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Stolz und Halsstarrigkeit

 


Entgegen einem weit verbreiteten Glauben sind Beziehungen nicht zwingend für die Ewigkeit. Meist reicht ein Umzug und man verliert sich aus den Augen oder die Interessen entwickeln sich in unterschiedliche Richtungen. Weil wir irrationale Wesen sind, reicht oft ein emotional aufwühlendes Ereignis, das den Endpunkt setzt. Streit, Betrug, vielleicht nur ein Unfall, ausgelöst durch ein dummes Versehen. Meist wissen wir im Nachhinein warum eine Beziehung endete und erkennen - nun mit geklärtem Blick - wo sich schon lange vorher Bruchlinien abzeichneten, die man hätte sehen können, wenn man gewollt hätte. Wie sagt das Sprichwort so schön: Hinterher ist man immer schlauer. Manchmal jedoch stehen wir vor einem unlösbaren Rätsel. Im besten Fall kann man es mit ein wenig Anstrengung, wie eine juckende Stelle, ignorieren bis es abheilt und weiterziehen. 

Pádraic Súilleabháin (Colin Farrell) versteht die Welt nicht mehr als ihm sein bester Freund Colm Doherty (Brendan Gleeson) zu verstehen gibt, dass er nichts mehr mit ihm zu tun haben will. Hat er was falsch gemacht? Nein! Hat er etwas falsches zu ihm gesagt? Das auch nicht! Colm will einfach nur seine Ruhe haben. Pádraic soll nicht mal mit ihm reden. Pádraics größtes Problem ist dabei nicht, dass er einfacher Kerl ist, der womöglich etwas schwer von kapee ist. Daran, dass er mit sich und der Welt zufrieden ist so wie sie ist, und sich für nichts wirklich engagiert, liegt es ebenfalls nicht. Sein bisheriges Leben war ruhig und beschaulich, ohne komplizierte Aufgaben für ihn, an denen er hätte wachsen können. Doch nun scheint er plötzlich gegen unsichtbare Wände zu laufen. Waren die schon immer da oder kamen die aus dem Nichts? 

Es stellt sich heraus, dass sein beschränkter Erfahungshorizont, sein mangelndes Interesse an der Welt um ihn herum und die fehlende Fähigkeit sich in andere hineinzuversetzen sein eigentliches Problem ist. Pádraic tut, was er den lieben langen Tag halt so tut und kann Grenzen nur schwer akzeptieren. Das zeigt sich schon an banalen Regeln des häuslichen Zusammenlebens. Er ist beispielsweise nicht in der Lage die Bedürfnisse seiner Schwester zu respektieren und den Esel Jenny nicht in die Wohnung zu lassen. Pádraic ist keinesfalls bösartig, aber sein Charakter ist stark von unbedarftem Egoismus geprägt. Daher fehlen ihm auch die Skills das Ende der Freundschaft zu Colm zu verstehen, was dazu führt, dass die Situation für ihn ein unlösbares Rätsel darstellt.

Leider ist Pádraic zwar jemand, der nicht lernfähig, dafür aber extrem hartnäckig ist. Am Ende wird er daher nicht nur scheitern, sondern sein kurzfristiges Problem, mit einem Trennungsschmerz umgehen zu lernen, in ein langfristiges verwandeln: Wut und Hass werden ihn schließlich verbittern lassen und in eine selbstverschuldete Einsamkeit treiben.

Recht schnell wird klar, dass Regisseur Martin McDonagh konkrete historische Bezüge herstelllt. Einmal wird ein Kalenderblatt aus dem Jahr 1923 gezeigt, ein anderes mal erkundigt sich jemand, ob in der Zeitung etwas über den Bürgerkrieg steht. Gelegentlich nimmt man vom Festland her Gewehr- und Kanonenschüsse wahr. Da ich selbst erst einmal eine Wissenslücke schließen musste, die für das Verständnis von The Banshees of Inisherin ein echtes Hindernis gewesen wäre, sollten wir einen kurzen Umweg über die Fakten nehmen. 

Von 1919 bis 1921 kämpften Engländer und Iren miteinander im Irischen Unabhängigkeitskrieg. Im daraus resultierenden anglo-irischen Vertrag einigte man sich auf die Gründung eines irischen Freistaats, der jedoch in Rechten und Pflichten stark eingeschränkt war. Zudem sollte nicht das gesamte Gebiet zum Freistaat gehören. Sechs Grafschaften wurden bei der Teilung der Insel abgetreten. Manchem mag diese Amputation mit Verrat gleichgekommen zu sein. Wie zu erwarten sorgte das für Unstimmigkeiten zwischen den Separatisten. Die Differenzen wurden schließlich unüberbrückbar. Hatte man zuvor noch gemeinsam gegen die Engländer gekämpft, wurden nun die Waffen gegen Freunde und Brüder erhoben. Die Befürwortes des Vertrags konnten sich in dem knapp ein Jahr dauernden Bürgerkrieg im Juni 1923 durchsetzen und die Teilung Irlands wurde vollzogen. 1949 wurde der Freistaat schließlich doch noch eine Republik und damit souveräner Staat. Die sechs Grafschaften hingegen firmierten zu Nordirland und gehören bis heute zum Hoheitsgebiet von England bzw. dem United Kingdom. Der englische Brückenkopf auf der Insel blieb lange Zeit ein Unruheherd, der erst 1998 mit dem Karfreitagsabkommen befriedet werden konnte. 

Kennt man erst einmal den historischen Kontext, sind viele Entwicklungen im Film wenig überaschend und die Bilder nicht besonders subtil. Dem Regisseur ging es offensichtlich nicht darum ein Werk voller unerwarteter Wendungen zu schaffen. McDonagh zeichnet ein Stimmungsbild Irlands zur Zeit dieser Krisen und analysiert die sozialen Dynamiken einer Gesellschaft, die sich in Auflösung befindet. Dabei bricht er die Analyse bis auf die kleinste Einheit der Gemeinschaft herunter: die Familie. Die fiktive Insel Inisherin fungiert dabei als Mikrokosmos. Nicht umsonst ist der Name Inisherin eine abgewandelte Version von Inis Èireann, was sich als Insel von Irland übersetzen lässt. Daher lohnt sich ein näherer Blick auf die verschlafene Inselgemeinschaft.

Die Charaktere Colm und Pádraic sind die einzigen, die auf konkrete historische Persönlichkeiten anspielen. Michael Collins und Éamon de Valera waren die Anführer der miteinander im Clinch liegenden Fraktionen. Noch im Unabhängigkeitskrieg im Jahr zuvor waren sie beste Freunde gewesen. Natürlich hat der Streit der Filmfiguren eine universeller Grundlage und bezieht sich nur metaphorisch auf den Streit um den anglo-irischen Vertrag. Colm will in die Zukunft schauen, etwas aufbauen und hinterlassen, das Bestand hat. Eventuell etwas für das man sich im Guten an ihn erinnern wird. Pádraic hingegen ist das konservative Pendant, das sich gegen Veränderungen sträubt. Der halsstarrige Tor ist zu keinem Kompromiss in der Lage. 

Ihre gegensätzlichen Positionen sind bereits in der Schreibweise ihrer Namen verankert. Beides sind irische Namen, aber der eine trägt die anglizierte Version des Namens, der andere die gälische. Daraus folgt jedoch nicht, dass starke ablehnende Gefühle wie Hass oder Verachtung determiniert sind. 

Colm stellt seine Bedürfnisse zwar an erste Stelle, aber er will auf keinen Fall, dass Pádraic leiden muss. Nach seiner ersten harschen Ansage bemüht er sich am Tag darauf erfolglos um einen erklärenden Dialog. Sein ehemaliger Freund ist nicht in der Lage seine Beweggründe zu verstehen und geht ihm weiter auf den Keks. Trotzdem hilft Colm dem Sturkopf immer wieder aus der Patsche und verletzt sich lieber selbst als dass er an Pádraic Hand anlegt. Colms Fehler besteht in der naiven Überzeugung, dass seine kategorische Ablehnung keine dauerhaft schädlichen Auswirkungen haben wird. Erst als doch jemand wegen den Folgen seiner Handlungen sein Leben verliert, erkennt Colm seinen Irrtum. Zu diesem Zeitpunkt ist es jedoch schon zu spät den Kurs zu ändern. Eine Entschuldigung wäre billig und zwecklos. Also nehmen die Ereignisse ihren Lauf. 

Doch wie schaut die Lage bei den anderen Einwohnern aus?

Viele von ihnen wollen gar keine Seite wählen. Sie versuchen so gut es geht mit beiden Konfliktparteien auszukommen, was sich vor allem bei den vielen Besuchen im Pub zeigt. Gleichzeitig werden die gesellschaftlichen Bruchlinien nirgendwo deutlicher aufgezeigt, als an diesem Ort. Hier findet das gemeinsame Miteinander statt, was Konflikte mit einschließt.

Andere Personen auf Inisherin plagt starkes Misstrauen. Post wird in geöffnetem Zustand übergeben, die Mitmenschen werden ausgehorcht. An anderer Stelle herrscht polizeiliche Willkür und Gewalt in der Familie. Einmal freut sich der Inselbulle darüber, dass er zum Exekutieren auf das Festland gerufen wurde. Wen er exekutieren soll? Das weiß er nicht und es ist ihm auch egal. Hauptsache er wird zum Exekutieren gebraucht. Es ist bezeichnend, dass auch dieses Gespräch im Pub stattfindet, wo tendenziell beide Fraktionen anwesend sein werden. Es ist sicherlich auch kein Zufall, dass im Film keine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Bürgerkrieg stattfindet und sich der Konflikt im Film über eine Banalität entzündet. Dargestellt werden dafür unterschiedliche emotionale Stadien der Einwohner. Hier geht es nicht um Fakten, nur um Gefühle.

Über allen Szenen des Films schwebt eine dumpfe Melancholie. Inisherins Gesellschaft befindet sich in einem Zustand der Transition. Einige sind deswegen nervös, verunsichert oder unentschlossen. Viele hadern noch der Zukunft, der die Progressiven entschlossen entgegengehen, während die Konservativen sie zu verhindern suchen. Die Ursachen für diese Aufsplitterung lassen sich leicht nachvollziehen. Einige plagt die Ungewissheit was das Morgen bringt, haben womöglich Angst vor Veränderung Andere wiederum schauen hoffnungsvoll nach vorne, weil sie sich eine bessere Welt vorstellen können. Gleichzeitig empfinden alle aber auch eine diffuse Trauer, weil man weiß, dass man sicheren Grund verlassen wird. Orte und Menschen, die man lieb gewonnen hat, werden wahrscheinlich nicht mehr Teil des Lebens sein, wenn man die Reise antritt. Fast jeder wird betroffen sein. Entweder ist man einer der Zurückgelassenen oder einer derjenigen, der fortgehen wird. Aus diesem Gedanken resultiert eine universell nachvollziehbare Angst vor der Einsamkeit, die auch Protagonist Pádraic antreibt.

Damit bietet die Tragikomödie The Banshees of Inisherin über den konkreten Bezug zum irischen Bürgerkrieg hinaus eine allgemeine Erkenntnis. Grundlegende Veränderungen im Leben sind stets mit Wachstumsschmerzen bzw. Unannehmlichkeiten verbunden. Das kann tiefsitzende Ängste schüren, die eine vermeidbare Spirale der Eskalation auslösen können, wenn man diese nicht adressiert und daran arbeitetet. Das bedeutet nicht, dass wir jeder Angst uneingeschränkt Raum geben sollen. Mancher will scheinbach mit aller Gewalt zurückgelassen werden. Mitmenschen und ihre Bedürfnisse jedoch komplett auszublenden ist eine gute Methode Stressfaktoren zu kumulieren, die die Spirale antreiben werden.   

Wer bis hierhin gelesen hat, wird wohl vermuten, dass The Banshees of Inisherin schwer verdauliche Kost sein muss. Dem ist glücklicherweise nicht so. Die Tragikkomödie bietet mehr Humor als man auf den ersten Blick erwarten könnte. Es fällt leicht mit den Figuren mitzufühlen, weil besonders die drei Hauptdarsteller:innen ihre Charaktere zutiefst menschlich und vertraut spielen. Wir alle kennen Menschen diesen Schlages. Kerry Condon, die Pádraic Schwester Siobhán spielt, hatte ich bislang noch gar nicht erwähnt. Sie lässt sich von Gleeson und Farrell nicht an die Wand spielen. Letzterer liefert hier auch eine seiner besten darstellerischen Leistungen ab.   

McDonaghs Film kommt zu einer passenden Zeit heraus. Nach dem Brexit steigen die Spannungen in Nordirland wieder spürbar an und alte Ressentiments werden geschürt. Vielleicht benötigen wir alle, nicht nur die Einwohnung UKs, von ab und zu eine Erinnerung an schlechtere Zeiten. 


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