Wer als Beifahrer auf einem Sozius (engl. Pillion) Platz nimmt, gibt alle Kontrollmöglichkeiten aus der Hand und legt das eigene Schicksal in die des Fahrers. Das Motorrad steht somit gleichzeitig für die allumfängliche Freiheit des Fahrers als auch für dessen Verantwortung über das Wohlergehen des schutzbedürftigen Begleiters.
Damit befinden wir uns bereits mitten in der Handlung des Films Pillion von Harry Lighton. Der verloren und deplatziert wirkende Colin (Harry Melling) trifft nach einem Auftritt mit seiner Gesangsgruppe in einem Pub auf Ray (Alexander Skarsgård). Ein gestandener Mann. Ausgesprochen attraktiv, mit Gesichtszügen wie aus Stein gemeißelt, sich seiner äußeren Qualitäten bewusst und entsprechend selbstsicher in seinem Auftreten. Colin kann sein Glück nicht fassen, als sich ausgerechnet dieses Mannsbild mit ihm treffen will. Mit dem ersten, recht unkonventionell verlaufenden Date beginnt für Colin eine aufregende Zeit, in der er sich selbst und seine Bedürfnisse zu entdecken beginnt. Durch Ray tut sich ihm plötzlich eine Welt auf, von der der schüchterne, unerfahrene junge Mann bislang gar nicht wusste, dass er dort hingehört.
Pillion erzählt mit sensiblen, aber eindringlichen Bildern die Geschichte einer SM Beziehung, die manche der Zuschauenden vermutlich stark irritieren wird. Da ich durch eine Freundin ein wenig Einblick in die Dynamik von Dom-Sub-Beziehungen gewinnen durfte, kann ich sagen, das dies hier im Gegensatz zu den Fifty Shades of Poop Filmen sehr authentisch wirkt. Ray sagt an was gemacht wird und wann es gemacht wird. Colin gehorcht und wird dafür mit Zuneigung belohnt. In kleinen Dosen selbstverständlich. Man sollte es schließlich nicht übertreiben.
Doch selbst für jemanden, der nicht bereits mit einem gewissen Vorwissen in den Film geht, wird schnell offensichtlich werden, dass Ray kein selbstgerechtes Arschloch ist und Colin kein dummes Opfer. All das ist Teil eines Spiels, aus dem sich die sexuelle Spannung generiert. Dabei ist es sehr wichtig immerzu in der Rolle zu bleiben um die Illusion der Dom-Sub-Beziehung aufrecht zu halten. Egal wie gemein, demütigend oder brutal für Außenstehende die Situation wirken mag, wissen die beiden Spielenden, wo die festgelegten Grenzen sind bzw. dass jederzeit abgebrochen werden kann.
Jedoch, was die Grenzen angeht, findet dieses immens wichtige, klärende Gespräch zwischen den Protagonisten nicht statt. Colin ist eine submissive Jungfrau und weiß noch gar nicht, was er mag oder wie weit er zu gehen bereit ist. Ray wiederum interessiert sich scheinbar nicht für das Thema, was allerdings wiederum Teil seiner Rolle ist. "Wenn etwas nicht geht, wird Colin schon den Mund aufmachen.", wird er sich denken.
Hieraus generiert der Film Spannung und Konfliktpotential, und natürlich auch Humor. Vor allem wenn Colins Elternhaus mit seinem Liebesleben kollidiert gibt es viel zu Schmunzeln. Auch der schwule Bikerclub bietet eine schräge Kulisse, die einiges an Schärfe aus einigen Szenen nimmt.
Lighton nimmt die Zuschauenden nicht bei der Hand, sondern ernst. Es wird hier entgegen des Trends nicht jeder Gedanke zerquatscht, jede Emotion in Exposition erklärt. Das erwachsene Publikum ist alt genug, um verstehen zu können, wie diese sehr spezielle Beziehung funktioniert. Oder auch warum sie mal nicht funktioniert. Die Bilder werden schonungslos gezeigt, ohne verschämt die Kamera abzuwenden, wenn es intim wird. Da auch dieser Part Teil des Spiels und wichtig für Colins Reise zu einem erfahrenen Sub ist, wäre es einer Amputation der Handlung gleichgekommen, würde man diese Szenen kappen.
Der Film zieht übrigens eine klare Trennung zwischen den zwei Welten Colins. Nur weil er sich im Bett devot gibt, bedeutet das nicht, dass sein ziviles, öffentliches Ich ebenfalls auf Erniedrigung steht. In seinem Job als Knöllchenschreiber leidet er sich durch die Momente, wenn Bürger:innen ihm in den Ohren liegen oder gar frech werden. Dabei ist er zwar stets bemüht höflich zu bleiben, aber nicht aus einer devoten Haltung heraus, es handelt sich um ein dienstfreundliches Gesicht, weil er den Job braucht. Also macht Lighton klar, dass sich sexuelle Bedürfnisse nicht so ohne weiteres aus Alltagshandlungen in der Öffentlichkeit ableiten lassen. Ein Beispiel der Gegenseite: nur weil man in seinem Job viel Verantwortung für Personal trägt oder mit viel Macht umgehen muss, bedeutet das nicht, dass man beim Sex die dominante Haltung einnimmt.
Die schauspielerische Leistung ist über jeden Zweifel erhaben. Wenn man Ray genau beobachtet, streut Skarsgård besonders in der ersten Hälfte des Films immer wieder dezente Momente ein, in denen man seinem Gesicht ansehen kann, dass sich Ray unglaublich amüsiert und enorm mit sich ringen muss, um in seiner Rolle als Dom zu bleiben. Auch Melling zeigt in feinen Nuancen wie sein Colin an den Erlebnissen wächst und Selbstvertrauen gewinnt.
Pillion ist ein unterhaltsames Drama geworden, das zwar auch romantische und komödiantische Momente zu bieten hat, aber Kitsch und Klamauk gekonnt zu Umschiffen weiß.

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