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Der Klassiker unter den Kriegsverbrechern



Die Zeit ist unser größter Gegner. Unkontrollierbar und unbesiegbar zieht sie uns linear vom Gestern durch das Heute nach Morgen und bewegt uns nach unserer Geburt unaufhaltsam unserem Tod entgegen. Niemand kann die Zeit besiegen. Am besten man unterlässt diesen törichten Versuch am gleich ganz. Es sei denn man ist ein Geschichtenerzähler. Nur diese Zunft besitzt die Macht die Zeit zu kontrollieren. Manchmal wird sie gestaucht, dann wieder gedehnt, manchmal so stark, dass sie stillzustehen scheint. So versucht sie zu verhindern, dass die Figuren ihr Ziel erreichen. Dann wieder bewegt sie sich wieselflink durch die Jahre, nimmt uns durch schnell aneinander gereihte Bilder durch die Handlung mit zum nächsten POI des Plots. Hin und wieder bewegt sie sich in schraubenden Bewegungen vor und zurück oder auf und ab oder springt wie ein Raumschiff in Nullzeit an einen anderen Ort. Ein geschickter Erzähler weiß diese Macht zu nutzen, um die Geschichte spannend, unterhaltsam oder lehrreich zu gestalten. 

Die Odyssee ist ein Epos über die Geschichtenerzähler und über das Geschichtenerzählen an sich. Obendrein ist die um 750 vor Christus veröffentlichte Sammlung an Gesängen, die einem vermutlich fiktiven Autoren namens Homer zugeschrieben wird, aber wohl aus den Händen vieler Autoren stammt, auch ein Epos über die Zeit. - Gemerkt?! Ich hab gerade einen Versuch der Dehnung unternommen und... schon gut, schon gut! Zurück zum Thema. - Das unaufhaltsame, grausame Verrinnen von Zeit und der Verlust der besten Jahre zieht sich als eines der Motive durch beide Homer Epen, die als die ältesten Geschichten gelten, die uns schriftlich überliefert wurden.

Kein Wunder also, dass sich ausgerechnet Regisseur und Drehbuchautor Christopher Nolan des Stoffes angenommen hat. Zum einen ist er ebenfalls ein Geschichtenerzähler und zum anderen verrät ein rascher Blick auf sein Portfolio, dass er von der Zeit fasziniert ist, vielleicht sogar besessen.

In Memento kann die Hauptfigur nach einem traumatischen Erlebnis keine neue Erinnerungen mehr speichern. Abgeschnitten vom Zeitempfinden verharrt er in der Vergangenheit, ist verloren in der Gegenwart, ohne Hoffnung eine Zukunft erleben zu können. In Inception steigen luzide Träumer in den Verstand eines Menschen ein. Jede tiefer liegende Traumstufe verläuft langsamer als die darüber liegende. Interstellar lässt die Protagonisten in den Einflussbereich eines Schwarzen Lochs geraten und somit in eine Zeitdilatation. Außerhalb dieses Phänomens läuft die Zeit viel schneller ab, wodurch Außendstehende Jahre erleben, während es für die Raumschiffcrew nur einige Tage sind. In Dunkirk bewegen sich drei Figurengruppen auf drei Zeitebenen auf ein gemeinsames Finale hin, in dem die festgesetzten britischen Soldaten von der Küste gerettet werden. Zeitgleich sich vorwärts und rückwärts durch die Zeit bewegende Charaktere bot wiederum Tenet auf, während Oppenheimers Lebensabschnitte vergleichzeitigt wurden, um die Kettenreaktion einer gezündeten Atombombe in Ursache und Wirkung erzählerisch nachzuzeichnen.

Man könnte fast denken, dass sich Nolan seit Memento über seine Experimente mit der Zeit als erzählerisches Stilmittel an Homers Stoff herangetastet hat. Dabei bleibt er erstaunlich nah am erzählerischen Rhythmus der Vorlage. Die Irrfahrten des Odysseus werden in den Gesängen weitgehend nichtlinear erzählt. In Rückblenden erfahren die Zuhörenden bzw Lesenden wie es den König an die unterschiedlichsten Gestade getrieben hat und warum er es nach so langer Zeit immer noch nicht geschafft hat nach Hause zu kommen. Etwa ab der Hälfte des Werkes landet Odysseus endlich in seiner Heimat Ithaka und plant seinen rechtmäßigen Platz in einem Rachefeldzug wieder einzunehmen. Natürlich immer wieder von Geschichten aus fernen Tagen oder über die Götter unterbrochen.

Widersetzt euch den Göttern!

Die Handlung des Films setzt ebenfalls in der erzählerischen Gegenwart an. Der Beginn des Feldzugs gegen Troja ist da beinahe zwanzig Jahre her. Nach zehn Jahren war die Stadt gefallen und die meisten Griechen schon lange wieder daheim. Alle außer Odysseus und seine Mannen. "Tot wird er sein!", denken viele. Sein Reich braucht daher dringend einen neuen König. Seit Jahren schon belagern Freier das Heim des verschollenen Kriegers und halten um die Hand von Penelope an. Doch die Witwe in spe weigert sich beharrlich ihnen nachzugeben. Los wird sie die ungehobelten Gesellen jedoch auch nicht. Die Gesetze der Götter verbieten es ihr. Daher will ihr Sohn Telemachos dem Treiben nicht länger zusehen und macht sich nach Sparta auf, um Erkundigungen nach dem Verbleib seines Vaters einzuholen. 

Odysseus selbst ist nach dem Verlust seiner Männer und Schiffe bei Kalypso gestrandet und lebt bereits seit sieben Jahren mit ihr. Nur mühsam kann und will er sich an die Geschehnisse seit dieser letzten, alles verändernden Schlacht erinnern. Nolans größte Leistungen bei der Adaption sind das sinnvolle Zusammenkürzen des Stoffes mit gleichzeitigem Herausarbeiten des Kriegstraumas. Viel deutlicher als in der Vorlage sind hier die vernarbten Seelen der Soldaten sichtbar, offenliegend wie klaffende Wunden. Am tiefsten jedoch ist Odysseus verletzt. Sein Schmerz hält ihn in dieser einen Nacht in Troja gefangen. Während andere sich auf den Willen der Götter berufen und sich durch ihren Sieg im Recht sehen, weiß Odysseus, dass man es sich nicht so einfach machen kann. Selbst falls es die Götter geben sollte, treffen Menschen ihre Entscheidungen immer noch selbst. Obwohl Reste der phantastischen Mythologie im Film übrig geblieben sind, treten die Götter im Vergleich zur Vorlage nämlich nicht wirklich in Erscheinung. Auch wenn Athene zu sehen ist, müssen die Zuschauenden lange rätseln, ob sie nicht bloß ein Hirngespinst des alternden Königs ist.

Odysseus ist sich also bewusst, dass er Verantwortung für das trägt, was er und vor allem seine Soldaten getan haben. Eigentlich wollte er damals nur endlich nach Hause. Doch Heerführer Agamemnon wäre nie ohne sein Ziel zu erreichen abgereist. Also ersann Odysseus die List mit der hohlen Pferdestatue. Was er nicht ahnen konnte war das ungezügelte Blutbad, in das sich zehn angestaute Jahre Wut entladen würden. Der hellenische Blutrausch zerriss alle zivilisierten Bande zwischen den Menschen warf sie auf ihre tierische Natur zurück. Er erkannte wie der Krieg die Männer um ihn herum verändert hatte, wie er ihre schlimmsten Eigenschaften nährte und verstärkte.  

Zweifel über ihn selbst, keimt in ihm auf. Dürfen seine Ithaker, darf er überhaupt noch glücklich sein, wenn sie in Troja für die Machtspiele eines einzigen Mannes eine ganze Zivilisation vernichtet haben? Kann oder darf er in diesem Zustand heimkehren? Unbewusst lenkt er die Geschicke seiner Männer auf Abwegen durch die Ägäis anstatt nach Hause zu fahren. Eine Vermeidungsstrategie, um der Konfrontation mit dem Trauma auszuweichen. Vergebung und Abbitte sucht er, doch all jene, die sie ihm gewähren könnten, sind längst tot. Vor allem anderen jedoch kann er sich selbst nicht vergeben. 

So nimmt er seine Crew mit auf eine Irrfahrt in den vermutlich verdienten Tod. Das hält ihn jedoch nicht davon ab um das Leben und die Seele jedes Einzelnen an Bord zu kämpfen. Es ist ein zäher Kampf, den zu verlieren er verdammt ist. Auf ihn selbst wartet jedoch die größte Strafe. Während ihn die Schuld an die Vergangenheit kettet, verhindern Apathie und Scham, dass er im Jetzt heilen kann. Stattdessen gibt er sich bei Kalypso für lange Jahre dem Vergessen hin. Damit bürdet er sich das ultimative Opfer auf, die Zukunft. Er nimmt sich, seiner Frau und seinem aufwachsenden Sohn die gemeinsamen Jahre. Vielleicht sehr glückliche Jahre sind unwiederbringlich dahin. Erst als er bereit ist seine Schuld bewusst anzunehmen und daraus zu lernen, kann er nach Ithaka zurückkehren. 

Dort muss er sich im letzten Akt den Freiern seiner Frau stellen, die sein Heim wie ein Infekt befallen haben. Diese Männer stehen in ihrem degenerierten Verhalten symbolisch für den Verfall der Zivilisation beim Sturm auf Troja. Erst wenn sie beseitigt sind, hat der König eine Chance wieder mit sich ins Reine zu kommen. Dabei fällt auf, dass das Ende im Film bei Weitem nicht so blutrünstig wie in der Vorlage ausgeführt wird. Das ungehemmte Schlachten ging dort so weit, dass man unterstellen könnte, dass Odysseus den Zivilisationsbruch dadurch erst recht in seine Seele eingemeißelt hat. Es handelt sich daher um eine weitere sinnvolle Änderung im Drehbuch. 

Odysseus selbst bezeichnet Troja als eine Art Zeitenwende, in der die Bronze endet und ein neues dunkles Zeitalter anbricht. Somit spielt die Handlung in der Phase des Übergangs zur Eisenzeit, also um das zwölfte Jahrhundert vor Christus herum, als das Hethiterreich unterging. Das wiederum wird in den Theorien um die Authentizität der Stadt Troja immer wieder mit Homers Versepen assoziiert. Unabhängig davon, ob es die Stadt wirklich gegeben hat, oder der Krieg, der in der Ilias geschildert wird, nur Fiktion ist, kann man sich leicht vorstellen, dass es in der Bronzezeit zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit möglich war, einen Krieg zu entfesseln, der so vielen Menschen so viel Leid gleichzeitig bringen konnte. Zumindest ist er der erste, der uns überliefert ist - egal ob fiktiv oder nicht. Aus der Odyssee lassen sich Rückschlüsse über die Auswirkungen der Natur des Krieges auf die Seelen derjenigen ziehen, die ihn ausfechten.

Krieg ist immer gleich

Nolan hat sich somit dem ersten bekannten Kriegsverbrechen der menschlichen Zivilisation angenommen und aus der Überlieferung für den Film das abgeleitet, was wir bis heute vom Militär und dem Soldatentum wissen. Diejenigen, die von der Front heimkommen, kehren von den Erlebnissen verändert in ihre Häuser zurück. Verroht, abgestumpft, verschlossen oder aggressiv etwa. Teilweise entsprechen sie kein Stück mehr der Person, die einst zu törichten Abenteuern oder in verblendetem Pflichtgefühl aufbrach. Ncht wenige bringen den Krieg nach Hause mit und führen ihn dort manchmal gegen die eigene Familie fort. Andere sind lediglich körperlich zurück, aber ihre Seelen verweilen noch in der Vergangenheit an der Front, weil etwas sie nicht mehr ziehen lässt. Zu viel Blut, zu viel Leid und Quälerei haben sie gesehen, als dass sie es verarbeiten könnten. Es sind leere Hüllen, die darauf warten, dass die Vergangenheit verblasst und endlich eine hoffnungsvollere Zukunft geschehen kann.

Wie Odysseus befinden sie sich auf einer Irrfahrt, deren Ausgang jedoch ungewiss ist.


***


Ein paar abschließende Worte zu den handwerklichen Aspekten des Films. Im Vorfeld, als die ersten Trailer erschienen, wurde vielerorts das Colorgrading, die dunklen Szenen und Kostüme kritisiert. Ja, es gibt einige sehr dunkle Abschnitte, doch war im Kino all das, was man sehen können sollte, ohne Probleme zu erkennen. Interessant wird es erst werden, wenn die Odyssee in schrottiger Streamingqualität ausgeliefert werden wird. Ich prophezeihe Unmengen an Artefakten, gerade auch, weil immer wieder Nebel zu sehen ist. 

Viele hätten sich einen bunten Fantasyfilm gewünscht. Nolan jedoch wollte weder einen heroischen Sandalenfilm, noch einen lustigen Abenteuerfilm drehen. Die entsättigten, realistischeren Farben passen daher zu der Art Geschichte, die er erzählen will. Unterstützt wird das erneut von einem treibenden Score aus der Feder von Ludwig Göransson, der sich ungleich einem Hans Zimmer in Gladiator weigert eine Hymne für den Helden abzuliefern. Das wäre auch etwas seltsam in einem Stück, das keine Helden kennt, sondern nur Täter und Opfer. 

Hinzu kommt der spärliche Einsatz von CGI. Hier wurde alles an echten Sets und Orten gedreht, mit so vielen praktischen Effekten und Statisten wie möglich. Dadurch hat der Film einen für heutige Zeiten schon beinahe ungewohnt haptischen Look. Die Erlebnisse des Ithakerkönigs wirken so viel authentischer, nahbarer, brutaler.    

Was die Kostüme angeht, ist es natürlich Geschmacksache, ob einem der Stil zusagt. Ich fand die Zusammenstellung passend, weil auch sie den geerdeteren Ton der Erzählung einfingen. Der Einzige, der auf den ersten Blick hervorsticht, ist Agamemnon, der fast wirkt als stecke er in der Rüstung eines Superbösewichts. Eine Assoziation, die mit Blick auf die Geschehnisse in der Ilias und der Odyssee nicht gerade falsch ist. Im fertigen Film hat er dadurch jedoch eine fast überirdische, grausame Präsenz und hebt sich von allen anderen Soldaten und Heerführern vor Troja merklich ab. 

Die Odyssee ist ein Film mit kraftvollen Bildern und pointierten Dialogen geworden, der tatsächlich den Spagat schafft die Handlung der Vorlage auf ihre Essenz zu reduzieren. Wer sich nie getraut hat die Odyssee zu lesen, findet in Nolans Adaption einen würdigen Ersatz dafür.

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