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Bildungslücke, die

Da wir noch früh im Januar sind, sollten bei vielen Leuten die Neujahrsvorsätze nicht allzu stark abgehangen sein. Vielleicht haben sich ja einige vorgenommen ihren Horizont zu erweitern, sind aber noch auf der Suche nach konkreten Bildungslücken, die gefüllt werden wollen. Daher spreche ich heute ausnahmsweise einige Sachbuchempfehlungen aus. Ja, ich weiß, dass es in diesem Blog eigentlich um Eskapismus, also Fiktion geht. Die drei Bücher Preußen, Frühling der Revolution und Die Schlafwandler von Christopher Clark bieten jedoch eine derartige Fülle an historischen Fakten auf, dass man sie mir auch als fiktive Geschichten hätte verkaufen können. Nein, man taucht mit diesen Werken nicht in die Welt eines Schwurblers ein, der bekannte Realitäten komplett auf den Kopf stellt, weil die bisherigen Fakten Fiktion und Fiktion eigentlich die Fakten sind. 
 
Um mal nur für mich zu sprechen: Mein bisheriges Allgemeinwissen über die Geschichte Preußens und die europäischen Revolutionen 1848/1849 beschränkten sich auf einige wenige Infoschnipsel. Während die Märzrevolution immerhin ein Stück weit behandelt wurde, fand Preußen im Geschichtsunterricht quasi gar nicht statt. Mehr aus einer Notwendigkeit heraus musste der Name Otto von Bismarck zumindest mal fallen, als es um die Gründung der Sozialversicherungen ging, die die Situation der Arbeiterschicht verbessern sollten. Auch beim kaiserlichen Bündnissystem konnte man ihn nicht unter den Tisch fallen lassen. Der Unterricht über den Rückbau dieses Systems wiederum war wichtig gewesen, da es ein wichtiger Baustein in der Erklärung des Ersten Weltkrieg darstellte. Aber wurde all das in einen größeren Kontext gesetzt? Nein! Denn dafür hätte man mehr Wissen über Preußen vermitteln müssen. Es ist nachvollziehbar, dass für den Unterricht Schwerpunkte gesetzt werden. Dass man am Ende jedes Thema eigentlich nur anreißen kann, ist ebenfalls klar. Zwischen Mittelalter und dem Scheitern der Weimarer Republik sah die Wissensvermittlung der Geschichte unseres Landes an meinem Gymnasium "nur leicht" verkürzt ungefähr so aus: 
 
Seit dem Mittelalter gabs das Heilige Römische Reich Deutscher Nation mit unzähligen Kleinstaaten. Mitte des 19. Jahrhunders scheiterte eine Revolution wegen Regen. - Hihi, die Deutschen! Kannste dir nicht ausdenken! - Nach den Einigungskriegen knapp zwanzig Jahre später hatten wir auf einmal einen Kaiser. Bismarck brachte einige Zeit danach die Sozialgesetze auf zwei Steintafeln vom Berg Sinai herunter, damit die Arbeiterklasse endlich mal Frieden gibt. Nachdem der olle Zausel in Rente gegangen war, ließ sich Franz Ferdinand erschießen und eine kaiserliche Blankovollmacht an die Österreicher war dann der Anfang vom Ende. 
 
Da war sehr viel eher stiefmütterlich, manchmal sogar eindimensional behandelt worden. Heute würde ich sagen, der Unterrichtsplan hatte enormen Mut zur Lücke. Als Schüler fiel mir das nicht groß auf. Da hatte ich andere Dinge im Kopf. 
 
Ich hab mich nie groß für Preußen interessiert. Für jemanden, der an Deutschlands Westgrenze lebt, ist meine allgemeine Neugier die Hohenzollern betreffend noch geringer ausgeprägt als die an King Charles Homöopathiefetisch. Doch erst nachdem ich Clarks Buch über Preußens Aufstieg und Niedergang gelesen hatte, hab ich verstanden, dass mein geringes Interesse und auch mein quasi nicht vorhandenes Allgemeinwissen über diese Kultur, grundsätzlich gewollt ist.  - Na wenn das mal kein Aufhänger ist, um neugierig zu machen, weiß ich es auch nicht! *zwinkerzwonki*

Christopher Clark ist ein australischer Historiker mit Professur für Neuere Euopäische Geschichte in Cambridge. Mit seiner umfangreichen Abhandlung über die Geschichte Preußens kam er bereits 2007 auf die Sachbuchbestsellerlisten, ist aber spätestens mit Die Schlafwandler (2012) einem breiteren Publikum bekannt geworden. In diesem Buch nahm er die allgemein anerkannte These der besonderen Deutschen Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieg kritisch unter die Lupe. 

Damals hatte auch meine Wenigkeit von dem Buch gehört, aber erst Anfang letzten Jahres fand ich die Zeit es mir auch zu Gemüte zu führen. Aus dem Unterricht ist man es gewohnt, dass die Ereignisse, die zum Großen Krieg führten, in einem sehr engen zeitlichen und räumlichen Fokus von wenigen Wochen oder Monaten betrachtet werden. Sicherlich wird die Selektion auch aus Zeitmangel so vorgenommen, aber dieser Ansatz verengt halt auch den Interpretationsspielraum. Clark wiederum weitet den Blick, setzt in der Mitte des 19. Jahrhunderts an und analysiert von dort ausgehend u.a. zahlreiche Entwicklungen in den verschiedenen europäischen Staaten. Darunter die Funktionsweise der  Verwaltung und Kommunikation innerhalb der Regierungen, wer welche Veranwortung trug, was die Motive der unterschiedlichen Fraktionen waren, welche gesellschaftlichen Strömungen maßgeblichen Einfluss hatten und endet dort, wo viele erst beginnen sich für den Krieg zu interessieren: beim Abfeuern der ersten Patronen. 

Im Frühling der Revolution führt Clark wiederum durch die gesellschaftlichen Entwicklungen, die zu den zahlreichen Revolutionen im Europa der Jahre 1848/1849 führten. Auch in diesem Buch beginnt er einige Jahrzehnte zuvor, beschreibt Zustand von Gesellschaften und Ökonomien und begleitet selbstverständlich auch die Folgen der als gescheitert geltenden Revolutionen und ihrer Revolutionsführer. Dabei zeigt er auf, wie stark diese Jahre die Bildung und Ausprägung der Nationalstaaten im Vorfeld und dann im Nachgang beeinflussten. Erst als Letztes las ich nun Clarks Preußen-Abhandlung. Alle drei Bücher sind zwar mächtige Wälzer, aber sehr lebendig und teils spannend geschrieben. Ja, man muss eine Menge Namen verdauen können, aber passionierte Romanleser sollten auch diese Hürde schaffen. Dadurch, dass sich die drei Bücher immer wieder zeitlich und thematisch überschneiden und gegenseitig ergänzen, fängt man nicht jedesmal bei Null an. Im Gegenteil. Mit jedem weiteren Buch vernetzen sich die Einzelteile noch mehr. Die Hörbuchausgaben sind im übrigen ebenfalls sehr zu empfehlen.

Am Ende jedes dieser drei Bücher bleibt wie so oft die Erkenntnis: Es ist kompliziert. Die einfachen Antworten sind zwar nicht gänzlich falsch, blenden jedoch weite Teile der Faktenlage aus. In ihrer starken Verkürzung der Sachverhalte führten sie daher zu unfairen Wertungen und verstellen den Blick auf die historische Realität!   

Wer nun Lust bekommen hat, ein wenig das eigene Wissen über europäische Geschichte im Allgemeinen und Deutsche Geschichte im Besonderen zu mehren, sollte mit dem Buch Preußen loslegen, da es den größten Zeitrahmen behandelt. Je nach Interesse kann man mit den weiteren Bänden tiefer einsteigen. Wenn ich mir so anschaue, welche Bücher Clark sonst noch geschrieben hat, bin ich mir sicher, dass sich diese ebenfalls gut dazu eignen werden. 

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