Die zwischen 2009 und 2014 veröffentlichte Känguru Trilogie von Marc Uwe Kling hab ich vor über einer Dekade in der Hörbuchfassung konsumiert und ehrlich gesagt auch sehr genossen. Das Konzept und die Geschichten waren erfrischend anders, gegen den Strich gebürstet, anarchisch und prangerten auf unterhaltsame Weise Missstände im System an. Insbesondere neoliberale Player und Strukturen wurden pointiert aufs Korn genommen. Also der Sauhaufen, der uns die aktuellen Probleme zum wesentlichen Teil mitbeschert haben. Nebenher konnte man sich aus den unterhaltsamen Geschichten sogar das eine oder andere mitnehmen.
2018 wurde ein vierter Band, die Känguru Apokryphen nachgeschoben. Den hatte ich ausgelassen, da die eigentliche Geschichte auserzählt war und ich wenig Lust auf einen Band voller B-Sides hatte, mit dem man noch ein bisschen Geld aus den Taschen leiern wollte. Wirkte halt wie ein posthum veröffentlichtes Album, das nie vollendet worden war.
Unlängst wurde die Känguru Rebellion auf die Welt losgelassen und ich fragte mich mit zweifelndem Blick auf den Stand der Welt, ob die Zeit nicht sogar überreif für mehr vom kommunistischen Beuteltier sei. Angesichts zweier schrecklich lahmer, mut- und belangloser Känguru Filme hätte ich eigentlich vorgewarnt sein sollen, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
Nachdem ich die sechseinhalb Stunden lange Hörbuchfassung endlich durch habe, bin ich etwas ratlos. Ja, Marc Uwe liest sein Buch wieder tadellos vor, die Charaktere sind noch so, wie man sie am Ende der Trilogie verlassen hat und hier und dort zünden auch ein paar der Gags, aber inhaltlich bin ich schwer ernüchtert. Das Beuteltier und Marc Uwe rebellieren gegen die Zustände und haben eine Wette laufen, wer die meisten Leute zum Mitmachen überreden kann. Eine Prämisse, in der durchaus Potential schlummert. Am Ende ist sie jedoch nur der Aufhänger, um die Hörenden wie durch einen Stundenplan mit Lernstoff zu schleusen. Die unterhaltsamen, mit guten, teils hintertriebenen Einfällen gespickten Geschichten, die die Figuren sonst erlebten, vermisste ich jedoch über weite Strecken.
Der Autor verliert sich nämlich oft in einem verbissenen Rant über die Probleme auf der Welt. Im Gegensatz zu früher weiß er sie jedoch selten clever zu verpacken. Notdürftig werden um die Themen herum Storyfragmente drapiert, um notdürftig eine Situation zu konstruieren, in der eine weitere geballte Ladung Informationen rausgehauen werden kann. Ja, das gab es früher auch schon, aber es war wohldosierter und es wurde mehr aus den einzelnen Situationen gemacht. Es fühlte sich halt weniger wie ein knurriger Vortrag an. Man spürt beim Hören der Känguru Rebellion förmlich, dass neben der Tastatur eine Kladde mit einer sehr langen Liste mit Themen lag, deren Kästchen ihrer Abhakung harrten. So hangelt sich Marc Uwe schon beinah schwermütig und sichtlich pissed von Kapitel zu Kapitel, um den Lesenden zu erklären, warum die Welt gerade scheiße ist.
Bei den Fakten, die er vermitteln will, sind mir aufs erste Hinhören keine groben Schnitzer aufgefallen und ich verstehe auch seinen grundsätzlichen Missmut nur zu gut. Inhaltlich bin ich bei ihm. Es bereitete mir allerdings wenig Freude mir das Ganze anzuhören. Erheblich trug hierzu der Umstand bei, dass er mir kaum Neues erzählen konnte. Gut, das ist an der Stelle möglicherweise ein Ich-Problem, das ich ihm schwerlich anlasten kann. Auch wenn Wiederholung die Mutter allen Lernens ist, wie der Lateiner weiß, will ich am Ende primär eine Geschichte hören und mich erst in zweiter Instanz weiterbilden, falls die Option besteht. So sind die wenigen Kapitel, die sich um das das Miteinander der Figuren drehen statt sich in einer Lektion zu ergehen, auch die besten.
Doch selbst hier endet mein Gemecker nicht. Marc Uwe hat es sich in seinem Franchise spürbar zu gemütlich gemacht. Verzweifelt verschießt er Memberberries, im Versuch überhaupt noch eine Gefühlsregung auszulösen. Daneben weiß er kaum Neues aufzubauen und reitet auf Altbekanntem herum. Kreativlosigkeit im Endstadium würde ich noch nicht diagnostizieren wollen, aber ein Großteil des Wegs dorthin wurde bereits zurückgelegt. Wie bereits erwähnt sind einige nette Szenen im Buch enthalten, aber ich war von dem, was davor kam, meist derart eingelullt gewesen, dass ich mir kaum mehr als ein Lächeln abringen konnte.
Auf die Frage an wen sich die Känguru Rebellion richten könnte, fallen mir nur zwei Optionen ein.
Die eine ist ist die Gruppe Personen, die ein Informationsupdate dringend notwendig hätte. Die werden das Buch jedoch entweder gar nicht lesen bzw. hören oder sind ideologisch schon so weit abgedriftet, dass sie für den Inhalt wenig empfänglich sein werden. Man könnte einwenden, dass man vielleicht den einen oder die andere zum Konsum überreden könnte. Dann besteht jedoch noch folgendes Problem: wer will sich denn eine mehrstündige Predigt reinziehen? Der Ansatz, so gut er auch gemeint ist, ist zum Scheitern verurteilt. Mit einer aggressiv vorgetragenen Wand aus guten Infos und Argumenten stößt man diese Leute vermutlich noch mehr ab, als dass sich eine Chance eröffnen würde, sie ins Licht zurückzuholen. Man wird halt nicht gern derart offensichtlich missioniert. Ich stimme mit den meisten Standpunkten des Autors überein und sogar MIR ist der Oberlehrerton zwischenzeitlich gut auf den Senkel gegangen.
Obendrein ist das Buch mit sehr vielen Insidern vollgestopft, mit denen man als Quereinsteiger nichts anzufangen weiß. Das minimiert nochmal mehr die Chance über den Humor abgeholt zu werden. Das von Marc Uwe mit initiierte Fun-Facts-Projekt auf YouTube ist da sicherlich der sinnvollere und unterhaltsamere Ansatz, um diese Personengruppe anzusprechen.
Bliebe Zielgruppenoption Nummer Zwo: Die bereits bestehende Leserschaft, zu der ich mich ebenfalls zähle.
Allerdings werden die meisten von uns bei den Themen der Vorträge, in denen sich Marc Uwe und das Beuteltier ergehen, bereits im Bilde sein. Eine Bekehrung der Gläubigen wird ja sicher nicht das Ziel des Autors gewesen sein. Die Mühe kann man getrost als Energieverschwendung bezeichnen. Wenig lustig, wenig clever, wenig neu. Warum also der Aufriss? Wird der Aufwand nur betrieben, um die zivilen Projekte in der echten Welt anzuschieben? Die finde ich gut - keine Frage. Habe ich mich also ein halbes Dutzend Stunden lang belabern lassen, um in etwas Sinn zu sehen, was ich ohnehin schon unterstütze? In dem Fall wäre ich auf ein virtuelles Halt-mal-kurz! reingefallen.
Am Ende des Buchs hatte ich jedenfalls den Eindruck einen Hund vor mir zu haben, der sich gerade sechseinhalb Stunden lang selbst die Eier geleckt hatte und nun ziemlich zufrieden mit sich selbst war. Da wurde mir klar, dass Marc Uwe eigentlich nur eine Untergruppe der bestehendenden Leserschaft wirklich glücklich machen konnte und/oder wollte: diejenigen, die in diesen stressigen Zeiten ein wenig Selbstbestätigungsgewichse als Balsam für ihre Nerven benötigen.
Sorry, an der Stelle bin ich raus, auch wenn ich inhaltlich weitestgehend d'accord gehe. Dann lese ich lieber ein Sachbuch und bilde mich weiter.
tl;dr
Als finales Verdict muss ich leider auf einen Eintrag in der Enzyklopädia Galactica verweisen. Dort steht über den Planeten Erde folgendes zu lesen: größtenteils harmlos.

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