Paul (Jean Dujardin) beobachtet beim Schwimmen im Meer ein seltsames Wetterphänomen am Himmel und schrumpft in den darauffolgenden Wochen auf Däumlingsgröße. Dem Tierbesitzer wird schließlich seine eigene Katze zum Verhängnis. Ihm glückt zwar seine Flucht vor ihren verspielten Pfoten in den Keller. Dummerweise stellt die Treppe nach oben inzwischen ein für ihn unüberwindbares Hindernis dar. Er ist seitdem wie ein Schiffbrüchiger dort unten gefangen. Obendrein ist er nicht allein im Raum und seine Anwesenheit ist bereits bemerkt worden. Je weiter er schrumpft, umso schmackhafter wirkt er auf die heimische Hausspinne, die sich ebenfalls dort niedergelassen hat.
Schon aus der Synopsis lässt sich der Grundplot in groben Zügen ableiten: Wir erleben die Geschichte einer Person, die erst ein Abenteuer überstehen muss, um das Problem in den Griff zu bekommen, das sie im Alltag belastet. Es handelt sich dabei um einen klassischen erzählerischen Kniff. Das Cover des Films unterstützt diese Erwartungshaltung noch zusätzlich. Die Grundprämisse von Der Mann, der immer kleiner wurde bietet sich daher direkt zur Spekulation über die Themen des Films an. Die Schrumpfung könnte auf ein Egoproblem hinweisen, Machtverlust, Midlife-Cisis, Angst vor der Zukunft oder auf eine handfeste Identitätskrise. Da es sich um ein Remake von Jack Arnolds Sci-Fi Film Die Geschichte des unglaublichen Mr. C (The incredible Shrinking Man) von 1957 handelt, lohnt sich ein Blick zum Original. Dort ging es unter anderem um Impotenz und Machtverlust des Patriarchats. Dem Protagonisten stand ein Matriarchat in Form von Ehefrau, Katze und Spinne gegenüber. Diese drei Figuren existieren zwar auch in der französischen Fassung, werden jedoch völlig anders eingesetzt.
Wie stellt sich also die Ausgangssituation im Remake dar? Paul ist in sich gekehrt. Ihn umgibt eine Melancholie, die ihn stark vom Alltag trennt. Er ist mit seinen Gedanken oft nicht bei der Sache und scheint sich auf einer Sinnsuche zu befinden. Seine Schiffsbaufirma könnte besser laufen, aber er befindet sich noch nicht in einer finanziell akut bedrohlichen Situation. Die Ehe mit Elise (Marie-Josée Croze) scheint grundsätzlich glücklich zu sein und auch mit Töchterchen Mia (Daphné Richard) hat er ein gutes Verhältnis. Alle Reibungspunkte, die wir Zuschauenden miterleben, sind zunächst das alltägliche Miteinander. Hier geschieht nichts besonders Auffälliges. Als Paul dann zu schrumpfen beginnt und die Medizin keine Antwort weiß, belastet dies Elise deutlich mehr als ihn. Im Gegenteil. Er scheint den Vorgang zeitweise sogar zu begrüßen und betont, dass er nicht krank sei. Elise hingegen ist verzweifelt, weil ihr bewusst ist, dass sie ihn verlieren wird und nichts dagegen tun kann. Erst als Paul nicht mehr arbeiten kann, wird die finanzielle Situation zu einem echten Problem.
Vollkommen egal, welchen thematischen Ansatz man verfolgen möchte, scheint der grundsätzliche Konflikt in diesem Film erst durch die Schrumpfung zu entstehen und ist nicht die intrinsische Ursache für das Ereignis. Eine vorab bestehende Midlife-Crisis kann man ebenfalls ausschließen, da hier nicht die typischen Symptome gezeigt werden. Weder versucht sich Paul jünger zu geben, als er ist, noch unternimmt er Ausbruchsversuche aus der familiären Situation oder lootet andere Möglichkeiten eines radikalen Lebenswandels aus. Es hat bereits zur Hälfte des Films den Anschein, dass Paul zwar auf eine Reise geht, aber keinen relevanten Transformationspunkt zu überwinden hat.
Dann landet Paul im Keller. Ab diesem Zeitpunkt sehen wir einen Abenteuerfilm, der zugegebenermaßen wirklich gut inszeniert wurde. In den brenzligen Situationen gegen die Spinne entwickelt Regisseur Jan Kounen sogar kompetente Horrormomente. Schnell wird für den Protagonisten klar, dass er aus dem Keller fliehen muss, bevor er zur Hauptspeise wird. Endlich draußen angekommen, schrumpft er weiter in den Mikrokosmos hinein und verschwindet endgültig aus dem Leben seiner Familie. Zu diesem Zeitpunkt macht Paul einen sehr glücklichen, gut gelaunten Abgang.
In der Summe bleibt festzuhalten, dass die erste Hälfte des Films fürchterlich öde, fad und spannungsarm umgesetzt wurde. Die zweite Hälfte schaltet zwar immerhin ein paar Gänge hoch, kommt aber über einen Plot jenseits von "Dinge passieren" nicht hinaus. Also selbst wenn man nur ein paar schicke Bilder sehen möchte, ist das schlicht zu wenig.
Ich finde es übrigens nicht schlimm, wenn man mir ein klares Happy-End verweigert. Dadurch, dass obendrein kein klares Thema verfolgt wird, das durch das Ende zumindest in einer Erkenntnis aufgelöst werden könnte, verliert sich der Film in absoluter Beliebigkeit. Handwerklich kompetent umgesetzt hin oder her: Dass Paul im Finale aus Gründen zufrieden ist, reicht mir jedenfalls nicht aus. Was soll mir das Ende denn sagen? Dass er besser ohne seine Famile dran ist oder umgekehrt? Und falls ja: Warum?
Am nervigsten sind jedoch die Monologe. Immer wieder regnet es Platitüden aus dem Off in die Boxen. Deren Inhalt wurde noch homöopathischer dosiert als die Größe des Protagonisten. Die freudlos vorgetragenen Banalitäten bewegen sich auf einem derart peinlichen Level, das noch nicht mal von Insta-Kachel-Weisheiten unterboten wird. Spätestens, wenn im Finale minutenlang Bilder des Universums gezeigt werden, war mir klar, dass Pauls Identitätskrise eigentlich die des Regisseurs war. Scheinbar hat sich Kounen mit Terrence Malick verwechselt und suchte nach einem Weg dessen meist unerträglich, schwülstig-schwermütige Filmographie noch zu unterbieten.
Falls das sein Ziel war, hat Kounen es mit Bravour erreicht. Da hilft auch das tolle Schauspiel eines Hans-aus-dem-Garten nicht mehr weiter, um das letzte bisschen Freude am Film zu retten.

Kommentare
Kommentar veröffentlichen