neu in Star Trek. Das war natürlich totaler Bullshit, Kurztman und Co aber egal. Um sich gegen jedwede Kritik zu wappnen, wurde die gebotene Diversität wie eine Monstranz vor sich hergetragen.
"Schau her, Unwürdiger! Sieh welch diverses Endprodukt wir darbieten. Wir haben Wichtiges geleistet. Knie nieder und vergöttere es!"
Star Trek war schon immer progressiv und sehr divers. Es mag sein, dass man je nach Blickwinkel noch Luft nach oben sehen kann, aber so zu tun, als habe man dem Franchise endlich zu einer Daseinsberechtigung verholfen, war schon ... verwegen. Mag sein, dass an dieser Stelle die Kommunikation etwas unglücklich gelaufen war, aber das kam damals nicht nur bei mir so an.
Ich glaube gern, dass es genug regressive Dumpfnasen gab, die den Machern ziemlich plump und ehrverletzend begegnet sind. Deswegen beleidigt zu sein ist menschlich. Sich jedoch gegeüber jeglicher Kritik zu immunisieren, indem man pauschal alle Unzufriedenen als rassistische, frauenfeindliche Arschgesichter darstellt, ist nicht minder plump und ehrverletzend. Man entfremdet sich durch solche Aktionen vollkommen ohne Not von der Fanbase. Am Ende sind vermutlich genug Zuschauende übrig geblieben, da nach wie vor Content produziert wird. Mich sprechen diese Serien jedenfalls nicht mehr an. Vielleicht wird es irgendwann einen dritten Shift in der Produktionsphilosophie geben, wenn Kurztman und Co davongezogen sind. Dann werde ich wieder reinschauen. Bei der aktuellen politischen Lage wären positive Botschaften nämlich dringend angebracht.
Und es kann doch nicht sein, dass man gutes Star Trek ausgerechnet einer Show überlassen will, die mehr oder weniger als Persiflage angetreten war. Ich glaub, über The Orville sollte ich demnächst auch mal schreiben. Die Serie hat auch den weniger peinlichen Humor. Wenn die Elite der Sternenflotte an der Academy beim Doc erscheinen muss, weil man versehentlich das Comm-Badge verschluckt hat, ist zu dem Punkt eigentlich alles gesagt.
Obwohl Star Trek für mich mit New Trek Geschichte ist, hab ich dennoch eine wirklich positive Anmerkung zu machen. Ich hatte mit Picard Staffel Drei wirklich sehr viel Spaß. Man merkt, dass hier jemand aus der alten Genration das Ruder übernommen hat, um den Abschluss der Reihe zu filmen. Ja, hier gibt es auch genug zu Mäkeln, wenn man in die Analyse geht, aber das Gesamtpaket ist einfach stimmig im Vergleich zum Rest.
Wehe, Kurtzman bekommt je Babylon 5 in seine untalentierten Griffel...
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