Direkt zum Hauptbereich

Chaos in Lautsprecherhausen

 
Das tschechische Entwicklerstudio Amanita Design hat wieder zugeschlagen. In Werken wie Samorost, Machinarium, Botanicula, Pilgrims oder Happy Game haben die kreativen Köpfe bereits mehrfach ihre Liebe zu außergewöhnlichen Grafikstilen zur Schau gestellt. Ästhetisch interessant, aber immer ein wenig gegen die Seegewohnheiten gebürstet, stechen ihre Spiele bereits auf Screenshots heraus. Mit ihrem neusten Wurf Phonopolis haben sie sich jedoch selbst übertroffen. 

Alle Elemente der Figuren und Sets wurden aus Pappe und Papier gebastelt, bemalt und gescannt, um eine verschachtelte, surreale, aber auf Effizienz getrimmte und daher freudlose Stadt zu erschaffen. Dabei speist sich der Look aus verschiedenen avantgardistischen Stilrichtungen wie Kubofuturismus, Suprematismus und Konstruktivismus. Dadurch entstand eine auf wundervolle Weise haptisch wirkende Welt, die faszinierend, putzig und schrecklich zugleich ist. 

Die Stadt Phonopolis wurde mit mehr Lautsprechern gepflastert als ein durchschnittlicher deutscher Straßenzug mit Schildern. Doch keine liebliche Musik geht von diesen Lautsprechern aus, sondern die Stimme des Führers. Damit die Stadt funktionieren kann und nicht im Chaos versinkt, befiehlt el Jeffe den Menschen, was sie zu tun und zu denken haben. Protagonist und Alter Ego der Spielenden ist der Müllsammler Felix. Im Takt der Lautsprecher graben die Kollegen und er sichtet anschließend den Schrott. Eines faden Tages findet Felix einen Lärmschutz, den er sich prompt auf den Kopf setzt. Erstaunt muss er feststellen, dass das Geplärre aus den Lautsprechern keinen Einfluss mehr auf ihn hat. Selbstbestimmt erkundet er fortan die Stadt, die er nun mit ganz anderen Augen wahrnimmt. Ihm wird klar, dass allen Menschen eine ganz bestimmte Rolle zugewiesen wurde, die sie nun erfüllen müssen - egal ob sie wollen oder nicht. 



Dass ein neuer Freigeist in der Stadt sein Unwesen treibt, bleibt dem Führer nicht lange verborgen. Ohne zu zögern hetzt er ihm die Polente auf den Hals. Er weiß, dass die Ordnung in Phonopolis eine fragile ist und allein schon Felix Anwesenheit eine Gefahr darstellt. Um die Macht auf alle Zeiten an sich zu binden, will der Führer den Absoluten Ton senden. Dafür hat er eine Opernsängerin in seine Gewalt gebracht. Ein Plan, den man natürlich durchkreuzen muss.
 
Gemäß der Parole "Macht kaputt, was euch kaputt macht!", werden die Spielenden in Felix Gestalt für allerhand Unruhe sorgen. Das geschieht immer wieder über mutwillige Zerstörung. Wände werden weggerissen, Apparaturen umgestoßen, Fahrzeuge demoliert, Lautsprecher missbraucht, um die Bevölkerung umherzuscheuchen usw. usf. In den einzelnen Szenen wird stets ein Puzzle geboten, das gelöst werden will. Nur selten muss man mal einen Gegenstand organisieren. Ein typisches Point-And-Click-Adventure-Inventar gibt es also nicht. Ebenso fallen ausufernde Gespräche mit NPCs aus. Die meisten Bewohner der Stadt wären nach der ganzen Hirnwäsche ohnehin nicht in der Lage sinnvoll mit euch zu kommunizieren.

Der Humor kommt dennoch nicht zu kurz. Vor allem handelt es sich um Situationskomik und sehr viel Spott. Amanita Design nachen keinen Hehl daraus, was sie von absolutistischen Herrschern und ihrer aufgeblasenen, sich vor allem selbst beschäftigenden Bürokratie halten. Ich fühlte mich das eine oder andere Mal an Bong Joon-hos Memories of Murder erinnert, in dem der Regisseur die Polizei mittels der freiwilligen Selbstdekonstruktion der Lächerlichkeit preis gab. Manchmal reicht es schon die Figuren reden zu lassen, damit sie zeigen können, was für ein Kompetenzvakuum sie darstellen. 

Die absurde Bürokratie wiederum erinnnerre mich in ihrer Darstellung frappierend an Filme wie Brazil und Asterix erobert Rom oder an die Vogonen aus dem Buch Per Anhalter durch die Galaxis. Regeln werden strikt befolgt - vollkommen egal wie unsinnig sie sind. Dargestellt wird das unter anderem in einem absurden Behördengang, um einen Ausweis zu erhalten. Jeder Angestellte kann exakt einen Handgriff ausführen und versinkt danach wieder in Lethargie. Fast wie im echten Leben.


In Phonopolis will der Führer krampfhaft alles bis ins letzte Detail kontrollieren. Seinen Untergebenen hat er dadurch jede Form des selber Denkens abgewöhnt. Solange er keine passenden Befehle gibt, passiert gar nichts. Selbst von der Avantgarde, also der Speerspitze der ursprünglichen politischen Bewegung, ist kaum mehr als ein Haufen nichtsnutziger O2-Wandler übrig geblieben. Eventuell handelt es sich hierbei um eine Anspielung auf die Entpolitisierung der ursprünglich sehr politisch motivierten avantgardistischen Kunstbewegung. 

Es wird in der Handlung zwar nicht abschließend geklärt, aber ich hatte den Eindruck, dass der Führer einst als Teil der Avantgarde mit guten Absichten die Führung der Stadt übernommen hatte. Danach passierte halt das, was so oft geschieht, wenn sich Menschen in Machtpositionen für auserwählt halten. Darum wird es in aller Regel auch nicht besser, wenn man einen absolutistischen Herrscher durch einen anderen ersetzt. Vermutlich ist es am Ende das Beste, es wie Felix zu halten und einfach das Weite zu suchen.

Amanita Design hat mit Phonopolis ein kurzweiliges, etwa sechs Stunden langes Puzzle-Adventure abgeliefert, das die Sinne anregt und mit viel Herz animiert wurde.

***

Gespielt auf PC und Steam Deck 

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Deviants, wir haben ein Problem!

Heute muss ich mich mal zum Umfeld eines meiner anderen Hobbies auslassen. Sorry, also kein Review zu Filmen, Serien oder Videospielen. Mit vergnüglicheren Themen geht es dann kommenden Samstag weiter.  Ich zeichne seit ich den Kindergarten besucht habe. Von kleineren Pausen während stressiger Zeiten, wie der der Ausbildung, abgesehen, bin ich dem Hobby immer treu geblieben. Schon seit beinahe zwei Jahrzehnten bin ich rein digital unterwegs. Zunächst mit einem Grafiktablet, das aber mehr Murks denn Vergnügen war, und seit mehreren Gerätegenerationen mit einem Grafikmonitor. Vor einer guten Dekade entschied ich, dass meine Zeichnungen nicht mehr zu crappy aussehen und auch dem öffentlichen Auge standhalten können. Es hat sich immerhin niemand gemeldet, um den Verlust seiner Sehkraft zu beklagen. Also meldete ich mich auf der damals relevantesten Plattform an: DeviantArt. Künstler bieten hier ihre Skizzen, Zeichnungen, Gemälde und Fotografien feil. Ich kann mich nicht mehr er...

Command to sleep!

Lehrer Ryland Grace befindet sich auf einer Selbstmordmission in den Tiefen des Alls. Eine interstellare Lebensform namens Astrophage hat unsere Sonne befallen. Diese geradezu biblische Plage entzieht dem Himmelskörper langfristig die Energie, wodurch die Erde in eine neue Eiszeit gestürzt werden wird. Da die Phagenplage nicht ein alleiniges Problem der Menschheit darstellt, sondern bereits zig andere Sternensysteme infiziert hat, trifft Grace an seinem Zielort auf ein zweites Raumschiff. Nach dem Erstkontakt mit der steinartigen außerirdischen Lebensform Rocky, müssen die beiden zunächst lernen miteinander zu kommunizieren bevor sie sich gemeinsam an die Entwicklung einer Heilung der Sonnengrippe begeben können. Zeitgeist Als Andy Weirs dritter Roman Der Astronaut (Project Hail Mary) im Frühjahr 2021 erschien, hatte ich besonders mit den Hard-Sci-Fi-Parts im All meine Freude. Die Geschichte von einer Sonneninfektion wirkte wie eine Aufarbeitung des Traumas von Jahr Eins der Coronapan...

Der Star Dreck unter den Fingernägeln

So etwa ab Mitte der Zwanzigzehner Jahre begann in den USA ein Shift in der Produktion von Fortsetzungen bekannter Franchises, die vor allem eins gemeinsam haben: Dekonstruktion und mutwilliges Herumtrampeln auf dem Originalmaterial. Quasi als verhöhnende Entschuldigung wurden gleichzeitig die Memberberries-Maschinengewehre durchgeladen und abgefeuert.    "Sehet die Dinge, die ihr von früheren Tagen kennt! Jetzt liebet unsere Darreichungen zu euren kulturellen Favoriten!"  Dazu zähle ich unter anderem Star Wars, Star Trek, Doctor Who, Alien, Ghostbusters, The Witcher oder auch Umbrella Academy . Die beiden Letztgenannten gab es zuvor nur in Form von Büchern und Videospielen bzw einer sehr kurzen Comicbuchreihe. Das Prinzip war hier aber das Gleiche. Zur Beantwortung der Frage nach dem Warum kann ich nur Spekulieren. Obwohl hier und dort immer wieder Ansätze interessanter Ideen hervorlugen, vermute ich eine Mischung aus folgenden Zutaten: Unkenntnis der Vorlage bzw Unvers...