Wenn Schafe eines nicht besonders gut können, dann ist es das Verarbeiten von Stressfaktoren. Anstatt zu Lernen mit der Situation umzugehen oder eine Lösung für ein Problem zu entwickeln, haben sie eine gänzlich andere Copingstrategie. Sollten sie etwas Verstörendes oder Traumatisches erleben, können sie sich bewusst dazu entscheiden die Erfahrung zu vergessen. Da sie in Herden leben, führen sie diese Fähigkeit daher im Kollektiv aus. Bevor jemand die Männer mit den weißen Jäckchen ruft, um mich abholen zu lassen: die Schafe im Film Glennkill sind zur gezielten Partielldemenz in der Lage.
Regisseur Kyle Balda liefert mit dem Schafskrimi seinen ersten Realfilm ab. Anhand der hohen Qualitat der animierten Tiere erkennt man seine Herkunft aus der Animationsschmiede Illumination (Minions, Der Lorax, Super Mario Bros. Movie). Die Erfahrungen, die er dort gemacht hat, werden bei der Adaption der Buchvorlage aus der Feder von Leonie Swann hilfreich gewesen sein. Technisch gibt es hier wenig zu kritteln.
Inhaltlich haben wir es mit einem mäßig spannenden Whodunit-Plot zu tun. Unterhaltsam wird der Film durch das ungewöhnliche Setting, in dem ein großer Teil der Handlung aus Sicht der Schafe erzählt wird, die den Mord an ihrem Hirten (Hugh Jackman) aufklären wollen. Ich hatte im Vorfeld ein wenig befürchtet, es könnte auf der Metaebene eine Analogie zur Kirche aufgebaut werden, was sich auch ganz kurz mal als Thema andeutet, wird dann jedoch nicht weiter verfolgt.
Aus der Prämisse ergibt sich wie zu erwarten eine Menge Chaos und Humor. Die menschlichen Charaktere bleiben weitgehend blass, füllen allerdings einen nicht unerheblichen Teil der Spielzeit aus. Lediglich der unerfahrene Dorfpolizist Tim (Nicholas Braun) darf sich ein klein wenig entwickeln. Im Grunde ist der Umstand nicht weiter schlimm, weil das Pacing stimmt und es bei einem Whodunit ohnehin darum geht herauszufinden, wer der Mörder ist, bevor die Enthüllung im Finale geschieht.
Meist werden zwei Varianten dieser Geschichten serviert. In der Einen ist die Lösung so offensichtlich, dass man nach zehn Minuten bereits zum Ende springen könnte. In der Anderen bekommt man im Finale ein aus dem Arsch gezogenes, abstruses Konstrukt vorgesetzt, das es unmöglich macht vorher selber den Mörder ermitteln zu können. Oft stellt sich dann der Eindruck ein, man habe sich gerade einen Scherz auf Kosten der Zuschauenden geleistet. In beiden Situationen kommt nur wenig Freude am Film auf. Glennkill positionert sich in der Mitte zwischen diesen beiden Varianten. Man bietet am Ende zwar einen nachvollziehbaren Täter, den man aufgrund der sehr verdächtigen Figurenkonstellation im Vorfeld mit Leichtigkeit erraten kann, aber die Herleitung des Polizisten ist derart abstrus, dass man das selbst mit zehn Bier im Kessel nicht durchgehen lassen kann.
*** Wer sich des des "schweren" Rätsels noch selber annehmen will, sollte den folgenden Absatz überspringen. ***
Das entscheidende Indiz für Polizist Tim sind die verfärbten Hände des Hirten. Die Eine war blau, die Andere grün gefärbt. Die blaue Farbe rührt von der Medizin her, die er dem ältesten Bock immer mit bloßer Hand angemischt hatte, und war nicht weiter überraschend. Wichtiger Hinweis an der Stelle: Die Pigmente gingen durch Händewaschen nicht mehr ab, waren also wie Tattoofarbe in der Haut verankert. Wer im Kunstunterricht nicht geschlafen hat, weiß, dass man die Farbe Grün erhält, indem man Blau und Gelb miteinander vermischt. Der Reporter (Nicholas Galitzine) hat seine dunklen Haare für jeden offensichtlich blondiert. Ergo bleibt für Tim nur ein Fazit zu ziehen: Im Todeskampf muss der Hirte dem Täter ins blonde Haar gefasst haben. Dadurch hat sich die zuvor blaue Hand grün gefärbt. Logo, oder? Selbst wenn man akzeptiert, dass die eingetrockneten blauen Pigmente in den Hautschichten sich mit einer gelben Farbe mischen könnten, um den Effekt zu erreichen, muss man alles vergessen, was es über's Haare färben zu wissen gibt. Dunkle Haare werden gebleicht, wenn man sie aufhellen will. Falls man danach noch einen bestimmten Farbeffekt erreichen will, kann man den zwar nach der Bleichung auftragen, aber die Pigmente ziehen größtenteils in die Haare ein. Ein Ausbluten der überschüssigen Pigmente erreicht man durchs Waschen der Haare. Die hellen Pigmente sind aber zum einen kein schlichtes Gelb und zum anderen viel weniger farbintensiv als Rot oder andere dunkle Farben. Selbst wenn man an der Stelle akzeptiert, dass die gebleichten Haare des Journalisten dazu in der Lage wären nicht vorhandene Farbe abzugeben, müsste ein Rest der grünen Farbe auch im Schopf des Mannes zurückbleiben. Schließlich hat sich die Farbe an der Hand ja auch im strömenden Regen gehalten. Und ja, das Motiv vom Wolf im Schafspelz wurde an der Stelle wenig subtil eingesetzt. Haken dran und weiter.
Wer schreibt so einen Hirnfurz nieder ohne sofort Kopfschmerzen zu bekommen? Ich hoffe für Autorin Swann, dass ihr Roman eine gänzlich andere Wendung nimmt. Ich finde es schade, wenn ein im Grunde launiger Film auf den letzten Metern vollkommen ohne Not alles mit dem Arsch wieder einreißt. Gerade in einem schlicht gestrickten Krimi, der obendrein schauspielerisch auf sehr kleiner Flamme gegart wurde. Weder ein Hugh Jackman, noch eine Emma Thompson reißen sich bei diesem Drehbuch ein Bein aus. Der Humor durch und um die Schafe reißt hier einiges wieder heraus.
Wirklich interessant am Plot fand ich tatsächlich nur die eingangs beschriebene Fähigkeit der Schafe auf Kommando vergessen zu können. Im Grunde veranschaulicht der Vorgang sehr gut unseren Umgang mit vielen unangenehmen und daher äußerst relevanten Themen. Wenn man sich den Aufbau dieser Schafsgesellschaft so anschaut, wird die Analogie nachvollziehbar.
Auch in uns Menschen ist der Herdentrieb sehr tief verankert. Je mehr von uns auf einem Fleck verweilen, desto dümmer verhalten wir uns - selbst ohne Alkohol. Stets besteht die Gefahr, dass der Lauteste bzw. Aufgeregteste den weiteren Weg oder die Argumentation bestimmt. Hey, wer im Brustton der Überzeugung Dünnschiss von sich gibt, muss ebenfalls lange darüber Nachgegrübelt haben, oder nicht? Rational vorgetragenes Kontra geht oft im Gelärme unter. Die Schafe im Film urteilen schnell, belasten sich nicht mit einer Faktenbasis und sind nur mit Mühe wieder Einzufangen.
Dadurch, dass Fakten unangenehm sind, wird stets die einfache, direkte Lösung bevorzugt. Dinge bzw. Ereignisse werden willkürlich miteinander in Verbindung gebracht. Das begünstigt die Entstehung von Vorurteilen. Ein Lamm wird beispielsweise von der Herde ausgegrenzt, weil es in der angeblich falschen Jahreszeit geboren wurde. Warum der Winter per se einen schlechten Einfluss auf den Charakter haben soll, können die Schafe selber nicht erklären. Es ist halt so. Damit Fertig, Aus und Schluss!
Themen, die die Laune verhageln, werden entweder vertagt oder gleich komplett verdrängt. Struktureller Rassismus? Betrifft einen ja nicht. Menschen schuften wie Sklaven, damit unsere Produkte im Supermarkt billig sind? Ist ja nicht unsere Schuld, dass wir hier in einem schön reichen Land leben und die in einem Shithole-Country. Elende, brutale Massentierhaltung sieht man dem Fleisch im Kühlregal nicht an. Wir wissen um die Umstände, blinzeln sie aber beim Genuss aus unserer Erinnerung. Krieg in Hintertupfistan? Ist ja weit weg. - "Was? Flüchtlinge kommen? So geht das aber nicht! Sperrt sie in Lager außerhalb der EU, wo man sie nicht sehen kann." Was man nicht sieht, existiert schließlich auch nicht.
An einer Stelle soll die Herde wegziehen, weil ein neuer Hirte den Job übernehmen wird. Der will die Schafe schlachten lassen. Als die Herde das erfährt, ist sie so außer sich, dass sie die Informationen lieber gleich vergisst. Wenn die Erinnerung fort ist, ist logischerweise das dräuende Unheil gleich mit verschwunden. Diese Strategie umschreibt wunderbar unser Verhalten als Spezies, wenn es um existenzbedrohende Entwicklungen wie den Klimawandel geht. Obendrein reden einzelne Schafe die eigenen Fähigkeiten und ihre Einflussmöglichkeiten klein. Auch das kommt mir erstaunlich bekannt vor. Man kann nur hoffen, dass die proaktiven Teile unserer Gesellschaft nie müde werden Probleme aufzuzeigen und Lösungen zu entwickeln.
Die Schafe aus Glennkill erreichen am Ende immerhin eins: Sie überwinden ihr Vorurteil bezüglich des Winterlamms. Damit endet der Film trotz des schwachen Finales auf einer versöhnlichen Note und ich komme um eine Notschlachtung (pun inteded) herum.

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