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Woll'n se die Leich' schnitt'n oder am Stück?



Totraum 

    Bedeutung: 

  • Medizinisch: Der Teil der Atemwege, der nicht am Gasaustausch teilnimmt.
     
  • Militärisch: Totraum beschreibt ein Geländestück, das durch eigene Waffen weder beschossen noch durch optische Mittel beobachtet werden kann. Es handelt sich somit um einen Sektor ohne Feuerunterstützung.   

*** 

Nicht nur schnürt es Protagonist Isaac Clarke im wörtlichen Sinne regelmäßig die Luft ab, wenn er mal wieder durch das Vakuum des Alls stapfen muss, obendrein ist er weitestgehend auf sich selbst gestellt. Allein erkundet er die einsamen, finsteren Gänge eines Raumschiffs, in dessen Schatten und Lüftungsschächten der Tod lauert. Einsamkeit und schlechte Sicht sind die schaurigen Grundzutaten des Horror-Klassikers Dead Space von Visceral Games. Dabei lässt sich die Handlung auf einen Satz zusammendampfen:

Leicht zu manipulierender Handwerker schult zum Tatortreiniger um. 

Nachdem ich zu den Jubiläen von Hellboy und Fight Club jeweils zu spät dran war, greife ich mit meinem Review aus der Sepia-Kollektion halt einfach mal vorweg. Ha! - Wer sollte mich schon aufhalten?! Im Jahre des Herrn 2028 Anno Domini wird das Spiel nämlich bereits stolze zwanzig Lenze zählen. Ja, so alt seid ihr geworden! 

Als bei Ankündigung des Third-Person-Horrorshooters eine neuartige Zerstückelungsmechanik zur effektiven Monsterbekämpfung als Alleinstellungsmerkmal angepriesen wurde, konnte man an den Wetterstationen messen, dass erneut jemand bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) feucht im Schritt geworden war. Umso verwunderter guckten wir damals aus der Wäsche, als Totraum ungekürzt in die Geschäfte kam. Keine Ahnung wie EA das Kunststück vollbracht hat, aber im Ergebnis bescherte uns das das beste Horrorgame im Herbst 2008.

Spielerisch war Dead Space abseits des Dismemberement Features sicherlich keine Revolution, doch ein künstlerisches Werk ist bekanntermaßen oft mehr als die Summe seiner Einzelteile. Man Schießt, Prügelt und Stampft sich mit diversen Argumentationsverstärkern durch die Korridore eines havarierten Schiffes, meuchelt Monster, die einst die Besatzung stellten, und durfte ab und an in Abschnitten mit Schwerelosigkeit an Wänden und Decken herumlaufen. Hinzu kommen zwei Gimmicks zur Lösung von Rätseln. Mit dem Kinesemodul werden Gegenstände bewegt und geschleudert. Das Stasemodul wiederum verlangsamt das getroffene Objekt. Gegner lassen sich so leichter von ihren Extremitäten befreien und schnell bewegende Objekte versperren nicht länger den Durchgang. Im Grunde war es das. Es gibt noch zwei nervige Sequenzen, in denen man mit einem Bordgeschütz unter anderem auf Asteroiden ballern muss. Der verantwortliche Designer gehört heute noch kopfüber in eine Skorpiongrube gehangen. Als nette Abwechslung gedacht, steuern sich die Einlagen leider schwammiger als die Einwohner von Bikini-Bottom. 

Das grundsätzlich basale Gameplay funktionierte gut bis sehr gut, doch erst in Kombination mit Sound- und Artdesign erlangte Dead Space höhere Weihen. Während die entstellten humaniden Monstren Verwandte des formwandelnden Aliens aus John Carpenters The Thing sein könnten, erinnern die spärlich beleuchteten Gänge und Räume in ihrem spartanischen Industriedesign an die Nostromo aus Alien von Ridley Scott. Auch die Soundkulisse scheint letzterem Franchise entlehnt. Neben unheimlichen Geräuschen, die von Dingen in dunklen Ecken erzeugt werden, gesellen sich die scharfen, lauten Sounds der allgegenwärtigen Mechnik in den Eingeweiden des Schiffs. Wenn die Nekromorphs zum Angriff übergehen, wird die Geräuschkulissen natürlich nicht freundlicher. Zusätzlich begleitet die Spielenden das Stöhnen und Wimmern der USG Ishimura, deren Strukturen über die Toleranzgrenzen hinweg belastet werden. Das Planetenknackerschiff, das zur Ressourcenausbeutung erschaffen wurde, treibt wie ein alter Wal im Todeskampf im Orbit über dem Planeten Aegis VII. 

All diese Elemente erzeugen in Kombination eine beklemmende, geradezu Luft abschnürende Atmosphäre, die die Spielenden für die ca 14 Stunden dauernde Kampagne durchweg bei der Stange hält. Wie bereits erwähnt erreichte man so, dass die Spielenden einem kontinuierlichen Terror ausgesetzt sind. Nirgendwo soll man sich sicher fühlen könnnen. Wie bei allen Horrorspielen nutzt sich der Effekt bis zum Finale wie zu erwarten ein gutes Stück ab. Doch auch heute funktioniert die Formel noch fabelhaft.

Der Himmelskörper, über dem sich die Handlung abspielt, wurde nach dem unzerstörbaren Ziegenfellschild Aigis benannt, den Zeus lange Zeit trug. Der Schild symbolisiert Schutz und göttliche Macht. Passenderweise baute man auf Aegis VII ein mächtiges Artefakt, das roter Marker genannt wird und ein Duplikat eines Funds auf der Erde darstellt. Während die Erdregierung darin eine unerschöpfliche Energiequelle an der Hand zu haben glaubt, sieht die Sekte der Unitology im Marker den Schlüssel zur menschlichen Evolution. Einige hundert Jahre zuvor war bereits auf der Erde ein schwarzer Marker vor der Küste von Mexico gefunden worden. Er soll Teil des Asteroiden gewesen sein, der das Extinktionsereignis der Dinosauerier einleitete. Dessen Existenz förderte demnach die Theorie, nach der die Menschheit ein Ergebnis außerirdischen intelligenten Designs sein musste. Mit entsprechend fanatischem Verve versuchen die Sektenmitglieder die Mächte des Artefakts für sich zu nutzen. Für sie lockt die Verschmelzung der menschlichen Spezies zu einer einzigen göttlichen Entität. Sie streben in der Konvergenz, wie sie das erhoffte Ereignis nennen, also die Auslöschung des Individuums an. Die Sekte nährt mit ihren Opfern das wachsende Schwarmbewusstsein in der Kolonie, das in Fom eines vertiablen, verdient hässlichen Endbosses Gestalt annimmt. Dass der Wunsch der Fanatiker, selbst zu einem Gott zu werden, durch eine bestimmte Person am Gamepad zunichte gemacht wird, versteht sich dabei von selbst. 

Das Abbauschiff hat ebenfalls einen sprechenden Namen. Ishiumra ist japanisch und bedeutet so viel wie Steindorf. Das Shuttle, mit dem die Spielenden im Hangar der Ishimura abstürzen, trägt die Bezeichnung USG Kellion. Der Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet schlicht Zelle, was ein vortrefflicher Name für ein Shuttle im All ist. Zudem wohnt dem Begriff auch eine religiöse Bedeutung inne. Eine Gruppe Mönche kann so genannt werden, ebenso deren spartanische Behausung. Mit Protagonist Isaac Clarke hat man den fast perfekten Mönch vor sich. Er jagt dem Geist seiner verstobenen Liebe hinterher, lebt asketisch und spricht kein Wort, als habe er ein Schweigegelübde abgelegt. Zudem wird das Shuttle am Ende von Kapitel eins von den Nekromorph zerstört, was ein klares Zeichen dafür ist, wessen Religion an Bord der Ishimura in der Lage ist wahre Macht auszuüben.

Da das Artefakt auch mit Isaacs Hinwindungen zu spielen beginnt, hat man sich als Spielende nicht nur mit dem Wahnsinn der Kolonisten, der Schiffsbesatzung, deren mutierte Überreste und dem falschen Spiel der anderen Expeditionsteilnehmer auseinanderzusetzen, sondern muss auch noch mit dem Verlust der eigenen Realitätswahrnehmung kämpfen. So findet der Überlebenskampf des Technikers Clarke sowohl auf der geistigen als auch der weltlichen Ebene statt. 

In Alien thematisierte Ridley Scott die Ausbeutung der Arbeiterklasse durch die Konzerne. Für den eigenen Profit wird die Besatzung mit Freuden geopfert. In Dead Space hingegen warnt Visceral Games offensichtlich vor dem Fanatismus religiöser Demagogen. In Audioaufnahmen, Logbucheinträgen und Kritzeleien an den Wänden wird immer wieder darauf Bezug genommen. Der Fund vieler rituell hingerichteter Menschen und die wenigen sozialen Interaktionen mit Überlebenden der Ishimura unterstreichen diese Botschaft noch einmal. Aus dem Namen der Sekte lässt sich zudem scharfe Kritik an Scientology ableiten. Psychospielchen, Hirnwäsche und ein Streben auf eine Verbesserung bzw. Erhöhung des menschlichen Verstands spielen dort nämlich ebenfalls eine Rolle. 

Abseits der Unitology versuchen auch alle anderen involvierten Personen Isaac Clarke, und damit die Spielenden, für sich zu benutzen. 

Im Englischen ist ein Tool eine Person, die sich leichtfertig für die Zwecke Dritter einspannen lässt oder nicht zu selbständigem Denken fähig ist. Oder wie wir sagen würden: Ein Tool ist ein nützlicher Idiot. Alles was es braucht ist eine Karotte vor der Nase des Idioten. Das kann ein Salär sein, ein Posten oder ein Versprechen. Beispielsweise kann man der Lüge aufgesessen sein, dass man all das Geld, das die böse EU jeden Tag verschlingt, für den Gesundheitssektor einsetzen wird. Beim Brexit Votum bitte einmal bei Ja das Kreuz setzen, Dankeschön! - Und schon hat man den Salat und erst recht miese Laune. - Jedenfalls, setzt man bei Isaac eine äußerst wirksame Karotte ein, um ihn zu motivieren und abzulenken. Seine Sehnsucht auf ein Wiedersehen mit seiner Partnerin Nicole an Bord der Ishimura nimmt ihn voll und ganz ein. Dass sie schon lange tot ist, weiß er da noch nicht, weil ihre Videobotschaft an ihn manipuliert wurde. Da die Spielenden nicht mehr Informationen als der Protagonist haben, könnte man sagen, dass sie zunächst ebenfalls zu nützlichen Idioten werden.

Das Thema Tool, nun gemeint als Werkzeug, setzt sich auch bei einem guten Teil der Bewaffnung des Technikers fort. Unter anderem hat man futuristische Säge- und Schneidewerkzeuge zur Verteidigung dabei. Isaacs Raumanzug wird zwar bis zum Schluss immer weiter aufgemotzt, sieht aber stets aus wie eine schwer gepanzerte Arbeitskleidung. Der Techniker befolgt brav so lange alle Befehle, bis er am Ende die Wahrheit über seine geliebte Nicole erfährt und von Kendra Daniels wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen wird. Die EarthGov Geheimagentin hat die ganze Zeit daran gearbeitet den Marker für die Regierung zu sichern und dafür Isaac nach ihrer Pfeife tanzen lassen. Im Moment des Verrats ergibt sich Isaac jedoch nicht, sondern wehrt sich nun nicht nur gegen die Manipulationen durch geistliche, sondern auch weltliche Autoritäten. 

Eine der gößten Stärke des Mediums Videospiel ist die aktive Einbindung der Spielenden in die Handlung. Selbst wenn man nicht aktiv den Plot beeinflussen kann, nimmt man auf einer anderen Ebene teil als in einem passiven Medium wie Buch oder Film. So streift Isaac, und damit auch die Spielenden, die Rolle des nützlichen Idioten ab und zertrampelt beiden Fraktionen den Rasen. Durch die stärkere Bindung der Spielenden an die Erlebnisse des Protagonisten, ist es enorm befriedigend die entstellten Kopfgeburten einer verblendeten Ideologie in ihrer physischen Form fachgerecht zu zerlegen. 

*** 

Die Versionen für PS3, XBOX360 und PC sind auch heute noch gut spielbar. Obwohl das Remake von Motive Studios aus dem Jahr 2023 optisch ein herrlich widerlich geformter Leckerbissen ist, finde ich das Original deutlich besser. Dass man Isaac unbedingt eine Stimme verpassen musste, ist ein herber stilistischer Schnitzer, aber auch ein Zugeständnis an die Sequels. Es schmälert das Erlebnis etwas, zerstört es allerdings auch nicht. Etwas anderes stört mich jedoch viel mehr. Die längere Spielzeit.

Zwar ist es löblich, dass man mit den neuen und erweiterten Levelabschnitten den Käufern mehr für ihr Geld bieten wollte, schoss aber deutlich über das Ziel hinaus. Das Original endet nach einer passenden Spielzeit, wenn man bedenkt wie abwechslungsarm die Gameplay-Kernelemente sind. Entsprechend hat sich für mich das Remake enorm gezogen. So stark sogar, dass ich froh war, als endlich der Abspann über die Leinwand flimmerte. Das Original habe ich in den letzten Wochen noch einmal durchgespielt und hatte nun, drei Jahre später, nicht die zuvor erlebten Abnutzungserscheinungen. Wenn also jemand zum ersten Mal oder erneut in die Welt der Nekromorphs eintauchen will, sollte zum Original greifen.

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