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Einsamer Wolf im Traumschwund

Auch wenn sich die Lebensjahre langsam aber sicher bedrohlich aufeinander stapeln, wird die Liste der ungesehenen Filme nicht kürzer. Also keine Müdigkeit vorschützen: heute begeben wir uns zum Ende der Ära des New Hollywood und nehmen Michael Manns ersten Kinofilm Thief (dt. Der Einzelgänger) von 1981 in Augenschein. 

Frank (James Caan) saß über eine Dekade ein. Zunächst zwei Jahre wegen eines Raubüberfalls, bei dem er die unglaubliche Summe von vierzig Flocken erbeuten konnte, dann nochmal zusätzliche neun Jahre für einen Totschlag aus Notwehr, den er im Knast beging. Diesem Mann ist nichts geschenkt worden und er ist immer dann am besten dran gewesen, wenn er einfach nur existierte. Damit ist der Zustand gemeint, in dem es ihm egal ist, ob er tot oder lebendig ist, weil er dann nichts mehr zu verlieren hat. Nun in Freiheit wünscht er sich ein bürgerliches Leben mit Frau und Kind, aber frei von finanziellen Sorgen. Diesen Traum beginnt er nach seiner Entlassung in die Tat umzusetzen und nutzt dazu sein Talent als Safeknacker. Frank gönnt sich keinen menschlichen Ballast, wenn man von zwei Kollegen absieht, die ihm bei den Einbrüchen zur Seite stehen. Ihm geht es jedoch nicht schnell genug. Also weicht er einmal von seinem Grundprinzip ab, vollkommen unabhängig und eigenverantwortlich zu arbeiten, und lässt sich auf einen Deal mit Mobster Leo (Robert Prosky) ein. Nur Unbedarfte werden den Hinweis, dass ihm das gehörig in den Hintern beißen wird, als Spoiler deklarieren. 

Man könnte das Ende als Warnung interpretieren. Ein Leben als Gesetzesbrecher lohnt sich nicht. Wenn man Glück hat, kommt man am Ende bestenfalls ohne Verlust wieder aus der Sache hinaus. Diese Sichtweise erscheint mir jedoch ein wenig zu plakativ und wird dem Plot nicht gerecht. Ich hatte nämlich den Eindruck, dass der Regisseur die Geschichte eines verlorenen Mannes auf Sinnsuche erzählen wollte. Nach elf Jahren im Café Viereck stellt sich natürlich die Frage, wie es weitergehen soll. Auf welches Ziel könnte er als freier Mann hinarbeiten? An irgendeinem Punkt seines Knastaufenthalts hat er sich für die bürgerliche Option entschieden. Frank trägt sogar eine angeblich selbstgestaltete Collage als Manifestation dieses Traums in Postkartengröße immer bei sich. 

Doch handelt es sich wirklich um seinen eigenen Traum? Frank wirkt mit seinen beinahe schon soziopatischen Zügen nicht wie ein Mann, dem menschlichen Nähe viel geben würde. Eher wirkt es als würde er ein Programm ablaufen lassen, um nicht vollkommen ziel- und orientierungslos durchs Leben zu gehen. Womöglich hat er den bürgerlichen Traum also lediglich adaptiert; von seinem Gefängnisfreund Okla (Willie Nelson) eventuell? Okla ist der einzige Mensch, zu dem Frank wirklich eine emotionale Bindung zu haben scheint. Er gibt Frank Beziehungstipps, die dieser sogar beherzigt. Vielleicht handelt es sich bei seinem Ziel also um ein Faksimile, das er an Stelle seines Freundes Okla umsetzt. Der sitzt weiterhin ein und wird die nächsten Monate wegen seines schlechtes Zustands vermutlich nicht überleben.

Ein Traum, der nicht der eigene ist, kann sich jedoch nicht erfüllen. Erst zu spät erkennt Frank, dass er sich mit jedem Baustein, der seinen Platz in der Gesellschaft manifestiert,  zwangsweise unfreier, angreifbar und damit verletzlich macht. Würde er seinen eigenen Traum verfolgen, würde er diesen Umstand akzeptieren und für ihn kämpfen. Ganz anders Frank: er streift am Ende, ohne mit der Wimper zu zucken, alle sozialen Fesseln ab; sogar seine Werkstatt, die Angestellten und den Gebrauchtwagenhandel. Dinge, die bereits vor seiner Beziehung mit Jessie (Tuesday Weld) zu seinem Leben gehörten. Er wirft zur Demonstration seiner Entschlossenheit seinen collagierten Traum wortwörtlich als Papierknäul fort und entscheidet sich wieder das Leben eines vollkommen freien Mannes zu führen. Vielleicht wird er nach dem Abspann herausfinden wollen, was sein eigener Traum ist. Vielleicht wird er sturköpfig einen zweiten Versuch mit dem Bekannten wagen. Zuzutrauen ist diesem Charakter beides.

Glücklicherweise versucht uns Mann seinen Protagonisten nicht als Held vorzuführen. Er steht auf der falschen Seite des Gesetzes. Das alleine verschließt ihm diese Rolle. Ein Anwärter auf die klassische Antiheldenrolle ist er allerdings auch nicht. Trotz einiger gravierender Charakterschwächen ist Frank aber auch nicht vollkommen unsympathisch. Er ist verbal aggressiv, verteidigt vehement seine Ansprüche, ist nur eingeschränkt kompromissbereit und man kann ihn als gefühlskalt und berechnend beschreiben. Auf der anderen Seite lügt er sein Gegenüber auch nicht an. Er ist direkt, sagt immer seine Meinung, vermeidet so gut es geht physische Gewalt und weiß Loyalität zu schätzen. Man kann aufgrund seiner Vita nachvollziehen, wie er zu der Einstellung gekommen ist, sich die Dinge zu nehmen, die er begehrt.

An einer Stelle macht es mir Mann aber unnötig schwer mich für diesen Kerl zu erwärmen. Für eine richtige Familie benötigt Frank natürlich auch eine Frau. Diese hat er bereits seit Monaten in einem Diner wie seine übliche Beute ausgekundschaftet. Sehr sympatisch, ich weiß, unterstreicht aber auch seinen gefühlskalten, planerischen Charakter. So wie Diamanten und Bargeld weggesperrt in einem Safe liegen, ist Jessie, die in einem Diner arbeitet, auch in ihrer Lebensituation eingeschlossen. Eine Befreiung aus dieser durch Frank verspricht ihr demnach ebenso Vorteile. Die Kehrseite der Medaille darf man an der Stelle nicht unberücksichtigt lassen.

Mein Problem liegt an anderer Stelle. Frank lädt Jessie eines Tages auf ein Date ein, kommt aber zwei Stunden zu spät. Sie ist nachvollziehbar pissed und will nicht mehr mit ihm einen Kaffee trinken gehen. Also nötigt er sie so lange, bis sie in seinem Auto sitzt und mitfahren muss. Das anschließende Gespräch im Diner ist wirklich gut inszeniert und aufgrund des vermittelten Inhalts und seiner Lauflänge innerhalb des Plots zentral für Franks Motive und Charakterzeichnung. Die Einleitung zu dieser Szene stößt jedoch maximal ab. Ich will mich danach einfach nicht für Franks Befindlichkeiten interessieren. Warum dieses Zusammentreffen derart drastisch beginnen muss, erschließt sich mir nicht, zumal auch Jessies Bereitschaft, sich danach mit dem Profidieb einzulassen, dadurch unglaubwürdig wird.

Michael Mann verkauft die Zuschauenden immerhin nicht für dumm. Er begeht nicht den Fehler eine kitschige Romanze auf die Leinwand zaubern zu wollen. Im Gegenteil: Beide Figuren sind beschädigte Ware, haben Verluste in ihren Leben hinnehmen müssen und benutzen sich nun gegenseitig, um ihre Leben zu verbessern. Diese Beziehung ist also nur ein weiterer Deal in Franks Leben. Dass er diesen nicht auf die leichte Schulter nimmt und konsequent bis zum Ende durchzuziehen gedenkt, spricht wiederum für ihn.  

Wenn man die eine erwähnte, kurze Sequenz ausklammert: handelt es sich bei Thief um einen guten Film? Auf jeden Fall! Für einen Film von 1981 wirkt Der Einzelgänger erstaunlich modern inszeniert. Die vorwiegend in blaugrauen Tönen gehaltenen Bilder veranschaulichen die gefühlskalte Psyche des Profidiebs, der mit mechanischer Genauigkeit seine Aufgaben umsetzt. Ebenso mechanisch präzise sind Kameraführung und Einsatz des Scores von Tangerine Dream während der Raubzüge. Man merkt, dass Mann bei der Produktion professionellen Rat von Polizei und einem ehemaligen Profiknacker hatte. Die Heists wurden mit beinahe dokumentarischer Genauigkeit umgesetzt und sind dadurch unerwartet spannend geworden. 

Apropos präzise: Die Dialoge sind schnörkellos. Es wird nicht um den heißen Brei geredet, sondern stets Tacheles. Gäbe es eine Erzählerstimme von Frank aus dem Off, man könnte ihn für den moralisch flexiblen Helden eines Noir Krimis der 1940er Jahre halten. Immer wieder sieht man Frank beinahe verloren in den Nächten Chicagos. Eine weitere Erinnerung an die Protagonisten des Film Noir, die der unbarmherzigen Welt um sie herum kaltschnäuzig entgegentraten.

In Thief sehen wir bereits sehr viel der DNA, die erst 1995 in Manns Meisterwerk Heat zur Perfektion reifen wird. Daher handelt es sich bei seinem Kinodebut um ein Muss für Fans von Crime, Thriller und Gangsterdrama. 

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