Bislang habe ich mich vornehmlich über Filme ausgelassen, welche aus Sicht der Macher als gute, möglicherweise sogar künstlerisch wertvolle Werke betrachtet und rezipiert werden sollen. Nennen wir es der Einfachheit halber Mainstream-Kino. Das bedeutet natürlich nicht, dass diese Werke dann auch gut sind. Beispiel gefällig? 2025 erschien die dümmliche Buddy-Cop-Nummer in der Präsidialausgabe namens Heads of State. Die Nummer war definitiv ein mittelschwerer Griff ins Klo. Geplant hatte das Team hinter dem Film jedoch sicherlich ein qualitativ höherwertigeres Ergebnis.
Der Kappes mit Josh Hartnett im Actiongehampel Fight or Flight war da schon eine andere Hausnummer. Der war zwar ebenfalls so unterhaltsam wie eine Blinddarmentzündung, man kann den Machern aber guten Gewissens unterstellen, dass sie realistischere Vorstellungen vom Ergebnis des kreativen Prozesses hatten: Trash.
"OMG! Er hat Trash gesagt und damit meine Lieblingsfilme beleidigt! Ich muss die UN anrufen und mich beschweren. Meine Schundgefühle beleidigen darf nicht ohne Folgen bleiben!"
Jetzt mal langsam mit den jungen Pferden!
Ich nutze den Begriff Trash an der Stelle durchaus Zuneigung bezeugend. Ich schaue abseits des Mainstream-Kinos ebenso gerne Krempel aus zig Jahrzehnten Filmgeschichte, der von den meisten durchaus als Unfall gewertet werden kann. Ja, Trash kann mit Schrott auf einer Stufe stehen, muss es aber nicht zwangsläufig. Zugegeben, die Budgets sind meist ein Witz, die Ausstattung spärlich, Drehbücher oft hingeschlonzte Ausreden einer Handlung und die darstellerischen Leistungen werden meist ebenfalls auf kleiner Flamme gegart. Ich bin mir durchaus bewusst, dass man Filme aus dieser Kategorie meist nur Genreliebhabern weiterempfehlen kann. Dabei werden alle möglichen Subgenres bespielt. Exploitation, Creature Feature, SciFi, Sword&Sorcery, Spaghettiwestern, Hillbillyhorror oder Eastern, um einige Beispiele zu nennen, die sich in ihrer Varianz untereinander nochmals wild miteinander vermischen können.
In Die 7 goldenen Vampire, verquickte Hammer Film Productions 1974 ihre Dracula-Reihe mit dem Kung-Fu-Film vom Schlage (Pun inteded) eines Shaw-Brothers-Streifens. Peter Cushing jagt in der Hauptrolle als Dr. van Helsing in Fernost Herrn Dracula nach und darf sich unter anderem mit einer Synchronisation herumschlagen, die eines Rainer Brandt würdig wäre. Ich hab keine Ahnung, ob jemand an entscheidender Stelle Trollen wollte oder schlicht einen Schlaganfall hatte, als diese Idee durchgewunken wurde, aber ich bin sehr dankbar dafür.
Egal was, wenn die Produktion eine gewisse, zugegebenermaßen nicht exakt definierte, Schwelle unterschreitet, ist ein Film für mich in der Kategorie Trash zu verorten. Man könnte auch den Professionalisierungsgrad der Produktion als Messlatte für die Bestimmung der Kategorie Trash ansetzen. Das ist jedoch zum einen noch schwieriger zu bewerten als ein Blick auf das Budget, und zum anderen tut man vielen Kreativschaffenden unrecht, die man Amateur schimpfen würde, obwohl sie diesen Status schon lange hinter sich gelassen haben.
Ein Beispiel wäre der Film Star Wreck: In the Pirkinning von 2005. Finnische Filmbegeisterte haben das Werk in Jahrelanger Kleinarbeit zusammengezimmert und mit sehr viel Liebe zum Detail Star Trek und Babylon 5 auf die Schippe genommen. Sind Schauspiel, Dialoge und Ausstattung bzw. Sets noch stark verbesserungswürdig, zeigt sich spätestens bei Komposition, Schnitt, Kamera und den wirklich beeindruckenden Spezialeffekten, die auf dem heimischen Rechner von Samuli Torssonnen entstanden sind, dass hier Menschen mit viel Ahnung von Ihrem Fach zu Werke gegangen sind. Man könnte leichtfertig behaupten, In the Pirkinning sei als Fanfilm per se eine Amateurproduktion. Dabei handelt es sich bereits um den siebten Star Wreck Film, den die kreativen Köpfe gestemmt hatten. Ich würde sagen, dass einem guten Teil des Teams hier bereits der Wandel zum Profi gelungen war. Darum halte ich andere Faktoren als die Professionalisierung der Produktion für deutlich sinnvoller.
"Moment! Es gibt doch auch Trash mit multimillionen Dollar Budget!"
Ja, es gibt auch Edeltrash wie das fett produzierte Monster-kloppen-sich-mit-Robotern-Doofpos (Epos in Doof, Anmerkung des Schreibknechts) namens Pacific Rim von Guillermo del Toro. Diese Filme erfüllen dann aber auch fast immer den Tatbestand einer Hommage. Ein weiteres positives Beispiel ist der Doom Film von 2005 mit Dwayne -dem Kiesel- Johnson. Doom ist ein SciFi-Unfall mit Videospiellizenz, ohne wirklich etwas mit der Vorlage zu tun zu haben. Ein Umstand rettet den Film jedoch: er kommt Augenzwinkernd daher und hat daher einen Ehrenplatz im Tempel des Multimillionendollarschrotts verdient. Anders schaut das bei den US-Ablegern der Godzilla-Reihe aus. Die sind
oft viel ernster gemeint, als es ihnen gut tut. Meistens führt das dazu,
dass deren Genuss bös Aua in der Fontanelle verursacht. Jedenfalls sind
diese Godzilla Filme für mich Schrott, kein Trash. Aber ich komme vom Thema ab. Um diese Filme gehts mir heute nämlich nicht.
Der Vorteil des Genres liegt traditionell exakt in den beschränkten Budgets. Die sind viel schneller wieder eingespielt als beim Mainstream-Kino. Zudem zwingen sie die Filmschaffenden zu kreativen Lösungen. Sie können sich hier oft viel ungezwungener ausprobieren. Seien es die gewählten Themen, der Humor oder der Gewaltgrad. Mancher schafft es dann sogar in die Traumfabrik oder zumindest in die Annalen der Filmgeschichte Einzug zu halten. Peter Jackson, Paul Verhoeven, George Miller, Roger Corman, James Cameron, Sam Raimi, Bruce Campbell, Sylvester Stallone, George A. Romero, Pam Grier, Shane Black, John Carpenter, Tom Savini und Lloyd Kaufman sind berühmte Beispiele.
Heraus kommen neben allerlei Schrott, den man sich von der Netzhaut kratzen will, aber auch immer wieder echte Perlen. Kurzweilige, billig produzierte Unterhaltung, die jedoch zuweilen gut aussehen und interessante Ideen umsetzen kann. James Cameron, der durch die Trashschule Roger Cormans gegangen ist, konnte mit seinem ersten großen Film Terminator auch sogleich SciFi-Standards setzen. Fans des Films werden mich lynchen wollen, wenn ich das sage, aber im Grunde ist auch der erste Terminator-Film noch in der Trashsparte zu verorten. Es handelt sich bei dem Begriff Trash also durchaus um ein Spektrum.
Auch sozialkritische Inhalte lassen sich immer wieder in Trashfilmen finden, wenn auch oft im Subtext eingegliedert. So findet beispielsweise in Romeros Dawn of the Dead die Zombieinvasion in einem Konsumtempel statt. Im Texas Chainsaw Massacre verspeisen Kannibalen, die in ländlicher Armut leben, quasi die Überreste der modernen Gesellschaft. Tobe Hooper zeigt eine Familie, die Opfer der Deindustrialisierung geworden ist und sich gegen die zivilisierte Welt wehrt. Inspiration waren wohl echte Fabrikschließungen in Texas in den Siebzigern. In They Live von John Carpenter wird der Klassenkampf im neoliberalen Nordamerika ausgefochten. Über Medienmanipulation und sublime Botschaften sollen die arbeitenden Drohnen der Bevölkerung ruhiggestellt und produktiv gehalten werden.
Auffällig ist, dass viele ältere Trashfilme besser aussehen als modernere Vertreter. Mittelprächtige praktische Effekte machen einfach mehr her als hundsmiserable Computereffekte, für die sich sogar YouTube-Creator schämen würden. Zum Glück wird Adobe After Effects nicht von allen als ein Allheilmittel angesehen, mit dem man auf geschickte Kamerapositionierung, Schnitt und Ausleuchtung pfeifen kann. Es gibt sie also noch, die praktischen Effekte.
Es gibt nur eine Kardinalsünde, die Trashfilme nie begehen sollten: Mich langweilen. Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, gehört das gesamte Portfolio der Asylum Studios wegen dieses Vergehens ins Kinematografiekittchen. Wenn der Film unterhaltsam ist, dann kann ich auch dem letzten Trash meist noch irgendetwas abgewinnen. Allerdings, das muss ich an der Stelle ebenfalls nochmal betonen, laufen diese Filme fast gänzlich außer Konkurrenz zu Hollywood. Hier gelten andere Bewertungskriterien und ich bin bereit mehr Hühneraugen zuzudrücken als ein menschlicher Fuß haben kann. Beim Mainstream-Kino bin ich deutlich strenger - und nein, das finde ich nicht unfair. Wer zwanzig Millionen Scheine für seine nicht vorhandene Schauspielleistung einsteckt, darf auch die Kloppe dafür einstecken. - Hust! Red Notice sucks!
Es mag ein verzerrter Blick auf die Szene sein, aber ich hab den Eindruck gewonnen, dass Multitalente in dieser Filmsparte gar nicht mal so selten sind. John Carpenter ist ein berühmtes Beispiel dafür. Er ist oft Drehbuchautor, Produzent, Regisseur und Komponist in Personalunion. Möglicherweise lockt das Trashkino diesen Menschenschlag an. Vielleicht ist es ihnen wichtiger mehr kreative Kontrolle über ihr Werk zu haben. Wahrscheinlicher aber ist der Faktor Budget. Der zwingt die Kreativen vermutlich viel häuftiger dazu auch mehrere Rollen auszufüllen, um Geld zu sparen.
In diese Kategorie gehört auch der kanadische Drehbuchautor, Regisseur, Editor, Kameramann, Maskenbildner, Produzent und Entwickler visueller Effekte namens Steven Kostanski. Drei seiner Filme werde ich in der kommenden Woche vorstellen.
So long!
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