Yet again, it's time to watch a Klassiker of Kinogeschichte. Bevor es zu hart cringed, wenden wir uns ohne Umschweife Miloš Formans zweiten US-Film Einer flog über's Kuckucksnest zu. Wie immer werfen wir bei den richtig alten Schinken einen Blick auf die Aktualität der verhandelten Themen und wie gut die Umsetzung gealtert ist. Also, kann dat wech oder is dat noch watchable?
Der Film entstand in der Ära des New Hollywood (1967-1980). Nachdem der strenge Motion Picture Production Code durch ein Altersfreigabesystem ersetzt wurde, endete die auferlegte Epoche der Selbstzenur in Hollywood. Die gewonnene künstlerische Freiheit führte dazu, dass die Filme moralisch ambivalenter. düsterer und realistischer wurden. Endlich konnten Themen wir Sex, Gewalt und Politik, die für manche ohnehin ein und das selbe sind, ohne Maulkorb behandelt werden.
Sodenn haben wir hier einen Protagonisten, der kaum beispielhafter für diese Ära sein könnte: Randle Patrick McMurphy (Jack Nicholson) ist wegen wiederholter Gewaltstraftaten und Unzucht mit einer 15-Jährigen verknackt worden. Er besteht darauf, dass sie erwachsen aussah und behauptet haben soll, sie sei über 18 Jahre alt. Doch selbst wenn seine Aussage der Wahrheit entspricht: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht! OK; er hat Pech gehabt. Dass er aber im Knast Zwangsarbeit verrichten soll, geht ihm dann doch zu weit. Also tut er so, als habe er den Verstand verloren. McMurphy wird in die geschlossene Abteilung einer Nervenheilanstalt eingewiesen, wo er evaluiert werden soll. Dort trifft er auf die strenge, eiskalte Herrscherin dieser kleinen Welt: Schwester Mildred Ratchet (Louise Fletcher).
Einer flog über's Kuckucksnest basiert auf dem gleichnamigen Roman von Ken Kesey und wurde von Michael Douglas und Saul Zaentz produziert. Miloš Forman war damals nach seiner unfreiwilligen Emigration aus dem Ostblock günstig zu haben, aber obendrein die ideale Besetzung für den Job. Er hatte mehrere Jahrzehnte in einem opressiven Regime gelebt und verstand die Menschen, die in einer solchen Gesellschaft existieren müssen. Forman konnte sich demnach in die Psyche der Bewohner von Mildreds Reich einfühlen.
Man kann es schon ahnen: Einer flog über's Kuckucksnest ist einer dieser Filme, die eine verhältnismäßig simple Geschichte erzählen, dafür aber auf der Metaebene unglaublich viel Tiefgang entwickeln. Schnell wird nämlich klar, dass in dieser Nervenheilanstalt so einiges geschieht, aber keinesfalls eine Therapie, die den Patienten helfen soll oder gar könnte.
Zum Verständnis dieser Tragikkomödie ist ein Zitat Formans hilfreich:
"Wir schaffen Institutionen, Regierungen und Schulen, um uns im Leben zu helfen, doch jede Institution entwickelt nach einer Weile die Tendenz, sich nicht mehr so zu verhalten, als sollte sie uns dienen, sondern als sollten wir ihr dienen. Das ist der Moment, wenn das Individuum mit ihnen in Konflikt gerät."
So erzählt uns Forman eine Geschichte vom schwachen Individuum gegen den allmächtigen Staat. Ratchet würde einwenden, dass es eine Erzählung von Ordnung im Kampf gegen das Chaos sei. Beides sind wahre Aussagen.
Für das Verständnis eines Films kann eine Analyse der Figurennamen von Bedeutung sein. Ein genauerer Blick auf die beiden Protagonisten des Films zeigt, dass wie es hier durchaus mit sprechenden Namen zu tun haben.
Mildred Ratchet
Ratched hat eine dreistufige Deutung inne. Ausgesprochen erinnert der Name an das englische Wort "ratchet". Übersetzt werden kann es als Ratsche oder Sperrklinke. Dabei handelt es sich um eine mechanische Vorrichtung, die Bewegung nur in eine Richtung zulässt. Als Hüterin der Geschlossenen entscheidet die Schwester wer sie wieder verlassen kann. Als Personifikation der Institution, in der achtzehn Männer eingesperrt sind, hat alles genau in eine Richtung zu laufen; und die bestimmt sie.
Gleichzeitig kann der Name Ratched auch mit dem englischen Wort "wretched" assoziiert werden, was mit kläglich, ärmlich, erbärmlich oder jämmerlich übersetzt werden kann. Zusammen mit der Ratte, die in ihrem Namen steckt, wird klar dass sie als Institution moralisch verkommen ist und man von ihr nur Hinterlist erwarten kann.
Ironisch gebrochen wird diese Deutung durch den Vornamen Mildred. Aus dem Altenglischen stammend kann man den Namen als sanfte Stärke oder milde Macht übersetzen. Gleichzeitig deutet der Vorname gemäß Formans Zitat auf ihren ursrprünglichen Charakter hin, bevor er verdreht und verdorben wurde.
Randle Patrick McMurphy
Randle ist eine englische Variante des altgermanischen Namens Randolf oder Randall. Schildwolf steckt als Bedeutung darin. Er kann als Symbol für Stärke und Schutz verstanden werden. Patrick wiederum leitet sich vom lateinischen Wort für Adliger ab. Er unterstreicht zum einen die Irische Abstammung der Figur und bietet wiederum zwei ironische Brechung an. Zum einen haben wir es hier nicht mit einem Heiligen zu tun, wenn man an den Schutzpatron Irlands denkt (St.Patrick). Zum anderen erkennen wir hier einen Bruch zum Nachnamen.
Mc bzw. Mac ist in Irland und Schottland verbreitet und bedeutet so viel wie "Sohn von". Das kann auf eine Herkunft aus der Arbeiterklasse hindeuten. McMurphys Auftreten, teils vulgäre Wortwahl, Kleidung und Gesellschaft außerhalb der Anstalt unterstreichen diese Interpretation. Im Vergleich zur kalten, mechanischen Ratchet ist dieser Freigeist eine volksnahe, menschlich wirkende Figur.
Murphy selbst leitet sich vom Irischen Murchadha ab, was Meereskrieger bzw. Beschützer der See bedeutet. Man könnte einwenden, dass McMurphy primär seine eigenen Interessen schützt. Allerdings hat sein Auflehnen gegen das System auch das Potential die Situation für seine Mitmenschen zu verbessern. Ich sehe hier jedoch mehr einen Verweis auf die raue See. Das Meer ist eine Naturgewalt und pures Chaos. Das setzt ihn schon namentlich in Konflikt mit Ratched.
Die Ambivalenz ist in McMurphy auf mehreren Ebenen angelegt worden, was den Zuschauenden genug Stoff zum Nachdenken gibt. Kann oder darf man mit so einem Typen mitfühlen? Ist so einer in der Lage das Richtige zu tun?
McMurphy versucht die anderen Bewohner zum Widerstand zu bringen, aber viele tun sich schwer damit. Zu seiner Überraschung haben sie sich teilweise freiwillig auf der Geschlossenen eingefunden. Diese Männer stehen für uns, die Gesellschaft. Ja, es kann durchaus verlockend sein, sich führen lassen. Es entlastet den mental Load, weil Verantwortung von einem genommmen wird. Man muss sich nicht bemühen, um an Informationen zu kommen, auf deren Basis Entscheidungen getroffen werden können. Dafür nehmen viele von uns gerne Unfreiheit in Kauf. Besonders perfide wird es, wenn die Menschen mit einem Versprechen von Schutz vor einer diffus bedrohlichen Welt um sie herum allzu leichtfertig zur Unfreiheit genudgd werden.
Gemäß Kant ist die Aufklärung der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Auch wenn wir für uns selbst generell diese Mündigkeit annehmen, ist die Frage erlaubt, ob das immer so uneingeschränkt wahr ist. Die Patienten auf der Station jedenfalls haben sich zurückentwickelt und müssen erst wieder mündig werden. Mündigkeit birgt die "schwere" Aufgabe der Selbstverantwortung und damit Unsicherheiten und Ängste in sich. Exemplarisch bringt es Billy (Brad Dourif) auf den Punkt, wenn er zu McMurphy sagt, dass er zwar frei sein will, aber einfach noch nicht soweit ist.
Randle und Mildred sind Antipoden, von denen weder der eine ein Heiliger noch die andere das pure Böse ist. Sie sind die Pole zwischen denen das alltägliche Miteinander verhandelt wird. Forman bietet mit McMurphy einen Charakter mit dem wir uns hauptsächlich deshalb identifizieren können, weil er im Gegensatz zu Ratched kein gefühlskalter Roboter ist, sondern ein Mensch. Ja, er hat teils gravierende Makel. Auch wenn man es nicht offen eingestehen würde - jeder hat Makel. Wir sind Menschen - wir sind alles andere als perfekt. Die Makel machen McMurphy daher erst zu einem Menschen. Zugegeben: In seiner Extremform könnte McMurphys Lebensphilosophie in Anarchie und
Egoismus münden. Dann wiederum muss man eingestehen, dass er als
Einzelner gegen ein mächtiges System anzukämpfen hat, das ihn permanent zu verbiegen sucht. Als Individuum bleibt er ein
Don Quixote im Kampf gegen Windmühlen. Darum ist er darauf angewiesen
Mitstreiter zu finden.
Trotzdem vermeidet Forman allzu vorschnell Partei für ihn zu ergreifen. Bevor das geschehen kann, muss erst das Ausmaß von Ratcheds Verkommenheit offenkundig werden.
Besonders während den sogenannten Therapiestzungen analysieren die ruhige Kameraarbeit und der unaufgeregte Schnitt die Bruchlininen, die diese und auch unsere Gesellschaft durchziehen. Der Film betet den Zuschauenden bewusst keine definitive Antwort vor, sondern lässt uns selbst beurteilen, wie die Handelnden einzuordnen sind. Wer von ihnen handelt richtig, wer falsch? Die schwierige Antwort lautet: es kommt immer auf den aktuellen Zustand der Gesellschaft an. Im Film wird spätestens dann klar, dass hier kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist, als McMurphy es mit demokratischen Mitteln versucht. Diese sind jedoch zum Scheitern veruteilt, weil Ratched die Regeln immer so ändert, damit das ihr gelegene Ergebnis zustande kommt. Die Bewohner sind zu verwaltende Masse auf ihrem Arbeitsplan, keine Menschen mit Bedürfnissen.
Dennoch gibt McMurphy seinen Widerstand zunächst nicht auf. Es gibt einen Punkt in der Handlung, an dem er wieder ins Gefängnis zurückgeschickt werden könnte. Doch Ratched besteht auf sein Verweilen. Er hat sie, das System, herausgefordert. Dafür muss sie ihn brechen. Der Hass auf ihn und hämische Freude sind die einzigen Emotionen, die sie sich zugesteht. Diese verbirgt sie wie immer unter einer stoischen Maske der vorgeblichen Neutralität. Unter ihr brodelt es jedoch gewaltig. Erst als McMurphy erkennt, dass Widerstand zwecklos ist und die körperliche Unversehrtheit in Gefahr ist, will er aus der Anstalt fliehen.
Kann oder darf man Widerstand gutheißen, wenn ein Mann wie McMurphy ihn anführt? Hier haben wir es mit einer Ambivalenz zu tun, die man als Zuschauende aushalten können muss. Im übrigen gilt das auch in der Realität. Wenn wir pure Unschuld und Reinheit von denjenigen verlangen, die Proteste anführen, werden wir uns mit Leichtigkeit von den Mildreds dieser Welt manipulieren lassen. "Was beschwert sich die Olle, dass wir hier millionen Tonnen CO2 in die Walachei speien? Die hatte neulich ne Plastiktüte für ihre Einkäufe, die Heuchlerin! DIE darf gar nix sagen!" Perfektion ist ein Anspruch, den niemand erfüllen kann. Niemals. Ad hominem als einziger Angriffsvektor gegen ein Argument ist zwar furchtbar billig, aber leider zu oft auch sehr wirksam.
"Ist denn Widerstand überhaupt notwendig? Wogegen eigentlich? Läuft doch!", mag der eine oder die andere denken.
Im Grunde wird dieser Kampf jeden Tag ausgefochten. Regeln, Gesetze und Institutionen sind nicht von Gott gegeben, sondern menschliche Erfindungen, um unserem Zusammenleben Struktur und Sicherheit zu verleihen. Wir selbst geben sie uns und wir selbst müssen die Institutionen, die die Regeln mit Leben füllen, stets überwachen und intervenieren sobald sie missbräuchlich werden. Vor diesem Zustand warnt der Film. Er ermahnt uns wachsam bleiben und eingreifen bevor unser Widerstand Gefahr für Leib und Leben darstellt.
Missbrauch der Institutionen und durch die Institutionen findet täglich auf der Welt statt. Hier bedient man sich während einer Notsituation an Staatsfinanzen und fördert Nepotismus. An anderer Stelle werden finanzielle Mittel von Behörden beschnitten, um Ermittlungen gegen Wirtschaftskriminalität zu verunmöglichen oder man setzt Länder, in denen Folter und Tod drohen, auf die Liste mit sicheren Herkunftsländern, um Menschen abschieben zu können. Andere reden uns ein, wir bräuchten KI-gestützte Totalüberwachung, um uns vor Verbrechen schützen zu können. Wieder andere manipulieren Wahlen durch Zuschnitt von Wahlbezirken oder indem Bevölkerungsgruppen systematisch von der Wahl ausgeschlossen werden. In den USA versucht man derzeit beispielsweise Transmenschen von der Wahl fernzuhalten, wenn sie ihren Vornamen geändert haben. "Leider, leider ein unglücklicher behördlicher Umstand, der dich von deinen Rechten abhält. Doofes Gesetz. Da kann man halt nix machen." Ganz oben auf meiner persönlichen Liste steht das Ignorieren von Gerichtsurteilen, die bestimmte Handlungen des Staates untersagen oder einfordern.
Wir alle müssen uns in der einen oder anderen Form engagieren, um zu verhindern, dass die Ratcheds dieser Welt unser Leben in einen erdrückenden Kerker verwandeln. Seien es Ehrenämter wie Schöffen oder Wahlhelfer, der Besuch von Demonstrationen, Petitionen, Wählen, Teilnahme an Bürgerstunden, Spenden an Hilfsorganisationen und NGOs oder das schlichte Erheben der eigenen Stimme, wenn Unrecht geschieht und vor unseren Augen Hass auf den Straßen gesät wird.
Also ja: Einer flog über's Kuckucksnest und seine Warnung vor Mildred Ratched ist nach wie vor aktuell. Leider.

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