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Eine Prise für das Empire

 

Während der sogenannten Napoleonischen Kriege (1800-1814) bekämpften sich Franzosen und Briten lange Zeit vor allem auf den Weltmeeren. Im Endeffekt handelte es sich um einen Krieg um Kolonien und somit auch Handelswege. Aus dieser Zeit stammen viele der Bilder, die fortan die Phantasie von Geschichtenerzählenden anregten: Große, mächtige Segelschiffe, Kanonenfeuer, brechende Masten, Kaperfahrten, Flauten, stürmische See, erbeutete Schätze, Breitseiten, Skorbut, Piraten und so weiter.  

In dieser Ära ist auch Patrick O'Brians Aubrey-Maturin-Romanreihe angesiedelt. Captain Jack Aubrey und sein bester Freund, der Schiffsarzt Dr. Stephen Maturin, umsegeln im Auftrag ihrer Majestät die Welt, um den Willen des Empires auszuführen. Von 1969 bis 2004 erschienen 21 Romane, der letzte wurde posthum veröffentlicht. Der Reihe wird nachgesagt, dass sie historisch sehr akkurat statt romantisierend und vor allem für maritim Interessierte ein Fundus an Detailwissen sei. Da ich bislang kein Buch der Serie kenne, vertraue ich an der Stelle auf das allgemeine Stimmungsbild, das ich aus Reviews herauslesen konnte.

Regisseur Peter Weir nahm sich 2003 des Stoffes an und verwandelte den zehnten Band Far Side Of The World in einen Film. Dass der deutsche Buchitel nicht "Am anderen Ende der Welt" oder so ähnlich lautete und stattdessen Manöver um Feuerland getauft wurde, zeigt, dass man in Deutschland nicht nur bei Filmen bemüht ist, maximal Abstand zum Original zu gewinnen. Beim Filmtitel ging man hingegen den gegenteiligen Weg: Aus Master and Commander: The Far Side Of The World wurde schlicht Master and Commander: Bis ans Ende der Welt. Geht doch! Obwohl... lustiger wäre es gewesen dem Film mit Meister und Kommandierender: Am Arsch der Welt einen dezenten Unterton mit SM Vibes zu verpassen. Sind ohnehin nur Dreibeine an Bord. Mehr Sausage-Fest gabs nur in der Truppe der Gefährten, die den einen Ring nach Mordor schleppen sollten. Hätte sich nach dem Review von Pillion vergangene Woche auch gut thematisch anschließen lassen.

Aber ich schweife ab. Zurück zur Handlung der Adaption: Im April 1805 liefert sich Jack Aubrey (Russel Crowe), Captain der Fregatte HMS Surprise, vor der Küste Südamerikas eine spannende Jagd mit dem französischen Linienschiff Archeron. Der Film zeigt dabei vor allem das Leben an Bord und mit welchen Schwierigkeiten man dort konfrontiert wird. 

Der Konflikt mit den Franzosen wird dabei inhaltlich kaum erforscht. Man wurde mit einem Kaperbrief losgeschickt und hat einen Auftrag zu erfüllen, fertig ist dieser Teil der  Handlung. Interessant finde ich, dass niemand an Bord persönliche Ressentiments gegen die Franzosen zur Sprache bringt. Der Gegner ist zwar da und wird auch als eine reale Bedrohung wahrgenommen, aber er wird nicht dämonisiert. Man ist sich an Bord der Tatsache bewusst, dass die Besatzung der Archeron ebenfalls im Auftrag eines Herrschers unterwegs ist und sich die Mission nicht ausgesucht hat. Es besteht keine Notwendigkeit den Gegner mit Adjektiven vollzupumpen. Beide Mannschaften sind primär mit dem Überleben beschäftigt. Neben einem menschlichen Gegner hat man nämlich auch gegen Naturgewalten, Krankheiten und psychischen Druck zu bestehen.

In der Mannschaft der Surprise wird als Mikrokosmos die Gesellschaftsstruktur dieser Zeit abgebildet. Die Aristokratie führt als Offiziere und Anwärter die ärmliche, wenig gebildete Mannschaft an, die zum Teil sicher nicht mal freiwillig an Bord ist. So kommt es, dass auch gerade in die Pubertät kommende Jungs, in Offizieruniformen gesteckt, das Handwerk des Kommandierens auf der Suprise lernen. 

Jack Aubrey führt sein Schiff zwar mit harter Hand, aber er ist kein Leonidas, der mit Begeistung bei den Thermopylen seine Spartaner in den Tod schickt. Respektvoll und fair, aber mit angemessener dienstlicher Distanz, spricht Aubrey zu seinen Untergebenen. Er kann es sich nicht leisten herablassend zu ihnen zu sein, weil er weiß, dass er am Ende auf ihre Kooperation angewiesen ist. Ja, er hat als Captain Macht übertragen bekommen. Auf hoher See, weit weg von der Gerichtsbarkeit des Mutterlandes, kann Macht jedoch ein fragiles Gut sein. Er ist sich als Captain dieses Umstands bewusst. Er handelt jedoch nicht aus reinem Eigennutz umsichtig. Mit der Macht hat er nämlich auch die Verantwortung für diese Männer auf sich geladen. Eine Verantwortung, die er sehr ernst nimmt.

Damit das Zusammenleben auf dem Schiff funktionieren kann, braucht es klare Regeln. Ein Verstoß gegen diese müssen daher auch streng gehandet werden. Aubrey hält sich zur Aufrechterhaltung der Ordnung an Bord streng an diese Regeln, aber er genießt Bestrafungen nicht. Gleichzeitig ist er ein Captain, der im Rahmen von Güterabwägung rasch harte Entscheidungen zu treffen weiß, selbst wenn es den Tod eines Untergebenen bedeuten könnte.  Sein Ziel ist jedoch mit so vielen Männern wie möglich wieder nach Hause zu kommen, sobald der Auftrag erfüllt ist. Der Widerstreit zwischen Auftrag und Verantwortungsbewusstsein führt immer wieder zu Situationen, in denen er mit seinem besten Freund Dr. Maturin (Paul Bettany) aneinander gerät. Der Schiffsarzt ist für Aubrey nicht nur ein Vertrauter, sondern auch ein moralischer Kompass.

Insgesamt ähnelt Jack Aubrey eher einem Jean Luc Picard als einem Jack Sparrow. Um seinen Auftrag zu erfüllen hilft ihm sein Ideenreichtum mehr als brachiale Gewalt. Auch dieser Umstand lässt seinen Charakter deutlich sympatischer erscheinen, obwohl er einem autoritären System entspringt. 

Gedreht wurde Master and Commander auf offener See, vor den Galapagos Inseln und in Wassertanks. Dadurch, dass so wenig wie möglich im Computer entstanden ist, wirkt der Film enorm haptisch und authentisch. Wenn Kanonenkugeln einschlagen, Masten brechen oder die wilde See am Schiffsrumpf zerrt, fühlt sich das stets wuchtig an. Die Gefahren, die von den sozialen Spannungen in der Besatzung, dem Gegner oder der Natur ausgehen, sind durchgehend spürbar. Ich muss gestehen, dass ich diesen Film bisher ausgelassen hatte, weil ich einen verklärten, romantisierenden Film über das Empire erwartet hatte. Jetzt bin ich froh, dass ich Master and Commander nach zwei Jahrzehnten endlich auf UHD nachholen konnte.

Belohnt wurde die Umsetzung des Romans übrigens mit zehn Oscar Nominierungen. Für Beste Kamera und Bester Tonschnitt wurden jeweils Russel Boyd und Richard King ausgezeichnet.  

Auch wenn heute massive Umbesetzungen unumgänglich wären, würde ich mich über weitere Verfilmungen zu dieser Reihe freuen. Mein Interesse ist jedenfalls geweckt mehr über die Geschichten von Jack Aubrey zu hören.

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