Jajaja, mordsmäßiger Joke, ich weiß. Den hat noch niemand gebracht, wenn es um Mark Nelvedins und Brian Taylors Brainrot-Actionfilmduett Crank geht. Zweitausendsechs und Neun kamen die ersten beiden Teile einer nie vollendeten Trilogie ins Kino, um die Zuschauenden auf High-Speed am Nasenring durch die Manege zu schleifen. Hach, es ist tragisch, dass wir nie das Ende dieser unglaublich epischen Handlung erleben werden.
Öhm, worum ging es eigentlich nochmal? Chev Chelios ist ein Profikiller, der sich mit den Falschen angelegt hat. Soweit so passend für das Jason Statham Portfolio aus ehemaligen Söldnern, Agenten und Freizeit-Ein-Mann-Armeen, die ihre Superkräfte mit dem Seepferdchenabzeichen beim DLRG, dem Verlaufen im Wald mit den Pfadfindern, dem Durchführen einer Rochade im Schachclub oder beim Mixen eines London Mule bei den Anonymen Knochenbrechern erworben haben. Irgendwie ist es passend, dass er sich bereits vor zwanzig Jahren selbst parodiert hat, also bevor er ein Klischee seiner selbst werden konnte. Ich fühlte mich beim erneuten Genuss der Filme an Stallones Auftritt im 70er Jahre Satirespektakel Death Race erinnert. Hätte man damals bereits gewusst, wie sich Slys Karriere entwickeln würde, hätte man auch gesagt, dass er sich selbst vortrefflich auf die Schippe nehmen würde. Manches ist einfach seiner Zeit voraus.
Jedenfalls hat Chev ein Problem. Im Schlaf hat man ihm ein Gift verabreicht, das ihn binnen kürzester Zeit umbringen wird. Nur ein konstant hohes Adrenalinlevel streckt seine Lebensspanne lange genug, um Rache an seinen Mördern nehmen zu können. Glück für ihn, Pech für seine Feinde. Der olle Chev ist nämlich ein Mensch gewordener Rammbock, der zielorientiert und äußerst präzise durch die Szenen brettert. Nur für seine Freundin Eve (Amy Smart) nimmt er sich einige ruhige Minuten, bevor ihm wieder der Saft auszugehen droht.
Die Fortsetzung knüpft nahtlos an das Finale an. Wer dachte, dass bereits der erste Teil maximal durchgedreht und bescheuert war, durfte sich eines Besseren belehren lassen. High Voltage cranked it up to 11!
Chev wacht bei einer OP auf und muss entsetzt mitansehen, wie ihm sein Herz entnommen und dafür ein Kunstgelöt in den Brustkorb gestopft wird. Das kann so nicht angehen! Kaum wieder Herr seiner Sinne geworden flieht er aus der Schattenpraxis und sucht seine Pumpe. War es zuvor der Adrenalinspiegel, musste nun die elektrische Ladung in seinem Körper hoch gehalten werden. Es lebe die Abwechslung! Ich wette, dass es im dritten Teil um eine konstant hohe oder niedrige Körpertemperatur als Gimmick gegangen wäre.
Die beiden Filme wurden mit Budgets zwischen 12 und 20 Mio US-Dollar produziert, was angesichts des sehr hohen Actionanteils ungewöhnlich niedrig bemessen war. Möglich wurde das durch den massiven Einsatz billiger Digitalkameras. Diese wurden in allen möglichen und unmöglichen Winkeln der Sets postiert, was zum einen unglaublich viel Material für den Schnitt lieferte und zum anderen half die Drehzeiten im Rahmen zu halten. Obendrein war man mit der für damalige Zeiten modernen Technik viel mobiler und konnte experimentieren ohne zu viel Angst wegen zerdepperter, teurer Kameras haben zu müssen.
Ich hatte mich bereits im letzten Jahr in meinem Review zu Novocaine ein wenig über das Subgenre der Gimmick-Actioner ausgelassen. Crank ist meines Wissens nach der erste Vertreter dieser Art. Selbst wenn dem nicht so sein sollte, fiktiver Klugscheißer, wirkt er zumindest wie der Prototyp, dessen gestalterische Klasse jedoch nie wieder erreicht wurde. Bislang zumindest.
Auf den ersten Blick fällt es leicht mit dem Finger auf einzelne Szenen voller sexistischer, rassistischer oder queerfeinlicher Tropes zu zeigen und den Regisseuren ebenjene Geisteshaltung vorzuwerfen. Wer jedoch das gesamte Bild in Augenschein nimmt, sieht an allen Ecken und Enden komplett von der Rolle gefallene Knallchargen, die sich immer wieder in männlich überdrehte Posen werfen, in toxischen Affekten ergehen und sich der Lächerlichkeit preisgeben. Wir haben es weder mit Heldenfiguren oder gar ansatzweise positiv gezeichneten Charakteren zu tun, sondern mit hypernervösen Typen, die einer ebenso hypernervösen Post-9/11 Zeit entspringen. In diesen Filmen hat niemand alle Murmeln auf der Rille. Nicht umsonst gaben Neveldine/Taylor ihrem Skript den Namen Crank. Es handelt sich hierbei um einen Slangausdruck für Amphetamin bzw. Spinner. An wie auf Drogen handelnde, spinnerte Figuren mangelt es jedenfalls nicht.
Der erste Teil kam damals so gut an, dass sich im Nachfolger High Voltage zig bekannte Namen für kleinere Rollen die Klinke in die Hand gaben. Schon zum zweiten Mal trat Chester Bennington von Linkin Park auf. Danny Lohner, ehemals Nine Inch Nails Mitglied, spielte zusammen mit Tool Frontmann Maynard James Keenan ein schwules Pärchen im Park. Nebenbei sei angemerkt, dass Mike Patton von Faith No More den Score beisteuerte. Corey Haim, ein Kinder- und Jugendstar der 80er Jahre, trat ebenso auf wie Jenna Haze und Ron Jeremy, zwei damals bekannte Pornodarsteller. Spice Girl Geri Halliwell gab Chev Chelios Mutter in einer Rückblende ihr Gesicht und Kung-Fu Star David Carradine wurde per Make-Up in einen "Chinesen" verwandelt.
Dieser uneheliche Bastard aus Grand Theft Auto, Postal und Jackass ruft mit Absicht Erinnerungen an die Videospielästhetik der siebten Konsolengeneration ab und fühlt sich mehr wie eine rasante Satire an. Daher fällt Carradines Make-Up auch nicht negativ ins Gewicht. Wer hier Whitewashing vermutet, hat den Gag schlicht nicht verstanden. Jeder, der einen Film des feinsinnigen Humors sucht, sollte schleunigst die Beine in die Hand nehmen. Hier wird der Vorschlaghammer noch mit dem Presslufthammer bearbeitet - nur um sicher zu gehen, versteht sich.
Wer wie ich mit einem brutalen Fiebertraum an beknackten Ideen seinen Spaß hat, darf beherzt zugreifen. Langweilig wird es jedenfalls nie.
P.S. Jeder. Ja, wirklich jeder hatte damals diesen nervigen Klingelton auf dem noch nicht so smarten Phone. - Außer die Langweiler und Hipster. :P

Kommentare
Kommentar veröffentlichen