Das Verhalten von Kindern kann uns Erwachsenen immer wieder aufs neue Rätsel aufgeben. Ihre Gehirne scheinen Apparaturen zu sein, die in erratischen Abständen das Verhalten randomisiert anpassen. Man weiß nie genau was als nächstes passiert. Meist ist es eher amüsant, manchmal muss man in Hektik ausbrechen, um Eigenverletzungen zu verhindern. Da kleine Kinder die meiste Zeit über ohnehin nicht ernst genommen werden, machen wir Erwachsenen uns selten weitere Gedanken über ihr aktuelles Verhalten. Ich kann jedoch verstehen, warum diese schwer einschätzbaren Wesen den einen oder anderen Zeitgenossen auch ein wenig gruseln können.
Nicht umsonst sind Kinder immer wieder Bestandteil oder Ursache des Horrors in Geschichten. Alma lehrte uns in Monolith Productions (R.I.P. an dieser Stelle) F.E.A.R. das Fürchten. Damien Thorne und Regan McNeil sind die handlungstreibenden Figuren der Klassiker Das Omen und Der Exorzist. Das Kind Carol Anne ermöglichte in Poltergeist dem Monster versehentlich den Übertritt in unsere Welt. Manchmal wiederum ist es das Spielzeug der Kleinen, das uns Erwachsenen den Aufstieg ins Nirvana aufzwingt, so wie in Chucky - Die Mörderpuppe oder in jüngerer Vergangenheit im erfolgreichen M3GAN.
Im letzten Jahr brachte Brian Fuller einen Fantasy-Horror-Thriller in die Kinos, der völlig zu Unrecht untergegangen ist. Fuller ist vor allem als Showrunner, Produzent und Autor von Serien bekannt. Zu seinem Portfolio gehören Erfolge wie Dead like Me, Heroes, Hannibal und American Gods. Er war auch an der Katastrophe namens Star Trek: Discovery beteiligt. Da man sich jedoch bereits in der Produktionsphase der ersten Staffel weit von seinem Pitch entfernte, war er danach bereits wieder raus aus der Nummer.
Mit seinem Kinofilmregiedebut Dust Bunny hat Fuller meines Erachtens nach eine echt Perle abgeliefert. Weil das acht Jahre alte Mädchen Aurora (Sophie Sloan) ihren Nachbarn (Mads Mikkelsen), einen Auftragsmörder, engagiert das Monster unter ihrem Bett zu töten, weil es ihre Eltern gefressen hat, wird der Film immer wieder mit Léon - Der Profi von Luc Besson verglichen. I get it: Mädchen macht mit Killer Jagd auf den Mörder ihrer Eltern. Auf einen Satz reduziert funktioniert die Behauptung noch, fällt jedoch rasant in sich zusammen, wenn man nur einen weiteren Blick auf Plot oder Setting wirft.
Zum einen haben wir es mit einem Film zu tun, der bis auf ganz wenige Ausnahmen vollkommen den Blickwinkel der kleinen Aurora einnimmt. Das führt dazu, dass die gesamte Welt überdreht scheint. Es gibt starke, kontrastreiche Farben. Alles ist mit Ornamenten und Verzierungen versehen. In Kombination mit der Einrichtung und wiederkehrenden Motiven wie die der Schlange fühlte ich mich mehr als einmal an Jugendstil erinnert. Apropos Architektur! Die erscheint surreal verdreht und wie aus einem Baukasten erstellt worden zu sein. Lange Gänge, Treppen und große Räume bestehen oft aus sich stets wiederholenden Elementen.
Obwohl alles in echten Sets gedreht wurde, sorgen die gewählten Brennweiten und Farben bzw. die Ausleuchtung immer wieder dafür, dass die Schauspielenden wie ausgestanzt und vor einen statischen Hintergrund eingefügt wirken. Als zugrundeliegenden Effekt würde ich hier eine chromatische Abberation sehen. Kamerafrau Nicole Hirsch Whitaker setzt ihr Werkzeug als Ruhepol ein, was die Wirkung der durchweg dezent verstörenden Bilder nur noch verstärkt. Man kann sich nur schwer entscheiden, ob man einen Traum oder einen Albtraum betrachtet.
Um eine klaustrophische Wirkung zu erziehlen, wurde ein extremes Breitwandformat mit dicken Balken oben und unten gewählt. Der Boden ist in Dust Bunny nämlich die eigentliche Gefahr. Wenn man bedenkt, dass es sich um die visuell umgesetzten Ängste eines kleinen Mädchens handelt, wundert diese Entscheidung nicht. Kleinen Kindern ist der Boden viel näher als uns. Alles wirkt aus ihrer Perspektive viel größer und potentiell bedrohlicher. Immer wieder zieht das Format die Zuschauer zum Boden, der gerne in Dutch Angles eingefangen wird, wenn das Monster aus Auroras Imagination durch das Parkett hervorbricht.
Ich fühlte mich aufgrund der visuellen Umsetzung ein ums andere mal an 90er Jahre Filme der französischen Regisseure Marc Caro und Jean-Pierre Jeunet erinnert (Delicatessen, Stadt der verlorenen Kinder, Die fabelhafte Welt der Amélie, Micmacs). Spätestens als Dust Bunny mit einem "Un film de Brian Fuller" endete, war ich mir sicher, dass der Eindruck kein Zufall war. Lediglich der Score aus der Feder von Isabella Summers hätte deutlich verträumter sein müssen, um auch hier an die Vorbilder andocken zu können. Ehrlich gesagt, ist die musikalische Untermalung passender mit der Vokabel "unauffällig" zu beschreiben.
Zum anderen ist Aurora im Gegensatz zu Mathilda, Natalie Portmans Figur aus Léon - Der Profi, noch Jahre von der Pubertät entfernt. Das schließt einen erzählerischen Ansatz einer Art Liebesgeschichte von vornherein aus. Hier kann niemand für irgendwen schwärmerische Gefühle entwickeln. Das Setting ist viel weiter weg von einer klaren Verankerung in der echten Welt entfernt. Man kann am Ende nicht genau verorten, wann Dust Bunny spielt. Heute oder in einer fiktiven Version der Neunzehn-Zwanziger? Mathilda lebte in einem freudlosen Haushalt in einer verarmten Gegend von New York. Der Phantasie wird in ihrer Welt kaum Spielraum gegeben. Auroras Phantasie explodiert hingegen förmlich auf der Leinwand.
Sophie Sloan ist übrigens eine dieser Kinderdarstellerinnen, die bereits sehr früh ein beachtliches Talent zeigen. Ihre introvertierte, vor Phantasie überbordende Aurora wirkt zu keinem Zeitpunkt wie eine Rolle, deren Worte sie aufsagen muss. Man darf gespannt sein, wie sie sich in zukünftigen Projekten entwickeln wird.
Außer Aurora haben nur noch zwei Frauen einen Namen im Film. Laverne (Sigourney Weaver), die Geschäftspartnerin ihres Nachbarn, und Brenda (Sheila Atim), die Frau vom Sozialamt. Alle anderen werden nur nach ihrer Funktion benannt, weil das Kind es nicht für nötig hält sich ihre Namen zu merken. Auch die Dialoge sind in Auroras Wahrnehmung auf die Kernaussagen heruntergebrochen. Dadurch, dass dem Kind das Vokabular fehlt, wird das Innenleben nicht endlos zerredet. Vor allem lernen wir, dass sie das Ignorieren ihre Ängste durch die Erwachsenen frustriert. Aus der Grundprämisse gönnt sich Fuller sodann den Spaß, die Zuschauenden bis zum Finale rätseln zu lassen, wie real die Gefahr durch das Monster wirklich ist und als was es sich am Ende herausstellen könnte.
Ein wenig zu langsam entfaltet sich eine Geschichte über die Konsequenzen des eigenen Handelns und der Lernkurve, um mit diesen Weiterleben zu können. Brian Fullers Parabel aus dem Buch der Wünsche, die man nur vorsichtig äußern sollte, mag an der Kinokasse gefloppt sein. Das ist jedoch kein Grund Dust Bunny auch zu Hause zu schmähen.

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