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Fake it till you make it!


Letztes Jahr wurde ein Werk auf den Filmfestivals herumgereicht, das eine beachtliche Menge Aufmerksamkeit generieren konnte: The Ugly Stepsister. Obwohl mich der Trailer neugierig stimmte, flimmerte der Streifen erst jetzt über die heimische Leinwand. Man könnte verargumentieren, dass man es hier lediglich mit einer neuen Version der bekannten Aschenputtel Geschichte zu tun hat, und viel lieber was Originäres sehen möchte. Guter Punkt, aber wir haben es hier nicht mit einer schlichten Märchenverfilmung zu tun, sondern mit einem ganz neuen Blickwinkel. Eine simple Fokusverschiebung kann durchaus die erneute Umsetzung eines Stoffes rechtfertigen. In diesem Fall würde ich sogar sagen, dass Emilie Blichfeldt mit ihrem Erstlingswerk direkt einen Volltreffer gelandet hat. 

Dieses Mal betrachten wir die Vorgänge nämlich unter zwei gänzlich neuen Prämissen. Zum einen erzählt der Film die Geschichte aus den Augen der bösen Stiefschwester und zum anderen wird die Welt, in der die Handlung spielt, deutlich authentischer dargestellt. Schnell wird klar, dass die böse Stiefschwester gar nicht so böse ist, sondern viel mehr ein Opfer der Indoktrination durch ihre Mutter und ihrer Lebensumstände. Um all diejenigen abzuholen, die die grobe Handlung nicht mehr im Kopf haben, hier ein Update:

Die etwas unförmige und mit einer schiefen Nase gesegnete Elvira (Lea Myren) reist mit Mutter Rebekka (Ane Dahl Torp) und Schwester Alma (Flo Fagerli) zu ihrem neuen Zuhause. Mutter Rebekka heiratet auf dem fremden Anwesen Agnes (Thea Sofie Loch Næss) Vater, der noch in der gleichen Nacht verstirbt. Die erste Enttäuschung der sehr kurzen Ehe erreicht alle Beteiligten jedoch erst am folgenden Tag. Beide Parteien haben der jeweils anderen scheinbar sehr erfolgreich vorgegaukelt, Geld mit in die Ehe zu bringen. Jedoch sind beide pleite. Die Frauen stehen somit vor dem Nichts. Nicht mal für die Beerdigung ist genug Geld da. Das Verbliebene steckt Rebekka nämlich lieber in die Umwandlung ihrer Tochter Elvira vom hässlichen Entlein in einen schönen Schwan. Warum? Der Prinz gedenkt sich in vier Monaten auf einem Ball eine Frau auszusuchen. Damit endlich wieder die Münzen klingeln, muss Elvira in seinem Bett landen. Wenn das Töchterchen dafür mental und physisch gebrochen werden muss, ist das Rebekka nur recht. 

Die Figuren in The Ugly Stepsister sind fast alle moralisch flexibel, wenn es um Status und Geld geht. Lediglich die jüngste Tochter Alma ist von dem ganzen Vorgehen angewidert. Als sie noch vor dem Ball ihre erste Monatsblutung hat, tut sie das einzig Vernünftige und lässt die Beweise verschwinden. Der Anblick der Qualen, die Elvira zu erleiden hat, reicht ihr. Sie hat nicht vor sich diesen Scheiß ebenfalls anzutun. 

Man fragt sich zu Recht, warum Elvira nicht einfach das Handtuch wirft und stattdessen ihren Köper zugrunde richtet, nur um einem Kerl zu gefallen. Zum einen ist da die Indoktrination durch ein blaues Büchlein mit Geschichten des verehrungswürdigen Prinzen, das auffällig viele der jungen Frauen zur Hand haben. Zum anderen kommt noch der eingangs erwähnte Einfluss der Mutter hinzu. Wir lernen Elvira zu einem Zeitpunkt kennen, da sie nur eins im Sinn hat: mit einem Prinzen zusammen zu sein, um in einer Märchenwelt leben zu können. Mit jedem Schmerz, mit jeder Demütigung, die sie zu erleiden hat, verhärtet sie innerlich. Das bringt sie dazu, sich selbst nur noch mehr auf den Pfad zu fokussieren, der sie an ihr Ziel führen soll. 

Spätestens seit Corona kennt sicher fast jeder mindestens eine Person, die sich Verschwörungsmythen zugewandt und unglaublichen Blödsinn abgesondert hat. Oft wurden dann Freunde und Verwandte verprellt und man hat Brücken hinter sich eingerissen. Je tiefer man im Rabbit Hole verloren gegangen war, umso schlimmer wurde die Situation. Und mit jedem Streit, jedem verlorenen Kontakt, zahlte man einen Preis für die eigenen Überzeugungen. Je höher der bezahlte Preis war, umso schwerer fiel es den Betroffenen dann, zuzugeben, dass man sich verrannt hatte. Elvira ist auch eine solche Person. Sie zahlt einen immens hohen Preis, der zudem noch mit der Erwartungshaltung der Mutter gekoppelt ist. Das darf nicht umsonst gewesen sein! Darum erlangt sie erst dann ihre Freiheit, wenn sie all die Attribute wieder verliert, die sie angeblich zu einem schönen Menschen machen.

Die schlimmste Person im Film ist definitiv die Mutter. Doch auch ihr kann ich die ökonomischen Zwänge ihrer Welt nicht vorwerfen. Sie hat sich diese Situation nicht ausgesucht. Es gibt kaum eine normale Arbeit für Frauen. Rebekka muss vom Reichtum anderer zehren, will sie nicht ihren Status verlieren. Daher ist sie bereit sich auf jede erdenkliche Weise zu Prostituieren. Zunächst ist es eine schlichte, züchtige Heirat. Als sie sich am Abgrund wähnt, ist es ihr sogar egal, dass die jüngste Tochter mitansehen kann, wie sie einem fremden Kerl einen bläst. Aus Rebekkas Sicht gibt es kaum Handlungsspielraum. Die Welt ist grausam zu Frauen und arm an Optionen. Daher sieht sie sich vermutlich auch in der Pflicht ihre Töchter auf diese Welt so gut es geht vorzubereiten. Für Empathie ist in ihrer Realität kein Platz.  

Selbst Agnes, also Aschenputtel, teilt diese Sicht auf die Welt. Sie ist hübsch, jung und sehr viel netter als Rebekka, aber ihr Ziel und ihre Motivation sind kongruent. Daher wirft sie ihre eigentliche Liebe, der angestellte Stallbursche, bereitwillig unter den Bus, anstatt mit ihm fortzugehen. In The Ugly Stepsister geht es nicht um Romantik und ein Happy End für die sich wahrlich Liebenden. Hier geht es ums knallharte Geschäft. Die Frauen sind die Ware und ihr Aussehen der einzige Kaufgrund. Jeder will seine Schäfchen ins Trockene bringen, Ellenbogeneinsatz inklusive. 

Im Herausarbeiten der ökonomischen Aspekte der Handlung des Märchens, steckt der eigentliche Meisterstreich von Emilie Blichfeld. Es handelt sich dabei nicht um eine einfache Rekonstruktion einer bekannten Geschichte, sondern ums Offenlegen von missbräuchlichen Strukturen und Zwängen, die auch heute noch exisistieren und uns in verschiedenster Form und Ausprägung immer wieder begegnen. Sei es ein schrecklich oberflächliches Sendeformat, in dem man eine Modelkarriere zu starten gedenkt, Besetzungscouches in Hollywood oder in Netzwerken der Upper Class, die aktuell in den Epstein Files offengelegt werden. 

Damit ist Emilie Blichfeldt ein Werk gelungen, das wahrlich feministisch genannt werden kann. Ganz im Gegenteil zu Greta Gerwigs Barbie Film, der zwar als feministischer Film gelabelt wurde, sich am Ende aber bloß zu einem weinerlichen Sozialkommentar aufraffen konnte, der nur eine handvoll Karens in gut verdienenden Positionen ansprechen wird, deren maximaler Aufreger des Tages die Krankmeldung des Kindermädchens ist. Mit den echten Problemen von Frauen mit einem realistischen Einkommen will sich Gerwig nicht befassen. Schlecht- und Normalverdiener existieren in Barbies Welt schlicht nicht, weil Gerwig ihre Lebensrealitiät ebenfalls nicht zu kennen scheint. 

Zum Abschluss eine kleine Vorwarnung für die Zartbesaiteten:

Wer The Ugly Stepsister schauen möchte, sollte einen festen Magen mitbringen. Blichfeldt beschönigt nichts und hält mit der Kamera immer drauf. Keine Widerwärtigkeit kann sich ihrem Blick entziehen. Maden, Fliegen, Bandwürmer, gebrochene Nasen, Genitalien, abgehackte Körperteile, Kadaver und viel mehr wird man in diesem Body-Horror-Drama zu sehen bekommen. 

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