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Wenn sich die Schwelle des Todes als Tunnel herausstellt


 
Es gibt Spielegenres, die bereits mehr als einmal für tot erklärt wurden. Point-and-Click-Adventures sind vermutlich die prominentesten Vertreter in dieser Kategorie. Dennoch weigern sie sich hartnäckig dem Siechtum nachzugeben. Hier und dort kommen noch Fortsetzungen bekannter Reihen heraus. 2022 setzte Ron Gilbert seine Monkey Island Serie fort, dieses Jahr bekam Simon the Sorcerer unlängst ein Prequel spendiert. 

Obwohl ich mich in den 90ern auf beinahe jedes Adventure-Spiel gestürzt habe, das herauskam, fällt es mir in den letzten Jahrzehnten immer schwerer mich für diese Art Videospiel zu begeistern. Zum Teil liegt es daran, dass mich die Telltale-Evolution des Genres abgestoßen hat oder schlicht der Charme oder der anarchistische Geist der alten Games fehlte. Hinzu kommt, dass ich immer weniger Verständnis dafür habe, mir beim Spielen Textwüsten durchzulesen - ja, auch dann, wenn sie vorgetragen werden. Ich bin durchaus dazu in der Lage komplexe Texte zu konsumieren und zu verstehen, wenn mich das Thema interessiert. Daran liegt es nicht. Wenn ich Spielen will, dann will ich auch Spielen und nicht stundenlang von der Action abgehalten zu werden. Gute Stories in Spielen weiß ich zu schätzen, noch mehr jedoch, wenn Dialoge nur so lange wie notwendig geschrieben sind. 
 
Ein Problem übrigens, das mich bislang davon abgehalten hat, das ClassicRoleplayingGame Warhammer 40k: Rogue Trader auszuprobieren. Das gesamte CRPG Genre leidet nämlich ebenfalls am Totsabbelsyndrom. 

Jedenfalls flog im Sommer auf Steam ein Trailer durch meinen Feed. Ein Point-and-Click-Adventure namens The Drifter von Entwickler Powerhoof aus Australien wurde angepriesen. Klassischer Pixellook, mit viel Liebe zum Detail animiert, düstere musikalische Untermalung und gute englische Sprecher. Ich war nach langer langer Zeit mal wieder hooked. Nach der Veröffentlichung entwickelten sich die Userwertungen in eine äußerst positive Richtung. Also gab ich mir selber einen Ruck und legte mir den Titel zu, der wie geschaffen für mein SteamDeck wirkte. Bereut habe ich den Kauf nicht.

Meist sind die Locations düster gehalten.

Mick Carter kehrt nach einer längeren persönlichen Auszeit in seine Heimatstadt zurück, um der Beerdigung seiner Mutter beizuwohnen. Schon bei der Einreise geht schief, was schiefgehen kann und er wird in eine Verschwörung hineingezogen. Menschen verlieren plötzlich den Verstand, eine paramilitärische Truppe entführt scheinbar wahllos Leute und ballert allzu neugierige Personen über den Haufen. Wer steckt hinter diesen Söldnern? Was wollen sie? Warum kann Mick nicht tot bleiben, wenn er mal wieder über die Wupper gegangen ist? All diese Fragen klären sich im Verlauf des Crime-Noir-Mystery-Thrillers mit Retro-SciFi-Elementen. 

Die Geschichte hat mich stark an Serien wie Twilight Zone oder Fringe erinnert. Die Geschichte um Tod, Schuldgefühle und Trauerarbeit ist, wie nach dem Trailer zu erwarten, düster erzählt, weiß jedoch mit einigem trockenen Humor aufzuwarten. Die Figuren sind interessant geschrieben und der Actionanteil ist vergleichsweise hoch. Keine Sorge: man muss keine Geschicklichkeitstests bestehen, manchmal entsteht halt ein wenig Zeitdruck, um aus einer Szene zu entkommen. Alle Situationen werden jedoch stets in typischer Adventure Rätselform gelöst.

Jetzt heißt es: Arschbacken zusammenkneifen und raus aus der tödlichen Situation

Zum Glück sind die Dialoge in The Drifter pointiert geschrieben und verlieren sich nicht in endlosem Gelaber. Ich wünschte mir, das würde man auch in der Bewegtbildproduktion wieder verstärkt beachten. Vorteilhaft für die Handlung ist, dass Mick in typischer Detektivmanier über Off-Monologe mit den Spielenden kommuniziert. Das trägt enorm zur Atmosphäre bei. Wenn es um die spielerischen Aspekte geht, dann bekommt man grundsätzlich Point-And-Click-Standardkost geboten. Das ist nicht mal negativ gemeint. Die Unterschiede zu anderen Genrevertretern findet man an anderer Stelle. 
 
Das Interface wurde maximal entschlackt. An jedem interaktionspunkt wird automatisch die passende Aktion durchgeführt. Ein langwieriges Druchprobieren der Verben "Schieben, Drücken, Öffnen" usw. bleibt einem somit erspart. Derart Retro wollte man glücklicherweise nicht werden. Auch am Controller steuert sich das Spiel angenehm. Über den Rechten Stick wird ein Ring um Mick herum eingeblendet, auf dem die POIs um ihn herum angezeigt werden. Drückt man den Stick in die entsprechende Richtung eines POI bekommt eine kurze Beschreibung oder die Interakationsmöglichkeit angezeigt. Ein überlaufendes Inventar muss man hier ebenfalls nicht befürchten. Spätestens mit Abschluss eines der neun Kapitel wird das Inventar zum größten Teil wieder geleert.  


Die Rätsel sind nicht allzu kompliziert. Sollte man dennoch mal festhängen, hilft es das Journal mit den anstehenden Aufgaben aufzurufen. Meist merkt man dann, dass man etwas vergessen oder übersehen haben muss. Powerhoof legt mehr Wert auf ein flottes Pacing der Handlung und kleinere Kopfnüsse in Kombination mit den bereits erwähnten brenzligen Situationen. Mick stirbt oft, was aber kein Problem darstellt. Zum einen muss man nicht fürchten einen alten Spielstand laden zu müssen, der bereits Stunden zurückliegt. Zum anderen gehört es zur Handlung dazu, dass Mick des öfteren mal das Zeitliche segnet. Es dauert nur einen kurzen Moment des Übergangs bis er sich kurz vor seinem Ableben wieder in seinem Körper befindet. Das Spiel nutzt also eine Art Zeitreisemechanik, um seine Handlung zu erzählen.

Ich hatte für gut zehn Stunden viel Freude mit The Drifter, obwohl ich kein Fan des Genres mehr bin. Daher kann ich allen Spielenden, die sich für den Pixellook und Storyspiele begeistern können, Powerhoofs neustes Werk ans Herz legen.

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