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Game of Score


Lautes Gepolter und Wehklagen schallt des Nächtens durch das Heim des greisen Antonio Salieri (F. Murray Abraham). Seine Diener eilen, zur späten Stunde aufgeschreckt, zu den Gemächern und finden ihn in seinem eigenen Blut liegend. Salieri wollte mit einem Schnitt in die Halsschlagader Selbstmord begehen. Sofort wird er ins Spital transportiert, von wo er wenige Tage später ins Irrenhaus verlegt wird. Ein Priester besucht ihn dort, um ihm die Beichte abzunehmen. Immerhin wussten die Diener zu berichten, dass er sich selbst mehrfach und lauthals des Mordes an Wolfgang Amadeus Mozart (Tom Hulce) bezichtigt hatte, bevor er das Rasiermesser ansetzte. Antonio Salieri jedenfalls ist endlich bereit sich seiner Selbst zu stellen und der Priester wird zuhören müssen ...

Biopics, insbesondere die über Musiker, erfreuen sich in den letzten Jahren großer Beliebtheit. Ich finde sie meist äußerst fade - sogar wenn mir die Musik gefällt. Bohemian Rapsody konnte zwar mit der Musik von Queen aufwarten, versagte als Film jedoch auf fast allen Ebenen. Dass man kaum bei der Wahrheit blieb, kann ich verstehen - als Band waren Queen ausgemachte Langweiler ohne große Skandale. Wären Freddys Coming Out und seine HIV-Infektion nicht gewesen, man hätte noch weniger zu erzählen gehabt. Aber selbst in der herbeigelogenen Geschichte, die der Film präsentiert, gelang es Drehbuchautor Anthony McCarten nicht, einen interessanten oder unterhaltsamen Plot zu entwickeln. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass der Film nicht mal eine kohärente Story erzählt. Das Ergebnis ist eine konzeptlose Aneinanderreihung von losen Ereignissen. Das ist leider typisch für dieses Genre. Obendrein werden meist die dunklen Aspekte einer Biographie ausgelassen oder nur angeteased, um die Partystimmung in den überlangen, für die Kinoleinwand produzierten Musikvideos mit Minimalsthandlung, nicht zu verderben.
 
Müsste ich einen Favoriten der Zweitausender aussuchen, wäre Weird: the Al Yankovic Story mein Favorit.  Die von Weird Al mitgeschriebene und produzierte Komödie dreht nämlich den Spieß um. Ja, auch hier wird der Künstler gefeiert. Doch anstatt so zu tun als würde man die wahre Geschichte eines übermenschlichen Helden erzählen, wird von Sekunde Eins klar, dass hier alles erstunken und erlogen ist. The Al Yankovic Story ist im Grunde eine Parodie aufs Genre, die sogleich das gesamte Biz mit auf die Schippe nimmt.  
 
Aus der Zeit vor Zweitausend kommt mir vor allem ein Film in den Sinn, den ich auch künstlerisch sehr beeindruckend finde: Amadeus von Miloš Forman aus dem Jahre 1984. An der Stelle muss ich mich direkt korrigieren. Der volle Name in der Titlecard des Films lautet nämlich Peter Shaffer's Amadeus. Es wird von Beginn an klar gemacht, dass wir zwar mit historischen Figuren rechnen dürfen, aber kein schlichtes Biopic erwarten können. Das Drehbuch von Peter Shaffer basiert auf dessen Theaterstück gleichen Namens und nimmt sich sehr viele Freiheiten heraus. Entsprechend fehlt auch ein Gähnattacken induzierender Hinweis á la "...nach einer wahren Begebenheit...". Meiner bescheidenen Meinung nach dient so etwas viel zu oft als lahme Ausrede für ein uninspiriertes Drehbuch.
 
Vom grundsätzlichen Ablauf der Wiener Phase des Künstlers abgesehen ist das Meiste frei erfunden. Das ist auch gut so, da Forman keine Dokumentation drehen, sondern dem Publikum einen spannenden, unterhaltsamen Musikerthriller vor dem Setting des europäischen Absolutismus bieten wollte. Dabei wird die politische Situation in Europa komplett ausgespart - es sei denn sie wirkt auf die Musik und die Künste direkt ein. Alles in diesem Film ist ausschließlich mit der Kunst verknüpft. So ist Kaiser Franz Joseph Karl, bzw. Franz II. (Joseph II. im Englischen), zwar in vielen Szenen dabei, doch ist er nur dann in seiner Funktion als Herrscher über das Heilige Römische Reich zu sehen, wenn es um Zensur und Regeln für die Theater geht. In allen anderen Szenen ist er vor allem ein Musikliebhaber und Mäzen. Mozart betont einmal sogar, dass er seine Adaption der Hochzeit des Figaro aus politischer Sicht komplett entkernt habe. "Bitte weitergehen, Herr Kaiser, hier gibbet nüschd zu zensieren!" In diesem Punkt sind sich Salieri und Mozart übrigens gleich. Beide interessieren sich allein für die Musik und nicht für Politik. Darum weiß der greise Salieri auch nichts über dieses Thema zu erzählen.

Man könnte einwenden, dass auch Forman genretypisch den Künstler Mozart als Genie mit beinahe überirdischen Kräften darstellt. Allerdings bekommen wir keinen strahlenden Helden vorgesetzt, sondern einen Menschen mit sehr vielen Fehlern. Der clevere Kniff des Drehbuchs ist nämlich, wie eingangs bereits erwähnt, die Handlung aus der Sicht seines ärgsten Widersachers Antonio Salieri zu erzählen. Der Italiener ist ein sehr unzuverlässiger Erzähler. Er lässt Dinge weg, anderes kann er nicht wissen, vieles vermutet er nur. Wir Zuschauenden lauschen nun seiner Mär über das, was sich seiner Meinung nach im Wien der Jahre 1781 bis 1791 zugetragen haben soll.

Der Wiener Hofkapellmeister erinnert vom Charakter her an mies gelaunte Dudes, die sich als Verkäufer von Musikinstrumenten in einem Hinterhofladen verdingen und verbittert darüber sind, nie einen Hit gelandet zu haben. Dabei hat Salieri es im Vergleich zu ihnen geschafft. Er hat eine sichere Anstellung bei Hofe und ist ein angesehener Bürger Wiens. Im Grunde ist er sehr zufrieden. Auch auf seine Musik ist er stolz. Zumindest so lange, bis er Mozart, den er eigentlich bewundert, persönlich kennenlernt. Während Salieri sich abstrampeln, hart arbeiten musste, um seine Fähigkeiten zu erlangen, scheint Mozart alles zuzufliegen. 
 
Das wäre halb so tragisch, wenn Mozart nicht so eine abstoßende, windschiefe, zu kurz geratene Witzfigur mit einem grauenhaften Lachen wäre. Ausgerechnet diesem saufenden, grabschenden und vulgären Tölpel soll Gott ein solches Talent verliehen haben? Ein Affront!
 
Sein verletzter Stolz überstrahlt die eigentliche Erkenntnis: Salieri erkennt nämlich in Mozarts Kompositionen echte Genialität. Ein Talent, mit dem er sich niemals messen wird können. Das Publikum wird vermutlich nicht in der Lage sein, den fundamentalen Unterschied zwischen ihnen wahrzunehmen. Das ist nicht das Problem. Doch sich selbst mit Mozart zu vergleichen, gibt ihm ein Gefühl der Mittelmäßigkeit. Unbedeutend und klein fühlt er sich. Diese Verletzung sitzt so tief, dass er beschließt Mozart aus dem Weg zu räumen.

Auch wenn Miloš Forman hier einen deutlich leichteren Film abliefert, gibt es eine Gemeinsamkeit mit Einer flog über das Kuckucksnest: Der Kampf des Individuums gegen die Institutionen taucht auch hier auf. Mozart wird nämlich immer wieder mit Regeln gegängelt und zurechtgewiesen. Der Künstler fühlt sich eingesperrt wie in einem Käfig. Dabei will er nichts mehr, als sich in seinen Kompositionen frei entfalten zu dürfen, um die Grenzen der Musik sprengen zu können. Im Gegensatz zu Randle Patrick McMurphy ist Mozart jedoch keine Kämpfernatur. Zart, sensibel, dem Alkohol zugetan und Vergnügungssüchtig ist er. Dass er nicht mit Geld umgehen kann, ist jedoch sein größtes Problem, und treibt auch seine Frau Constanze (Elisabeth Berridge) die meiste Zeit um. 

Amadeus ist spannend, unterhaltsam und in schönen Bildern vor historischen Kulissen festgehalten worden. Gerade im Vergleich zu dem schrecklich billigen Computerschrott, der in Luc Bessons: Dracula, aufgeboten wird, sieht das Ergebnis deutlich wertiger und authentisch aus. Auch wenn ich ein absoluter Laie bin, sobald es um klassische Musik geht, finde ich es schade, dass die Libretti auf Englisch gesungen und nicht mitsynchronisiert wurden. Die Deutsche Synchro ist davon abgesehen nämlich wundervoll geraten, auch weil die Wiener Klangfarbe zumindest gelegentlich durchscheint und somit das Setting lebendiger werden lässt. 

Da ich bereits die Figur Dracula erwähnt habe, fällt mir in Bezug auf die gelungenenen Bilder vor allem eine Szene ein: Mozarts Vater Leopold kommt zu Besuch. Im Treppenhaus stehend wartet er auf den Sohn, von hinten beleuchtet und schwarz gekleidet. Mozart erschrickt sich bei seinem Anblick, bis er ihn schließlich erkennt und zu ihm läuft. Die Art wie Leopold dann seinen Mantel ausbreitet und ihn in die Arme schließt, wirkt direkt wie aus einem Vampirfilm entnommen. Der geradezu opernhafte Moment erinnert an den Tod, der sich Mozart später holen wird. Es handelt sich um ein sehr stimmungsvoll ins Szene gesetztes Foreshadowing. 

Immer wieder werden Musik und Bilder eindrucksvoll miteinander verknüpft. Amadeus hört beispielsweise lautstark die Musik, die er gerade niederschreibt. Als Zuschauer denkt man erst, dass hier einfach nur der Soundtrack läuft. Als er jedoch aus seinen Gedanken gerissen wird verstummt auch das Konzert in seinem Kopf. In einer anderen Szene schimpft ihn seine Schwiegermutter aus. Die Tirade lässt Forman in eine ebenso aufgebracht keifend singende Frau auf der Bühne überblenden. Musikenthusiasten, die sich mit den Stücken auskennen, werden sicherlich viel mehr zu inhaltlichen Verknüpfungen sagen können. Ich bin als Banause an der Stelle jedenfalls keine passende Anlaufstelle.

Nicht ohne Grund, wurde Peter Shaffer's Amadeus für elf Olscars nominiert und konnte acht Statuen mit nach Hause nehmen. Auch wenn Tom Hulce einen wundervollen Mozart spielt, geht F. Murray Abraham in seiner Rolle als Salieri vollkommen auf. Obwohl es sich anbieten würde in einem Film über einen Konflikt von Opernkomponisten einen vollkommen überzogenen, comichaften Antagonisten zu spielen, ist sein Salieri genau das Gegenteil seiner Kunstform. In leisen Tönen und kleinen Gesten weiß Murray die Verletzlichkeit und inneren Konflikte seines Charakters darzustellen. Vom alten Salieri geht eine milde gestimmte Melancholie und ein selbstkritischer Sinn für Humor aus, der sich aus verpassten Chancen und Entscheidungen speist, die man nicht mehr korrigieren kann. Eins wollte der Hofkapellmeister nämlich nie sein: der Bösewicht seiner eigenen Geschichte.
 
Amadeus ist ein Film über Neid, Missgunst und toxische Selbstwahrnehmung, der dank des gewählten Settings, der hervorragend gewählten Sets und authentisch geschneiderten Kostüme eine zeitlose Schönheit in sich trägt, welche von der Musik passend begleitet wird. Vielleicht ist es aber auch anders herum und die Bilder begleiten die Musik. 

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