Nach all dem modernen Kram der letzten Wochen ist es mal wieder an der Zeit einen Film auf die Leinwand zu bringen, der als Kult-Klassiker gilt. Konnte An American Werewolf in London dem Zahn der Zeit widerstehen oder ist der knapp fünfundvierzig Lenze zählende Film reif für's Museum?
In der high-concept Horrorkomödie von John Landis befinden sich die beiden Freunde David (David Naughton) und Jack (Griffin Dunne) auf einer Trekkingtour durch England. Sie werden des nächtens im Moor von einem Werwolf überfallen. Während Jack über die Wupper geht, laden die Bewohner des nahen Dorfes den schwer verletzten David in einem Londoner Krankenhaus ab. Den Werwolf haben sie vorher netterweise - und so gar nicht zum Selbstschutz - mit ihren Jagdflinten zersiebt. Geschickt nutzen sie die unerwartete Gelegenheit die lästige Werwolfplage permanent aus ihrem Dorf zu dismissen. Darum wird David auch nicht vor Ort gesund gepflegt. Sollen sich doch die Städter mit dem Mistvieh auseinandersetzen.
Jeder, der jemals eine Werwolfgeschichte genossen hat, weiß nämlich, dass der Fluch eines Werwolfs auf ein überlebendes Opfer übergeht. Aus Davids Schicksal macht der Film dann auch keinen Hehl. Schon kurz nach Davids Erwachen im Krankenhaus, erscheint ihm sein toter, mächtig lädierter und verwesender Freund Jack. Der bringt ihn flugs auf Stand und bittet ihn darum sich doch bitte das unnütze Leben zu nehmen, bevor er noch jemandem wehtun kann. Als Bonus würde Jack dann ebenfalls erlöst werden. So ein bisschen Suizid sollte doch kein Aufwand sein, oder?
American Werewolf mixt in seinem Plot die bekannten Themen aus animalischen Trieben und Generationenschuld, jedoch leider ohne sie überzeugend aufzuarbeiten. In seinen Aussagen bleibt Landis nämlich ziemlich launenhaft. Zum einen bringt er zum Ausdruck, dass die Opfer des Werwolfs unschuldig seien. Gleichzeitig werden mehrere der Opfer mit vermeintlich moralischem Fehlverhalten markiert. Werden die Menschen also wegen ihrer animalischen Triebe Opfer der animalischen Natur des Wolfs?
Jack beispielsweise hat unzüchtige Gedanken. In der U-Bahn steht ein Mann in einer Einstellung vor seinem Tod längere Zeit vor einem Plakat, in dem ein Pornokino beworben wird. Man könnte herauslesen, dass er entweder von dort kommt oder dort hin möchte. Obendrein, verwandelt sich Jack am Ende in genau diesem Kino und labt sich an den zappelnden Menschpralinen. Bei den drei Obdachlosen könnte man mit viel bösem Willen Müßiggang und Alkoholismus herauslesen. Doch spätestens beim Mord an dem jungen Pärchen, das auf dem Weg zu einem Abendessen mit Freunden ist, wird diese Lesart durchbrochen. Zudem gibt die Reaktion der Öffentlichkeit auf die Toten keinen Interpretationsansatz, der ein gezieltes Morden durch den Werwolf bestätigen würde. Zur animalischen Natur des Wolfs würde das willkürliche Herauspicken der schwachen, einfachen Opfer viel mehr Sinn ergeben. Ich vermute, dass wir hier Szenenanteile aus einem früheren Drehbuchentwurf sehen, der einen anderen erzählerischen Ansatz verfolgt hat. In einer wohlwollenden Interpretation kann man Landis unterstellen, er würde mit der Erwartungshaltung der Zuschauenden spielen, wenn schon der Grundplot keinerlei Überraschungen verspricht. Was man bekommen wird, steht immerhin schon im Titel.
Und die Szene mit dem Pornokinoplakat? Die wird auf ein lahmes Foreshadowing reduziert, das zudem erzählerisch keinerlei Relevanz hat. Es unterstreicht jedoch meine Vermutung, hier ein Residuum eines alten Drehbuchentwurfs zu sehen.
Bezüglich des Kommentars zur Drehbuchfassung: Landis gab selbst an, das erste Skript mit achtzehn Jahren geschrieben zu haben. Das erklärt auch, warum er mal die Verwandlung zum Wolf als Analogie zur Pubertät und den aufkeimenden Trieben beschrieb. In der finalen Fassung folgen wir jedoch der Geschichte von zwei Mittzwanzigern und keinen pubertierenden Jungs. Ja, man kann also artig in seinem Review auf die Pubertät als Teil der Erzählung verweisen und wie kluk das von Landis sei, hat damit aber unrecht. In einem anderen Skirpt hätte man aus diesem Thema sicherlich eine interessante Geschichte erzählen können. Das verfilmte Drehbuch jedoch gibt dies nicht her.
Damit bliebe noch die Generationenschuld in Form des Werwolffluchs auf der Liste übrig.
Während Davids Träume, in denen er nackt durch den Wald läuft und Rehe jagt, ein schönes Bild auf die drohende Ankunft der Bestie in ihm ist, irritiert die Traumszene, in der Monster in Naziuniformen sein Heim stürmen und alle umbringen. Für den Rest des Films erwartet man halb die Ankunft von Ilsa und den Werewolf Woman of the SS oder eine andere, weniger lustige, aber sinnvolle Auflösung dieser Szene. Am Ende steht sie jedoch ganz alleine auf der Straße herum und niemand will mit ihr spielen. Will sagen: ohne weitere Anknüpfpunkte an den restlichen Plot, bleibt die Szene ein Fremdkörper. Ja, sie ist verstörend und man kann sie als Dopplung der Geschichte vom willkürlichem Mord an Unschuldigen sehen oder dass David hier den Spiegel vorgehalten werden soll: "Da, sieh was aus dir werden wird"
Doch warum träumt er dann nicht von einem Werwolf, sondern von anderen Monstern? Ich vermute ja, weil der Werwolf rein aus praktischen Gründen nicht in die Uniformen gepasst hätte. Ein Gedanke, der mich zur noch drängenderen Frage bringt: Warum ausgerechnet Naziuniformen? Landis wurde in eine jüdische Familie hineingeboren. Vermutlich sind die Nazis damit der ultimative Horror für ihn. Möglicherweise handelt es sich bei dieser Sequenz daher wirklich nur um einen ganz persönlichen Einwurf des Grauens. Für die Zuschauenden wirkt der explizite Verweis jedoch ziemlich random. Nicht falsch verstehen! Aus künstlerischer Sicht halte ich es grundsätzlich für legitim, so vorzugehen. Es ist jedoch sinnvoll eine klar erkennbare Verbindung zum Plot oder dessen Metaebene herzustellen. Dabei wäre das hier nicht einmal schwer gewesen. Fügt man nämlich ein wenig mehr Kontext hinzu, kann man den Deutungsspielraum enorm erweitern.
Wäre David explizit jüdischen Glaubens, könnte man selbst ohne eine lange Unterhaltung über Holocaust und Shoah ableiten, dass ihm das Kommende vor Augen geführt wird. Sollte er es nicht aktiv verhindern, könnte er im Begriff stehen sich in seinen eigenen schlimmsten Albtraum zu verwandeln. Er wird vor der Gefahr gewarnt, sich womöglich die gleiche Schuld aufzuladen, wenn er der Bestie nachgibt und Unschuldige tötet. Der Film kam 1981 in die Kinos. Die Verbrechen der Deutschen waren somit noch frisch im Gedächtnis der Weltöffentlichkeit. Eine lange Abhandlung wäre also unnötig gewesen und ein schlichter Verweis auf seinen Glauben hätte schon ausgereicht, um diesen Kontext herzustellen.
Andersherum hätte die Szene ebenso funktioniert. Hätte David deutsche Vorfahren, könnte man unterstellen, dass er bereits eine Generationenschuld in sich trägt und nun noch den Werwolffluch obendrauf gepackt bekommen hat. Da die Linie des Werwolfs ausgelöscht werden muss, um den Fluch zu brechen, könnte man die düstere Vorhersage herauslesen, dass Nachfahren von verbrecherischen Gruppierungen wie den Nazis irgendwann wieder diesen Ideologien anheim fallen und Gräueltaten begehen werden. Aus dem einfachen Grund, weil sie nicht anders könnten. Das wäre schon ziemlich zynisch, aber eine Aussage, an der man sich abarbeiten könnte.
Auf der anderen Seite kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Landis ernsthaft hätte zum Ausdruck bringen wollen, man müsse die Deutschen auslöschen, um ein Drittes Reich 2.0 zu verhindern. Eher gehe ich davon aus, dass die Szene in diesem Kontext dann als Mahnung gegolten hätte. Das Tier bzw. Monster ist Teil der Natur des Menschen. Sonst hätten die Nazis oder andere Gruppierungen keine Versklavung, Folter oder gar Genozid verüben können. Die Mahnung würde demnach lauten, dass der Mensch täglich gegen das Tier in sich ankämpfen muss.
Doch so wie die Handlung des Films am Ende präsentiert wird, kann man viel spekulieren ohne zu einer zufriedenstellenden Antwort zu kommen. Nicht falsch verstehen: mir geht es nicht darum, dass unbedingt die eine oder die andere Aussage in einem Film vorhanden sein muss. Es wird jedoch klar, dass Landis zu den verschiedenen Zeiten, in denen er an dem Drehbuch gearbeitet hatte, altersbedingt unterschiedliche Themen im Hinterkopf hatte, zu denen er sich äußern wollte. Herausgekommen ist ein Mischmasch an Motiven, die zusammen weder Fisch noch Fleisch sind.
Ich mag Kontinuität in einer Erzählung. Die bekomme ich in American Werewolf leider nicht in einem zufriedenstellenden Maße geboten. Eine klare Aussage muss ich nicht mögen, kann ich aber debattieren. Die muss deswegen nicht plum und plakativ vorgebracht werden. Man sollte jedoch die Botschaft klar genug herausarbeiten, damit die Zuschauenden wissen, was die Künstler zum Ausdruck bringen wollten.
Waum mir der Punkt an der Stelle ganz grundsätzlich wichtig ist: Im besten Fall ist man noch unterhaltsam oder endet als ungelenk geworfenes Hufeisen wie One Battle after Another im letzten Jahr. Im schlimmsten Fall versteht das Publikum gar nicht, was der Film überhaupt erzählen will oder es versteht die Botschaft als Gegenteil zu dem, was der Regisseur eigentlich sagen wollte. Es gab 1931 durchaus Nazis, die den Film M von Fritz Lang feierten, weil nicht verstanden wurde, dass Lang in der Gerichtszene im Finale seinen Spott über die Faschisten kübelweise auskippte. Er wollte sagen: schaut auch diese selbsternannten Volksvertreter aus Dieben, Gaunern und Halsabschneidern an! Seht, wie sie Staat spielen und die Gewaltenteilung aufheben, um am Ende ungestört ihren finsteren Machenschaften nachgehen zu können. Vermutlich war Lang selbst für viele seiner Zeitgenossen an dieser Stelle zu subtil geblieben. Nazis feierten das Ende statt sich mit der Kritik konfrontiert zu sehen.
Also ist An American Werwolf in London etwa kein Blast from the Past? ... Doch! Der Film ist gut gealtert. Er gehört halt zur unterhaltsamen Sorte Filme, denen höhere Weihen nur deshalb vorenthalten bleiben, weil man die Erzählung nicht konsequenter aufgebaut hat.
Das Pacing könnte gerade ob der schmalen Handlung etwas besser sein, aber ich mag Humor und Atmosphäre des Films. Bis zum Ende hin baut sich eine greifbare Spannung auf, die sich dann in der Verwandlung entlädt. Wenn man die sieht, versteht man, warum der Film 1981 den Oscar für das beste Make-Up bekommen hat. Der mehr und mehr verwesende Jack sieht ebenfalls fantastisch aus. Heutzutage würde man die Verwandlung wohl komplett aus der Retorte kommen lassen, aber erst die praktischen Effekte transportieren ausreichend Körperlichkeit, um Intensität und Schmerzen des Body-Horrors von American Werewolf auf die Zuschauenden zu übertragen.

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