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Französische Beißerchen


Vampire im Allgemeinen und Dracula im Speziellen sind Themen, die die Filmschaffenden immer wieder zu Tiefstleistungen anspornen. Es gibt einige wenige herausragende Umsetzungen, wie beispielsweise Bram Stoker's Dracula (1992) von Francis Ford Coppola oder Nosferatu (1922) von Friedrich Wilhelm Murnau. Auch dessen Remake von Werner Herzog aus dem Jahre 1979 finde ich sehr gelungen. Das Meiste ist jedoch erstaunlich mid bis schrecklich unkreativ. Manchmal gönnt man sich eine neue Herangehensweise an den Stoff, was dann dem Vampirgenre einen guten oder zumindest interessanten Eintrag hinzufügt. Interview mit einem Vampir (1994), Fright Night (1985), Renfield (2023), Blade (1998) oder John Carpenter's Vampires (1998) würde ich zu dieser Art Vertreter zählen.

Wenn man eine bekannte Geschichte neu interpretiert, sollte das zumindest auf einem Gebiet in einer besonderen Qualität geschehen. Opulente Ausstattung, ungewöhnliche Inszenierung, ein unerwarteter Blickwinkel, aus der die Geschichte erzählt wird, oder eine Varianz, die wir noch nicht kennen, wären Beispiele. Luc Besson dachte sich, dass er einen solchen Film liefern kann und spendierte uns Dracula: A Love Tale. Ich erwähne nur der Vollständigkeit halber, dass der deutsche Titel "Die Auferstehung" mal wieder ein Paradebeispiel schwachsinniger Übersetzungen ist. Nicht nur ist das strunzend doof, sondern auch irreführend. Der geneigte Teutone erwartet nämlich im schlimmsten Fall einen actionreichen Gruselstreifen, den Besson aber gar nicht machen wollte. Liebe LEONINE Studios: Thema verfehlt - Sechs! SETZEN! 

Nach dem ersten Satz des Textes kann es schon ahnen: überzeugt hat mich Besson leider nicht. Eine Tiefstleistung ist A Love Tale jedoch zum Glück nicht geworden. Vom grundsätzlichen Handlungsgerüst weicht der französische Regisseur nicht ab. Immer noch ist Vlad der Pfähler., bzw Dracula (Caleb Landry Jones), ein Mann, der sich von der Kirche abgewendet hat und dafür mit dem Vampirfluch belegt wurde. Jahrhunderte später taucht 1 Renfield (Ewens Abid) vor seiner Tür auf, um Grundbesitz mit ihm zu klären. Dracula wird auf dessen zukünftige Frau (Zoe Bleu) scharf, sperrt Renfield ein und macht sich auf die Socken, um die holde Schönheit zu mopsen. Dann tritt 1 van Helsing (Christoph Waltz) auf, um dem Vampir nachzuspüren und ihm den Garaus zu machen.

Hauptdarsteller Jones und Christoph Waltz sind die beiden großen Lichtblicke des Films. Sie schaffen es mit ihrem Schauspiel mehr aus dem Drehbuch zu holen, als in den teils hohlphrasigen und nicht allzu durchdachten Dialogzeilen geschrieben steht. Die anderen Schauspielenden machen ebenfalls einen akzeptablen bis guten Job, aber die Klasse eines Waltz oder Jones erreichen sie einfach nicht. 

Bessons Ansatz den romantischen Teil von Draculas Geschichte zu priorisieren, also die Suche nach der Reinkarnation seiner verflossenen Liebe, ist durchaus ein interessanter und legitimer Ansatz. Daraus muss nicht zwangsläufig ein langweiliger Film werden. In seiner Endfassung zieht sich A Love Tale jedoch oft unnötig. Auf der einen Seite steht die Szenenreihenfolge und der Schnitt dem Erzählfluss im Weg. Auf der anderen mäandert der Plot lange Zeit durch die Gassen von Paris bis dann alles auf einmal passieren muss. Dabei geht ein guter Teil des Spannunsgaufbaus flöten. 

Zur Szenenreihenfolge gibt es ein extrem auffälliges Beispiel: Es gibt eine lange Einführung, in der wir einen glücklichen Vlad mit seiner geliebten Elisabeta sehen, dann ihren unnötigen Tod und Vlads Wandlung zu Dracula. Einige Zeit später, wenn der Renfieldverschnitt bei Dracula auf der Matte steht, kommt es zu einem längeren Gespräch, in dem Renfield die Geschichte des Schlossherren erzählt bekommt. Wie zu erwarten kommt es hierbei zu vermeidbaren Überschneidungen. 

On top kommt jedoch, dass in dieser Sequenz die gesamte Einführung in Kurzform hätte stattfinden können. Das wäre deutlich eleganter gelöst und hätte Budget gespart, das an anderer Stelle sinnvoller eingesetzt gewesen wäre. Muss man unbedingt den Kampf gegen die Osmanen sehen in aller Ausführlichkeit sehen? Ich finde nicht. Sie spielen später ohnehin keine Rolle mehr. Auch wird die Beziehung von Elisabeta und Vlad nicht in einer Tiefe gezeigt, die wichtig für das Verständnis von Draculas emotionalem Befinden und seiner Motivationen wären. Eine Kürzung dieser Szenen wäre also ebenfalls nicht schädlich für den Plot gewesen.

Ich verstehe, dass Besson mit den fröhlichen, poppigen Farben im Prolog den Kontrast zum späteren, düsteren Teil der Geschichte herausarbeiten wollte. Leider schießt er über das Ziel hinaus. Das Ergebnis sieht wie ein eher leidlich choreografierter, bonbonfarbener Fremdkörper aus. Ein artistischerer Ansatz - bspw. mittels klassischer Animation - hätte hier wahrscheinlich deutlich atmosphärischerer gewirkt. Die Zeit und das Budget, die hier verschwendet werden, fehlen später bei der Entwicklung der Liebesgeschichte zwischen Mina und Dracula bzw bei dessen Läuterung am Ende. Beides wirkt gehetzt, mit der Brechstange ins Drehbuch geschrieben und wenig glaubwürdig. Ich hab zwar schon schlechtere Paarungen auf der Leinwand gesehen, aber so richtig will der Funke bis zum Ende nicht überspringen.

Besson hat ins Drehbuch noch Versatzstücke von Süsskinds Buch Das Parfum und Die Schöne und das Biest fließen lassen. Die Ideen sind nett bis interessant. Das kann man durchaus machen, um der Geschichte einen neuen Dreh zu verpassen. Das Parfum nutzt Dracula auf seiner Suche nach Elisabeta, um die Frauen um sich herum zu bezirzen. Sein Schloss und die dilletantisch animierten Wasserspeier erinnern wiederum stark an das Heim des Biests. 

Statt der Gargoyles wären menschliche Handlanger die deutlich bessere Wahl gewesen. Günstiger, stimmiger, handwerklich einfacher umzusetzen. Die Computerkreaturen matchen fast nie mit dem Rest des Bildes, was den Endkampf im Schloss teilweise wie Kasperletheater wirken lässt. Dabei sind die Kampfszenen von Dracula mit seinen menschlichen Gegnern wirklich OK in Szene gesetzt worden. Dann nehm ich doch lieber okaye Kämpfe mano-a-mano als so einen CGI Unfall. 

Immer wieder fallen unnötige Plotholes auf. In einem Rückblick wird beispielsweise gezeigt, wie Dracula auf einer Party im Bergheim, ähm ich meine Versailles, ein klitzekleines bisschen die Contenance verliert und die Frauen in Vampire verwandelt. Dass der Vorgang niemanden im Raum zu stören schien, fand ich zwar seltsam, aber darauf will ich nicht hinaus. 

Die olle Fledermaus hat nämlich einen nicht uncleveren Plan: die Frauen sollen seine Augen und Ohren sein. Vampirische Spione, die durch die Welt reisen, um nach der Reinkarnation von Elisabeta zu suchen. Spitzen Idee, möchte man meinen. Aus irgendeinem Grund nutzt der Plot den Umstand aber nur so zur Hälfte.

Im Film ist es so, dass eine der Vampirfrauen Mina, die Verlobte des Renfield, auf einer Feier trifft. Dracula erfährt jedoch nicht von seiner Spionin von Minas Existenz, sondern durch den Besuch des Renfield bei dem schrumpeligen Blutsauger. Irgendein Schlaumeier wird nun insinuieren, dass die Vampirin den Renfield zu ihrem Boss geschickt hat. Das ergibt allerdings wenig Sinn, fiktiver Klugscheißer! Zum einen wird das nicht erzählt. Zum anderen ist es purer Zufall, dass Dracula Minas Fotografie in Renfields Medaillon zu sehen bekommt. Zugegeben: Sehr wahrscheinlich wollte Besson uns die genau diese Geschichte erzählen, aber im fertigen Film bekommen wir nur das Ergebnis von Zufallsbegegnungen und Upsis zu sehen. 

Jedenfalls, in Paris angekommen, befreit Dracula die Vampirin aus der Irrenanstalt und bedankt sich für ihre Hilfe. Welche Hilfe? Ich habe den Eindruck, dass in A Love Tale eine Menge Material auf dem Boden des Schneideraums gelandet ist und am Ende keiner mehr die aufklaffenden Lücken sehen konnte. 

Dazu passt auch, dass das Ziel des Films selbst nach dem Abspann unklar ist. Wollte Besson ausnahmsweise eine Love Story mit gänzlich anderem Ausgang, also Happy End für Vlad, erzählen? Danach schaut es nämlich lange Zeit aus. Oder wollte er seine Läuterung über einen tragischen Verlauf der Lovestory erzählen? Beides wäre interessant gewesen und hätte auch gut funktionieren können. Dracula muss nicht immer sterben. In A Love Tale haben wir einen Vlad, der sich selbst eine Menge Selbsthass aufgebürdet hat und im Grunde nach einer Form der Erlösung sucht. Zumindest deutet sich das hier und dort immer wieder mal an. Also Happy End oder Läuterung sind gute Ansätze, wie ich finde. Allerdings geht aus der Handlung, die der finale Film erzählt, beides nicht schlüssig hervor. 

Zum CGI habe ich bereits einiges gesagt. Anstatt Matte Paintings für die Hintergründe zu nutzen, kommen diese auch immer wieder aus der Retorte. Leider sehen die dann gerne mal aus als seien sie einem alten Videospiel entnommen worden. In den Partyszenen durch die Epochen schreit wiederum alles nach Greenscreen. Insgesamt ist mir der Look zu slick und clean. Sobald man viel Tageslicht zu sehen bekommt, fehlen dem Bild Tiefe und damit Textur. Auf der anderen Seite gibt es auch immer wieder gute inszenatorische Momente. Wenn sich Dracula über den ihn anschmachtenden Nonnen auftürmt und diese übereinander klettern, um zu ihm zu kommen, sind das starke, aussagekräftige Bilder.

Nein, Dracula: A Love Tale ist kein Reinfall, aber nur die Hauptdarsteller schleppen den Film leicht über die Mittelmaßziellinie. Wie so oft liegt hier enormes Potential unter einem schlechten Skript und einer viel zu biederen Inszenierung begraben. 

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